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Mittwoch, 25.04.2018

Do-It-Yourself: Was steckt hinter dem DIY-Trend?

Die DIY-Branche erlebt aktuell einen regelrechten Boom.

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Bild: Etwas Eigenes zu kreieren liegt in der DACH-Region wieder voll im Trend. | Foto: fotolia.com © Syda Productions #200254695
Bild: Etwas Eigenes zu kreieren liegt in der DACH-Region wieder voll im Trend. | Foto: fotolia.com © Syda Productions #200254695
Bild: Es zieht uns wieder zu den guten alten Dingen zurück, sei es nun Backen, Nähen oder Handwerken. | Foto: fotolia.com © Alena Ozerova # 198815214
Bild: Es zieht uns wieder zu den guten alten Dingen zurück, sei es nun Backen, Nähen oder Handwerken. | Foto: fotolia.com © Alena Ozerova # 198815214
In den eigenen vier Wänden kann man einige Arbeiten oft auch ohne einen Fachmann bewältigen. | Foto: fotolia.com © highwaystarz # 96379033
In den eigenen vier Wänden kann man einige Arbeiten oft auch ohne einen Fachmann bewältigen. | Foto: fotolia.com © highwaystarz # 96379033

Den Deutschen steht der Sinn nach Heimwerken, sei es in den eigenen vier Wänden, im Garten, bei der Reparatur von technischen Geräten oder der Herstellung von Dekoration, Möbeln & Co. Immer öfter lautet das Motto „Do-It-Yourself“. Aber wieso? Was steckt hinter diesem Trend?

„Do-It-Yourself“ – ein Motto, welches derzeit auf vielen Plakaten, in der Radiowerbung oder in speziellen Fernsehsendungen zu finden ist. Es entsteht der Eindruck, als befände sich die deutsche Gesellschaft im DIY-Fieber. Tatsächlich ist die Branche nicht nur in Deutschland, sondern in der gesamten DACH-Region, sehr wirtschaftsstark und wächst in einem enormen Tempo.

Hierzu gehören beispielsweise Heimwerker- sowie Baumärkte, Gartencenter und der entsprechende Fachhandel. Nachdem der DIY-Kernmarkt im Jahr 2014 einen herben Dämpfer erlebte, befindet dieser sich seither in einem starken Wachstum. So stark, dass bereits flächendeckend von einem Boom gesprochen wird. Laut dem Bundesverband Deutscher Heimwerker- und Baumärkte lag im Jahr 2016 der Branchenumsatz bei 45 Milliarden Euro. Das umsatzstärkste Sortiment stellen dabei Sanitärinstallationen, Baumaterial, Elektrogeräte sowie Malerzubehör, Werkzeug und Gartenausstattung dar. Nun drängt sich die Frage auf: Woher kommt der plötzliche Trend und wird er bleiben oder handelt es sich lediglich um eine Modeerscheinung?

Das Heimwerken wird immer mehr zur Freizeitbeschäftigung

Die Freizeit der Deutschen wird immer mehr durch digitale Medien gestaltet. Das Smartphone, die Spielekonsole und der Fernseher nehmen in den Haushalten eine wichtige Rolle ein, sei es zur Informationsbeschaffung oder für das reine Entertainment. Durchschnittlich 225 Minuten verbringt der Durchschnittsbürger vor dem Fernseher – und zwar pro Tag. Das zieht zahlreiche negative Folgen wie Übergewicht, Vereinsamung, Konzentrationsschwierigkeiten oder eine stumpfe Unzufriedenheit mit sich. Letztere resultiert aus dem Gefühl, sein Leben „passiv“ zu verbringen, anstatt „aktiv“ etwas zu leisten. Dieser dürfte einer der Gründe sein, weshalb sich der DIY-Trend als Gegenbewegung zur Digitalisierung aktuell so rasant in der Gesellschaft verbreitet. Das Heimwerken löst also zunehmend passive sowie digitale Freizeitbeschäftigungen ab. Es bedient den natürlichen Drang des Menschen, mit den eigenen Händen etwas zu leisten, sei es Neues zu bauen, Altes zu reparieren oder in anderer Form „tätig“ zu werden. Wer am Ende verschwitzt, mit Furchen in den Händen und Schmutz auf der Kleidung auf sein Werk blickt, empfindet eine deutlich tiefere Befriedigung als es das Fernsehen, die Spielekonsole oder ein anderes digitales Medium zu leisten vermag.

DIY wird in einer modernen Welt mit Tradition assoziiert

Es ist wie so oft im Leben: Ein Trend kommt. Er geht. Er kommt zurück. Lange Zeit galten Hobbys wie das Heimwerken, Stricken, Nähen oder Backen als veraltet. Nun scheinen viele Menschen im Zuge der Digitalisierung genug zu haben von der Informationsflut im Internet und der unwirklichen Scheinwelt auf Social-Media-Plattformen. Sie werden am Morgen bereits vom Smartphone geweckt, verbringen den Arbeitstag vor dem Laptop und den Abend vor dem Fernseher. Was zu Beginn aufregend war, schlägt langsam in das Gegenteil um. Die „Digital Natives“ – also jene Generation, welche bereits seit der Kindheit mit digitalen Medien aufgewachsen ist – wird derer langsam überdrüssig. Sie sehnen sich zunehmend nach Ruhe. Das Smartphone abschalten. Sich ganz und gar auf die Arbeit mit den Händen konzentrieren und dadurch ein „Ergebnis zum Anfassen“ produzieren, anstatt nur eine virtuelle Datei oder ein Posting auf Instagram. Das klingt plötzlich mehr verlockend als veraltet. Es war daher wohl nur eine Frage der Zeit, bis der DIY-Trend wieder zurückkehrt. Backen, Gärtnern, Stricken – diese Hobbys gehören nun erneut zu den ganz normalen Freizeitbeschäftigungen deutscher Arbeitnehmer nach dem Feierabend.

