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Samstag, 19.05.2018

Die tausendjährige Linde erzählt

Das Kaditzer Wahrzeichen hat Feuer, Sturm und Krieg überlebt. Doch für die nächsten Jahrzehnte braucht es gute Pflege.

Von Nadja Laske

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Was weg muss, muss weg: Ein Mitarbeiter der Firma Baumpflege Fleischer bringt die Krone der Kaditzer Linde in Form.
Was weg muss, muss weg: Ein Mitarbeiter der Firma Baumpflege Fleischer bringt die Krone der Kaditzer Linde in Form.

© Sven Ellger

So früh jagt man keinen Vogel aus dem Nest! Schon gar nicht bei dem Wetter. Bindfäden hat es geregnet, gestern Morgen. Da rückt doch gegen sieben dieses monströse Fahrzeug an, quietschorange und mit Kranarm oben drauf. Zuerst habe ich mich gar nicht angesprochen gefühlt. Dachte, der Spuk gehört zum Pfarrhaus der Emmauskirche gleich nebenan. Das wird ja gerade saniert. Aber da waren sie schon direkt unter meinem Blätterdach, die vier Kollegen von der Baumpflege Fleischer.

Besuch bin ich ja gewohnt. Als ältester Baum im ganzen Stadtgebiet kommen dauernd Menschen vorbei und bewundern mich. Sie nennen mich die „1000-jährige Linde“. Das macht mich stolz, auch wenn es wohl ein wenig übertrieben ist. So genau können selbst Experten nicht sagen, wie alt ich wirklich bin, doch nach Untersuchungen vermuten sie, mindestens 850 Jahre. Ehrlich gesagt, weiß auch ich kaum, wann ich gepflanzt wurde. Das Datum ist mir über die Jahrhunderte entfallen. Doch ich meine, mich daran zu erinnern, dass ich mitten im Kaditzer Dorfkern in die Erde kam, so um 1270, als es hier nur vier Häuser und die Laurentiuskapelle als Vorgängerin der Emmauskirche gab.

Gerangel unter der Friedhofserde

Wenn sich die Leute zu meinen Wurzeln mal Zeit nähmen, könnte ich ihnen viel erzählen – von unzähligen Hochzeiten, Taufen und Begräbnissen, die ich beobachtet habe, von Verliebten, die sich an meinem Stamm trafen und leider auch von Krieg und Grauen. Meine Kindheit war eigentlich ganz beschaulich, aber dann begann der Stress. Erst haben die Hussiten die Kapelle angezündet und mich beinahe mit erwischt, dann tobte der Dreißigjährige Krieg durchs Land, und die neu aufgebaute Kirche stand schon wieder in Flammen. Ich hatte noch einmal Glück, kam mit ein paar Brandflecken davon. Und wenn ich mich an diese schwedischen Truppen erinnere, die rund um mich lagerten! Ich war so froh, als wieder Ruhe einkehrte.

Eine Totenruhe sozusagen. Schließlich beschatte ich den Kaditzer Friedhof. Der war durch Not, Mord und Totschlag ganz schön voll, dabei brauche ja auch ich meinen Platz unter der Erde. Als 1839 eine Zeitschrift schrieb, ich habe mich von den vielen Leichen genährt, fand ich das echt makaber. Aber wahr ist: Ich wuchs zu einer stattlichen Sommerlinde heran und wurde dem Enkel Augusts des Starken so wichtig, dass er meine Daten erfassen ließ. Fast zwölf Meter soll mein Stamm im Umfang gemessen haben.

Weil aller guten Dinge drei sind, überstand ich 1802 einen dritten Brand, sodass ich zehn Jahre später Napoleons Truppen begrüßen konnte. Doch kaum waren sie vorbeigezogen, hat es mich übel erwischt. Wieder wütete ein Feuer, so schlimm, dass 19 Bauernhäuser, 30 Scheunen und das Pfarrhaus abbrannten. Da kam auch ich nicht davon. Meinen halben Stamm hat mich das Inferno gekostet. Jede andere Linde wäre glatt gestorben. Ich blieb stehen und half mir über die nächsten Jahrhunderte selbst. Wozu auch hat sich die Natur sogenannte Sekundärstämme ausgedacht? Die sind ein schlaues Mittel, um sich mit ausgehöhltem Stamm gut abzustützen. Den Rest macht dann der Mensch – eben diese Baumpfleger, die sich am Mittwochmorgen an meinem Wildwuchs und Totholz zu schaffen machten.

Wie ich hörte, kamen sie im Auftrag des Umweltamtes Dresden. Das ist für mich als Naturdenkmal zuständig und hat die Fachleute beauftragt, mich von unnötigen Ästen zu befreien, damit ich nicht an meiner eigenen Kronenlast zerbreche. Satte drei bis vier Meter haben sie die Oberkrone gekürzt und in Form gebracht. Seit 1996 hält eine Metallkonstruktion meine Wipfel zusammen. Die hat damals 16 000 Mark gekostet. Weil sie in die Jahre gekommen ist, trage ich nun moderne Baumschlaufen – nicht aus Metall wie bisher, sondern aus Textil. Das ist der neueste Schrei, hält besser und tut mir wohler.

Um ehrlich zu sein, ist das noch nicht die ganze Physiotherapie. Allein stehen kann ich nämlich schon mindestens seit dem 19. Jahrhundert nicht mehr. Damals bekam ich ein Holzgerüst, das mich stützte. Inzwischen halten mich drei Sicherungsstangen aufrecht, ein bisschen wie Krücken, die dank meines dichten Laubes zumindest im Sommer auf den ersten Blick nicht auffallen. Sie sind am Boden in Fundamenten verankert, an denen ich in meiner erstaunlichen Vitalität arg gezerrt habe. Meine Bäumeversteher erneuern sie und machen auch die Schlösser zum künftigen Nachspannen wieder flott.

Schließlich will ich noch ein paar Hundert Jahre unter den Menschen bleiben. Die haben es, seit Frieden herrscht, doch immer gut mit mir gemeint. Wie oft feierten sie ihre Feste, und ich schützte sie vor Sonne und Regen. Eine nächste Gelegenheit gibt es am 17. Juni, wenn unser Pfarrhaus eingeweiht wird. Ganz nah an meine alte Rinde rückt die Gemeinde zum Johannistag am 24. Juni, da kommt sie am Abend zur Andacht unter freiem Himmel zusammen. Beim Volksliedersingen will ich meine frisch gestutzten Äste leise zu ihren Melodien bewegen, ganz wie im Lied Am Brunnen vor dem Tore: Und seine Zweige rauschten, als riefen sie mir zu: Komm her zu mir Geselle, hier findst du deine Ruh.

www.laurentius-dresden.de

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Leser-Kommentare

Insgesamt 1 Kommentar

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  1. Wolf

    Ich weiß, ihr seid nicht die "Bild", aber hätte man nicht 1 - 2 Bilder mehr von der Linde in Gesamtansicht mit zeigen können? Bei Artikeln mit Verkehrsunfällen zeigt ihr meist die Autos in allen möglichen Perspektiven und hier...

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