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Sonntag, 31.12.2017

„Dresden wird allmählich so, wie ich es mir vorstelle“

Oberbürgermeister Dirk Hilbert will die Stadt verändern. Doch es gibt aber Tabus. Im SZ-Gespräch erzählt er, was er im kommenden Jahr vorhat.

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Dirk Hilbert ist seit 2015 Oberbürgermeister von Dresden.
Dirk Hilbert ist seit 2015 Oberbürgermeister von Dresden.

© Rene Meinig

Im Januar ist ein neues Kunstwerk auf dem Neumarkt geplant. Ob 2018 dadurch ähnlich kontrovers für Dresden beginnt wie das fast abgelaufene Jahr mit dem Bus-Monument an der Stelle, wird sich zeigen. Im SZ-Interview erklärt Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP), welche Intention dahinter steht, was Dresden 2017 bewegte und weiter für Herausforderungen sorgt – wie etwa der Fachkräftemangel – was für ihn Höhe- und Tiefpunkte waren und was uns 2018 erwartet. Dazu zählt auch, dass es wieder einen Neujahrsempfang des Oberbürgermeisters geben wird.

Herr Hilbert, wann waren Sie zuletzt in einem Restaurant oder beim Friseur?

Im Restaurant in den vergangenen zehn Tagen bestimmt mal dienstlich. Friseur wird höchste Zeit (lacht).

Der Fachkräftemangel ist in vielen Branchen akut. Restaurants legen Schließtage ein, weil Köche fehlen. Wird das zu einem Problem?

Das Problem ist nicht neu. Unsere Studien haben das bereits vor Jahren ergeben. Die Frage ist, was ich tun kann oder was die Stadt bereits getan hat. Wir brauchen gut ausgebildete Menschen. Die Stadt engagiert sich im außerschulischen Bereich, um die Ausbildung zum Facharbeiter zu stärken. Wir haben ein Schüleraustauschprogramm für Ober- und Berufsschulen gestartet, um uns internationaler aufzustellen. Auch Lernlabore bauen wir aus. Ein Angebot wie hier finden sie so in kaum einer anderen Stadt. Wir haben seit Jahren den Juniordoktor und wollen jetzt angelehnt daran den Juniormeister einführen. Dazu haben wir uns gemeinsam mit der Handwerkskammer verpflichtet.

Ohne diese Schritte gäbe es irgendwann zu wenige Friseure oder Restaurants?

Die Kollegen vom Ifo-Institut sagen immer: Es wird nie eine Unterversorgung geben. Demnach wird immer eine Relation zwischen Angebot und Nachfrage da sein. Es würden aber die Preise steigen. Deshalb wird es kein Problem, einen Platz in einem Restaurant zu finden. Allerdings ist die Frage, ob sie einkommensstark genug sind, um die erhöhten Tarifanforderungen realisieren zu können. Sonst könnte es dadurch zu Schließungen kommen.

Im Januar ist ein neues Kunstwerk auf dem Neumarkt geplant. Bereits zu Beginn dieses Jahres stand dort das erste Kunstwerk. Die Hochkant-Busse erregten Gemüter. Bleibt das nun immer so?

Wir haben mit Kunst eine gesellschaftliche Diskussion in die Wege geleitet. Das soll schon prägend für die Stadt sein. Deshalb richten wir die Bewerbung als Kulturhauptstadt 2025 danach aus: Kunst und Kultur als Anker, der unsere Gesellschaft zusammenhält und Impulse setzen kann. Ich freue mich, dass Projekte, die ihren Ausgangspunkt in Dresden hatten, in die Republik gehen, Inspiration geben. Damit können wir die nationale und europäische Diskussion aus Dresden heraus anregen. Das hat die Installation Monument geschafft.

Die von Ihnen initiierte internationale Bürgermeisterkonferenz auch?

