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Freitag, 20.10.2017

Druck im Hexenkessel

Kampfansagen gehören zum Eishockey-Derby, aber Eislöwen-Trainer Franz Steer hat noch härtere Duelle erlebt.

Von Sven Geisler

Eine Szene aus der Vorsaison: Weißwassers Dominik Bohac (l.) versucht, Eislöwen-Stürmer Marius Garten zu halten. Doch der will sich auch diesmal losreißen.
Eine Szene aus der Vorsaison: Weißwassers Dominik Bohac (l.) versucht, Eislöwen-Stürmer Marius Garten zu halten. Doch der will sich auch diesmal losreißen.

© Robert Michael

Das Pressegespräch ist offiziell schon beendet, als Franz Steer seine persönliche Weißwasser-Geschichte erzählt. Als Trainer von Rosenheim ist er ungern dorthin gefahren – und manchmal mit einem dicken Hals zurück. Dabei hat es ihn erwischt. „Eigentlich bin ich ein Langsamfahrer, andere schimpfen über mich“, meint der 59-Jährige. Aber auf dieser Fahrt durch die nachtschlafende Provinz wurde er geblitzt: mit 95 km/h in einer 80er-Zone.

Nun fährt er am Freitag wieder in die Lausitz, diesmal jedoch im Mannschaftsbus der Dresdner Eislöwen. Es ist sein erstes Sachsenderby als Chefcoach, aber den Charakter solcher Nachbarschaftsduelle kennt Steer aus seiner Zeit als Spieler in seiner bayerischen Heimat: für Landshut gegen Rosenheim. „Das war Krieg auf dem Eis und neben dem Eis“, sagt Steer. „Wenn du dort in die Bande gecheckt wurdest, konnte es passieren, dass dir auch noch ein Zuschauer einen mitgegeben hat.“

Seinerzeit hätten die Spieler eine stärkere Identifikation mit dem Verein gehabt. Das sei heutzutage wegen der hohen Fluktuation schwieriger und eher noch in Weißwasser gegeben. Bei den Füchsen stehen außer Kapitän André Mücke drei weitere Spieler im Profi-Kader, die im eigenen Nachwuchs ausgebildet wurden.

Steer lässt dagegen die Dresdner Talente trotz des Personalnotstandes noch nicht ran. Er hätte kein Problem damit, George Saakyan, der am Donnerstag 17 wurde, oder Arne Uplegger (19) dazuzunehmen, aber sie seien verletzt oder krank gewesen und deshalb körperlich dem Einsatz bei den Senioren erst recht nicht gewachsen.

Schwierige Suche nach Ersatz

Außer den langfristig zu ersetzenden Petr Macholda und Matt Siddall verzichtet der Trainer an diesem Wochenende weiter auf Steve Hanusch und Torwart Sebastian Stefaniszin. „Wir wollen nichts riskieren. Wenn auf eine Verletzung etwas obendrauf kommt, wird es schlimmer.“ Die Eislöwen halten weiter Ausschau nach einem Ersatz vor allem für Verteidiger Macholda, der nach einer Schulter-Operation bis ins Frühjahr ausfällt.

„Ich versuche, den besten Spieler zu bekommen, egal, ob Stürmer oder Verteidiger“, sagt Steer. Das eine Problem: „Spieler, die jetzt auf dem Markt sind, haben lange nicht gespielt, sind nicht in der Form. Die brauchen erst sechs Wochen, bevor sie uns weiterhelfen.“ Einen Favoriten hat er jedoch schon, doch der hat ihn auf die nächste Woche vertröstet. Das andere Problem: „Wir müssen kurzfristig eine Entscheidung treffen, die langfristig Geld kostet.“

Steer ist jedoch überzeugt, dass die Mannschaft den personellen Engpass auch in Weißwasser und am Sonntag zu Hause gegen Spitzenreiter Bietigheim gut überspielt. Dass der Druck im Aufeinandertreffen der sächsischen Rivalen größer ist, sei kein Argument. „Druck hat jeder Eishockeyspieler“, meint der Chefcoach – und verrät, wie er damit klargekommen ist: „Für mich waren es die besten Spiele, wenn es über den Kampf ging, man gleich am Anfang eine mitbekommen hat, das Blut lief und man sich wehren musste. Jeder geht mit Druck anders um, mancher kann dadurch eine extreme Leistung abrufen.“

Der einzige Unterschied zu jedem anderen Spiel sei, dass die Bude voll ist. „Die Zuschauer machen es zu etwas Besonderem“, meint Steer. Und Stürmer Marius Garten, seit 2015 in Dresden und damit einer der dienstältesten Eislöwen, spricht von einem „Hexenkessel“, der einen „ein bisschen mehr pusht“. Eine gewisse Nervosität sei deshalb nicht nur erlaubt, sondern gehöre ausdrücklich dazu. „Vor dem ersten Wechsel muss der Puls schon ein bisschen hoch gehen, man muss geil sein auf das Spiel.“ Letztlich gehe es jedoch wie in jeder Partie um drei Punkte, sagt Garten und verweist auf die Vorsaison. „Da haben wir fast jedes Derby verloren, aber am Ende vor Weißwasser und Crimmitschau gestanden.“ Das Gefühl täuscht ein wenig: Es waren nur fünf von acht Duellen, darunter allerdings die beiden in Weißwasser mit 0:3 und 2:3.

In der Lausitz freut man sich auf den Besuch. „Die ,besten Freunde‘ kommen“, heizt der Verein auf seiner Internetseite schon mal vor. „Wir freuen uns auf ein enges, hartes Derby zwischen zwei Teams, die gutes Eishockey spielen können“, sagt Füchse-Trainer Hannu Järvenpää. In Weißwasser kommt nach einem mäßigen Saisonstart und erst neun Punkten zwar noch keine Unruhe auf, trotzdem wäre ein Sieg gegen den Konkurrenten aus Dresden ein willkommener Stimmungsaufheller. Garten aber sieht die Eislöwen im Vorteil: „Vom Kader und von dem, was wir bisher gezeigt haben, sollten wir überlegen sein.“ Klappern gehört zum Derby.

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