„Do-It-Yourself“ ist Urlaub für das menschliche Gehirn

Neben weiteren Trends wie Yoga oder Meditation stellt auch das Heimwerken beziehungsweise die Handarbeit eine Art Urlaub für das Gehirn dar. Dieser wohltuende Effekt dürfte ein Hauptgrund für die Wiederentdeckung der Leidenschaft für Handgemachtes in der deutschen Gesellschaft sein. Aber woraus resultiert er? Je mehr sich ein Mensch in sozialen Netzwerken bewegt, desto schneller verändert sich sein Gehirn. Zu diesen Veränderungen gehört beispielsweise eine Art Sucht nach „Likes“, „Shares“ oder anderer Form der virtuellen Bestätigung. Doch nicht nur Social Media, sondern die Komplexität im Internet selbst, die Informationsflut im Fernsehen, die blinkenden Messages auf dem Smartphone und der ständige Lärmpegel durch das im Hintergrund schallende Radio setzen den menschlichen Körper einem unheimlichen Stress aus. Diese Reizüberflutung behindert die Entwicklung und Funktion des sogenannten frontalen Cortex im Gehirn und damit jenes Bereichs, der für Empathie, Frustrations- und Impulskontrolle sowie die Fähigkeit zur Planung von Handlungen notwendig ist. Neben der Konzentration leiden also auch soziale Kompetenzen und das Belohnungszentrum im Gehirn ist plötzlich von der Anzahl an „Likes“ unter einem Foto abhängig. Um diesen Entwicklungen entgegenzuwirken, müssen sämtliche digitale Medien regelmäßig abgeschaltet werden. DIY eignet sich optimal für eine solche Auszeit. Anstatt Multitasking gibt es wieder „Singletasking“ und die ausschließliche Konzentration auf ein Projekt. Obwohl vielen Menschen diese Auswirkungen überhaupt nicht bewusst sind, merken sie schnell die positiven Effekte der Handarbeit auf ihr Wohlbefinden – und entwickeln daraus ein neues Hobby.

Ein Drittel der Deutschen möchte durch DIY auch Geld sparen – oder verdienen

Dementsprechend gaben in einer Umfrage von Statista und YouGov 48 Prozent der Befragten an, DIY als Hobby zu pflegen. 53 Prozent begründeten ihre Wahl mit dem Spaß am Handwerklichen. 47 Prozent stellen gerne originelle Geschenke für andere her – 43 Prozent werkeln lieber für sich selbst. Interessant ist jedoch auch die Erkenntnis, dass sich 34 Prozent der Heimwerker durch ihr Hobby finanzielle Einsparungen erhoffen und fünf Prozent möchten sogar etwas Geld damit verdienen, indem sie ihre DIY-Ergebnisse zum Beispiel auf entsprechenden Internetplattformen verkaufen. Auch im Internet ist der Boom nämlich mit speziellen Shops für Selbstgemachtes bereits angekommen. Der finanzielle Aspekt spielt beim Heimwerken demnach eine wichtige Rolle. Solche Einsparungen sind einerseits bei Anschaffungen möglich, wenn die Gartenmöbel beispielsweise selbst gebaut werden, anstatt im Gartencenter gekauft. Andererseits kann man auch einige Reparaturen selbst vornehmen und spart sich somit die Handwerkerkosten. Im Internet findet man heutzutage viele Tipps und Tricks, um beispielsweise die kaputte Pumpe in der Waschmaschine auszutauschen oder den Akku einer elektrischen Zahnbürste. Somit ist das Heimwerken nicht nur eine Leidenschaft, sondern für viele DIY-Fans auch schlichtweg ein praktisches Mittel zum Zweck.

Kreativität, Männlichkeit, Kontrolle – so individuell sind die DIY-Fans wirklich

Schlussendlich dürfte jeder Fan der „Do-It-Yourself“-Bewegung aber seine eigenen Beweggründe für das Hobby haben. Die einen möchten ihrer Kreativität freien Lauf lassen. Die anderen machen ihren Kindern mit einem selbstgestrickten Schal eine Freude und viele Herren der Schöpfung sehen im Heimwerken den Ausdruck ihrer Männlichkeit. DIY bedeutet zudem Kontrolle und eben diese vermissen viele Menschen in den aktuell so komplexen und oftmals auch überfordernden Zeiten. Ein Stück weit liegen die Sparsamkeit und damit der Hang zum Selbermachen wohl auch schlichtweg in der deutschen Tradition. Schließlich blieb vielen Menschen im Nachkriegsdeutschland keine andere Wahl, als selbst mit anzupacken. Der Überfluss in den 60er-Jahren führte wiederum zur Gegenbewegung des Minimalismus und nun ist es die Digitalisierung, welche die nächste DIY-Welle in die Gesellschaft bringt. Es handelt sich also nicht um einen neuen Trend, sondern das Heimwerken kehrt als Modeerscheinung in regelmäßigen Abständen wieder zurück. Es bleibt wohl auch dieses Mal nur eine Frage der Zeit, bis der Boom wieder nachlässt – und anschließend in einigen Jahren zurückkehrt.

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