Die hatte zwei Ziele: Inspiration für unsere eigene Arbeit und uns stärker in internationale Debatten als Stadt Dresden einzumischen. Beides hat sie erfüllt. Es wurden Akzente gesetzt. Ich habe viele positive Rückmeldungen erhalten und wir werden mehr gefragt, Ideen in Europa einzubringen.

Sie wollen Dresden zur Vorzeigestadt bei der Integration von Flüchtlingen und im Umgang mit der gesellschaftlichen Spaltung machen. Klappt das?

Wir haben eine ganze Reihe von Akzentuierungen gesetzt. Ich bin mit dem Erreichten nicht unzufrieden.

Was wurde konkret geschafft?

Ich werde jetzt nicht im Detail abrechnen, welche Veranstaltung zu welchem Ergebnis geführt hat und was ich mir dabei gedacht habe. Ich verfolge konsequent meine Strategie, öffentlich darüber zu philosophieren gehört nicht dazu.

Sehen Sie eine positive Entwicklung in der Dresdner Gesellschaft?

Ich denke, wir haben 2017 einen weiteren Schritt gemacht zu einem Dresden, wie ich es mir vorstelle. Trotzdem lasse ich mich nicht auf eine Einzelabrechnung ein und gebe keine Ziele aus. Wenn ich das mache, werde ich grandios scheitern.

Was war für Sie das herausragende Ereignis in diesem Jahr?

Der Tag im Juni als die zwei großen Ansiedlungsprojekte verkündet werden konnten: die Chipfabrik von Bosch und das neue Werk von Philip Morris. Das sind außerordentliche Tage, an denen ich mich sehr freuen kann. Dahinter steckt viel Arbeit im Vorfeld und noch mehr im Nachgang.

Was stach negativ heraus?

Über Pöbeleien, die ins persönliche Umfeld gehen, ist man nicht erfreut. Angriffe unter der Gürtellinie gehören nicht in die Zivilgesellschaft. Auch wenn ich ein öffentliches Amt ausübe, gibt es Grenzen.

Was meinen Sie konkret?

Wir haben kistenweise Post und E-Mails bekommen. Da gibt es sachliche Kritik, mit der ich mich auseinandersetze. Es gab aber auch Zuschriften, die weit von einer sachlichen Auseinandersetzung weg sind.

War die Debatte zum lokalen Handlungsprogramm für ein vielfältiges und weltoffenes Dresden – mit Nazivergleichen durch die CDU im Stadtrat – nicht auch ein Tiefpunkt?

Manchmal hangeln wir uns von einem Tiefpunkt zum nächsten. Es hat mich traurig gemacht, dass der Stadtrat sich in seiner Auseinandersetzung nicht qualifizierter zeigte. Man erwartet von gewählten Verantwortungsträgern, dass sie eine gewisse Vorbildfunktion übernehmen. Das ist Teilen des Stadtrates da nicht gelungen.

Was war Ihr privater Höhepunkt in diesem Jahr?

Die Schuleinführung meines Sohnes.

Sie geben einen Neujahrsempfang. Weshalb führen sie ihn wieder ein?

Ich lade am 18. Januar in den Kulturpalast, den wir in diesem Jahr wiedereröffnen konnten. Der Empfang wird gemeinsam mit der Bürgerstiftung ausgerichtet. Es wird meine Neujahrsansprache geben, ein Konzert der Philharmonie und wir wollen uns herzlich bei denen bedanken, die sich ehrenamtlich für unsere Stadt engagieren. In der Vergangenheit konnte ich Veranstaltungen beiwohnen, die nicht dem Niveau entsprachen, um das Ehrenamt angemessen zu würdigen. Ohne ehrenamtliches Engagement wäre jede Kommune jedoch nur ein Bruchteil so Lebenswert.

2002 waren es rund 2 400 Besucher. Wie viele werden es dieses Mal?

So viele wie in den Kulturpalast passen.

Was kostet der Empfang?

Deutlich weniger als wir dem Ehrenamt verdanken!

Ehrenämter gibt es viele. Gibt es einen Schwerpunkt?

