• Einstellungen
Donnerstag, 07.12.2017

Dutzende Tote und ein Tränenmeer

Noch nie war die Terrorgefahr in Großbritannien so groß wie jetzt, warnt der Geheimdienst. Fünf Anschläge in einem Jahr und mehrere verhindert. Was mag auf Großbritannien wohl 2018 zukommen?

Von Silvia Kusidlo

Blumen für die Opfer des Anschlags am Westminster-Palast liegen am 26. März 2017 in London vor dem weltbekannten Parlamentsgebäude.
Blumen für die Opfer des Anschlags am Westminster-Palast liegen am 26. März 2017 in London vor dem weltbekannten Parlamentsgebäude.

© dpa

London. Menschen liegen in großen Blutlachen auf dem Boden, eine von der Brücke gestürzte Frau treibt in der Themse - an dem Tag, an dem ihr Freund ihr einen Heiratsantrag machen wollte. Sie stirbt Tage später im Krankenhaus an ihren schweren Verletzungen.

Es ist der 22. März 2017, der in Großbritannien Angst und Schrecken auslöst. Der Beginn einer beispiellosen Terrorserie, bei der Attentäter 36 Menschen töten und Hunderte verletzen. Tatort des ersten Anschlags: die Westminster Bridge und das Parlament.

Wenige Stunden vor dem Attentat schlägt das Herz Londons noch so friedlich. Was für ein Glück, in einer solchen Metropole arbeiten zu dürfen, denke ich beim Eintreffen im altehrwürdigen Parlament. Dort wird ein ganztägiges Journalistenseminar angeboten. Aber mal wieder Termindruck: Ich muss mich vorzeitig von der Gruppe verabschieden.

Schüsse am Parlament, twittert Scotland Yard keine zwei Stunden später. Menschen sollen vor dem Gebäude und auf der Brücke liegen. Hubschrauber kreisen über Westminster. Was ist da bloß los? Gerüchte und Fake News tauchen in sozialen Medien auf. Das dpa-Team in London und die Kollegen im Berliner Newsroom recherchieren gemeinsam.

Später wird klar: Ein Mann hat mit einem Fahrzeug in hohem Tempo gezielt Jagd auf Fußgänger auf der Westminster Bridge gemacht und dann am Parlament einen unbewaffneten Polizisten erstochen. Fünf Menschen sterben infolge der Attacke, Dutzende werden verletzt.

Khalid Masood, der 52 Jahre alte Attentäter, wird von Sicherheitskräften erschossen. Der Polizei war der zu Gewalt neigende Brite, der zum Islam konvertiert war, nicht unbekannt. Mehrfach war er im Gefängnis und radikalisierte sich irgendwann. Ein Einzeltäter.

Der Tatort wird weiträumig abgesperrt. Gedanken schweifen ab: Warum ist der eine zur falschen Zeit am falschen Ort und der andere nicht? Neben mir am Absperrband stehen zitternd Touristen, die kurz nach dem Attentat die Themse auf einer Nebenbrücke überquert haben.

Das „London Eye“ steht still - die vielen Kinder im Riesenrad können das Blutbad von oben sehen. Hunderte Menschen aus dem Parlament, auch die Journalistengruppe, werden vorsichtshalber in die Westminster Abbey gebracht und harren bis zum späten Abend in der Kirche aus.

Und die Briten? Sie sitzen in den typisch englischen Pubs in der Nähe, trinken ihr Bier und verziehen im Interview keine Miene. Keep a stiff upper lip, heißt das auf Englisch. Trag’s mit Fassung!

Vier weitere Terroranschläge folgen in London und Manchester. Bei dem Selbstmordattentat in Manchester direkt nach einem Popkonzert reißt ein junger Mann 22 Menschen mit in den Tod, darunter Kinder und viele Jugendliche. Das bewegt dann doch sichtbar das ganze Land. Ein im Fernsehen übertragenes Benefizkonzert wird zum Tränenmeer.

Es hätte alles noch viel schlimmer kommen können. Nach Angaben des Inlandsgeheimdienstes wurden binnen eines Jahres neun Terrorattacken verhindert - eine sogar gegen Premierministerin Theresa May. Der Geheimdienst führt derzeit etwa 500 Ermittlungen durch, die 3000 Extremisten betreffen. Nie war die Gefahr durch Islamisten so groß wie jetzt, warnt der Chef der Behörde und prangert die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) als Antreiber an. Sie nutze das Internet als Propagandamaschine.

Keine drei Monate nach der Westminster-Attacke sehe ich von einem roten Doppeldeckerbus aus, wie ein Mann direkt vor dem Parlament festgenommen wird. „Messer, Messer, Messer“ sollen Passanten zuvor gerufen und so die Polizei alarmiert haben. Der Fall verschwindet vom Radar - wie viele andere Festnahmen von Terrorverdächtigen. 400 Personen wurden in zwölf Monaten bis Ende September 2017 festgesetzt - ein Rekord. Aber nur in etwa jedem vierten Fall kam es zur Anklage.

Fühlst du dich in London noch sicher?, fragen Freunde. Noch mehr Panzersperren an Straßen, höhere Polizeipräsenz, keine Abfallkörbe, die ein Versteck für Bomben sein könnten - das nimmt Angst. Aber nicht immer. Explodierende Böller, tief kreisende Hubschrauber und Verkehrsunfälle mit mehreren verletzen Passanten lassen sofort die Furcht aufkommen: Hat es einen neuen Anschlag gegeben?

Viele Londoner sehen tief unter der Erde die größte Gefahr, in der Tube. Sollte in einem der U-Bahn-Waggons eine Bombe explodieren, könnten die Folgen so verheerend sein wie im Jahr 2005. Damals zündeten Al-Kaida-Anhänger Sprengsätze in drei Londoner U-Bahn-Zügen und in einem Bus. Die blutige Bilanz: 56 Tote und etwa 700 Verletzte.

Im Vergleich dazu geht die Explosion eines selbstgebauten Sprengsatzes vor wenigen Monaten in einem Zug auf einer überirdischen Strecke fast glimpflich aus. Die Polizei nimmt einen 18-Jährigen fest. Der Anschlag verursacht kaum Schäden. Dennoch erleiden viele Menschen Verletzungen - die meisten, als sie in Panik fliehen.

Silvia Kusidlo (55) lebt in London und ist seit einem Jahr Regionalbüroleiterin der dpa in Nordwesteuropa. Die Region umfasst unter anderem Großbritannien, Irland und Skandinavien.