Es wird künftig unterschiedliche Schwerpunkte geben. Für 2018 haben wir die Aufforderung des Bundesinnenministers aufgenommen, an die vielen ehrenamtlichen Wahlhelfer zu denken, die das mindestens fünf Mal gemacht haben. Aber es werden auch andere Ehrenamtliche geladen.

Welche großen Projekte wollen Sie 2018 umsetzen oder beginnen?

Für die Kulturhauptstadtbewerbung wird 2018 entscheidend. Wir werden hart daran arbeiten, unser Konzept so weit voranzubringen, dass wir Ende des Jahres die Bewerbung nahezu abgeben könnten. Denn 2019 wird der erste Termin dafür sein.

Wir müssen im kommenden Jahr auch Lösungen finden, um attraktive und bezahlbare Wohnangebote für Familien zu schaffen. Dafür müssen wir mit der eigenen Wohnungsbaugesellschaft auf den Weg kommen. Aber auch Wege finden, Familien zu ermöglichen, dass sie sich im Stadtgebiet ein Eigenheim bauen können.

Zudem wird es um eine noch engere Verzahnung mit dem Umland gehen: bei Gewerbeflächen, dem öffentlichen Nahverkehr, Versorgern, den Sparkassen und mehr. Ich will Dresden als Stadt der modernen Infrastrukturen vorantreiben. Da geht es vor allem um Digitalisierung, sanierte Schulen und Ladestationen für E-Autos

Für eine noch bürgerfreundlichere Verwaltung müssen die Grundlagen für eine Konzentration der zentralen Standorte gelegt werden. Übrigens auch, um attraktiver Arbeitgeber zu sein. Wir werden in den nächsten Jahren einen hohen Altersabgang haben. Wie am Anfang besprochen, fehlen aber ausreichend gut ausgebildete Menschen. Wir müssen massiv kämpfen, die besten Leute in unsere Stadtverwaltung zu bekommen. Nur damit können wir bestmögliche Arbeit für die Bürger leisten.

Das Gespräch führte Andreas Weller.

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Leser-Kommentare

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Insgesamt 79 Kommentare

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  1. Fazit

    Wow. Der große Erfolg ist die Ansiedlung einer Zigarettenbude. Ansonsten viel bla bla und durch die Blume das Eingeständnis, dass der Versuch der Gehirnwäsche und Umerziehung gescheitert ist.

  2. Fragender

    Werter Herr Weller, ihre Fragestellungen ermögliche Herrn Hilbert das übliche Blabla los zu lassen. Mich würde vielmehr interressieren welche positiven Entwicklungen in Dresden ihm und seinem persönlichen Zutun zu verdanken wären. Die Spaltung der der Dresdener Bürgeschaft hat er erreicht. Noch etwas ?

  3. Hundling

    Wie wäre es, wenn man den Leuten so hohe Löhne zahlt, dass sie sich a) Restaurantbesuche leisten können und b) unterbezahlte Gastronomen und Fachkräftemangel kein Thema mehr sind. Ach ja: Auf die Ansiedlung eines Tabakfabrikanten wäre ich ganz bestimmt nicht stolz.

  4. Juliane

    Auch Herr Hilbert hat das mit der Fachkräftemangel-Lüge nicht verstanden. Solange Leihfirmen über entsprechendes Personal verfügen, gibt es logischerweise auch das benötigte Personal. Wir haben gut ausgebildetes Personal! Das möchte natürlich auch anständig bezahlt werden und vernünftige Arbeitsbedingungen haben. Und, verehrte SZ, hier war es wieder möglich den Link zu dem ach so tollen Kunstwerk einzufügen. Gestern hattet ihr einen Artikel über das Sportabzeichen. Da war es seltsamerweise nicht möglich für den spontan Interessierten einen Service-Link einzufügen.

  5. Max

    Ich möchte einen OB, der Dresden für Dresdner gestaltet und nicht für sich, nach dem Motto: "Dresden wird allmählich so, wie ich es mir vorstelle". Ein Offenbarungseid.

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