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Mittwoch, 13.09.2017

Die Standhaften

Sechs Männer, sechs Parteien, eine Gemeinsamkeit: Nirgends hat ihre Partei bei der letzten Bundestagswahl schlechter abgeschnitten als dort, wo sie Wahlkampf machen. Wie fühlt sich das an?

Von Teresa Dapp

Auf verlorenem Posten?

Wie fühlt es sich an, für die eigene Partei den Kopf hinzuhalten? Noch dazu in Regionen, wo man Außenseiter ist? Diese Kandidaten müssen es wissen.
Wie fühlt es sich an, für die eigene Partei den Kopf hinzuhalten? Noch dazu in Regionen, wo man Außenseiter ist? Diese Kandidaten müssen es wissen.

© dpa

Berlin. Timur Husein, der Kandidat der CDU, hat sich für seine Partei schon mal geprügelt. Sebastian Walter von den Grünen zeigte Morddrohungen bei der Polizei an. Und Holger Teuteberg, der für die AfD bei der Bundestagswahl antritt, erzählt von Protest-Transparenten vor dem Haus, die seine Kinder zum Weinen brachten. Politik und Wahlkampf zu machen, ganz nah an der Basis, dort, wo Parteien-Vertreter und Bürger regelmäßig zusammentreffen, kann ernüchternd sein. Und sogar erschreckend.

Auf verlorenem Posten?

Auf Marktplätzen, in Mehrzweckhallen und Fußgängerzonen ist das Klima teilweise rau. Der Frust mancher Bürger ist groß vor der Abstimmung am 24. September. Auch wenn die wirtschaftlichen Zahlen für Deutschland insgesamt gut aussehen. In der Liste der unbeliebtesten Berufe konkurriert „Politiker“ mit „Versicherungsvertreter“.

Dennoch stellen sich 2559 Männer und Frauen in 299 Wahlkreisen persönlich zur Wahl. Sie sind Direktkandidaten für ihre Parteien. Sie lassen sich nicht entmutigen.

Wie fühlt es sich an, für die eigene Partei den Kopf hinzuhalten? Noch dazu in Regionen, wo man Außenseiter ist? Diese Kandidaten müssen es wissen: Sie treten dort an, wo ihre Partei bei der Wahl vor vier Jahren am schlechtesten abgeschnitten hat. Sechs Begegnungen.

Der Unzufriedene: Holger Teuteberg, AfD, Cloppenburg - Vechta, AfD-Ergebnis 2013: 2,3 Prozent

Eines Tages kamen die Kinder von Holger Teuteberg (53) weinend vom Brötchenholen. Vor dem Einfamilienhaus am Stadtrand im niedersächsischen Lohne hingen Transparente - Protest gegen den Vater, den AfD-Mann. „Da hängt was Schlimmes über uns“, hätten die Kinder gesagt, erzählt Teuteberg. „Fuck AfD“, habe da gestanden.

Der Berufsschullehrer berichtet auch von einer Jury, die ihn, den regelmäßigen Kinogänger, nicht mehr dabei haben will, seit er für die AfD Politik macht. Vom Geburtstagskaffee, wo man ihn wegen seiner Partei an der Tür abwies. Er spricht schnell, umklammert die Kaffeetasse, schüttelt den Kopf. „Damit hätte ich nicht gerechnet.“

In die AfD einzutreten, sei ein Ventil gewesen. Politisch aktiv war er vorher nicht, interessiert schon. Er sah die Polit-Sendungen im Fernsehen und ärgerte sich. „Ich war ein Meckerer und Nörgler.“ Staatsverschuldung und Griechenlandkrise: „Da bin ich fast ausgeflippt.“ Der erste Wahlkampf 2013 in der damals neuen Partei war stressig, aber das starke Sodbrennen verschwand.

Dass Lohne drei Flüchtlingsunterkünfte gebaut hat, findet der Stadtrat Teuteberg richtig. „In Containern wohnen, das ist keine Perspektive.“ Dass Lohne dafür Schulden gemacht hat, weil auch die geplante Sporthalle her sollte, findet er schwierig.

Auch schwierig: die Veränderung der AfD. 2013 nannten Medien sie eurokritisch, heute meist rechtspopulistisch. „Ich bin fest überzeugt, dass es nur funktioniert, wenn man sich an demokratische Spielregeln hält“, sagt Teuteberg und windet sich beim Gedanken an rechtsextreme Entgleisungen. „Der Respekt muss gewahrt bleiben.“ Es brauche eine Opposition, die den Finger in Wunden lege, findet er. Aber: Er mache das nicht für eine Karriere, sondern für die Kinder. „Und solange meine Kinder mitziehen, sagen, wir finden das gut, dass du das machst, wir glauben, dass du das für uns tust - mach ich das.“

Der Frühstarter: Timur Husein, CDU, Berlin Friedrichshain - Kreuzberg - Prenzlauer Berg Ost, CDU-Ergebnis 2013: 15,4 Prozent

Im Berliner Stadtteil Kreuzberg motiviert Timur Husein eine Handvoll Helfer der Jungen Union für den Haustürwahlkampf. Sie sollen nur in den Straßen klingeln, in denen die CDU „eine Chance“ hat. Der schmale 36-Jährige mit Wurzeln auf dem Balkan engagiert sich für die Christdemokraten in dem Wahlkreis, in dem der Grüne Hans-Christian Ströbele (78) zuletzt zuverlässig die meisten Stimmen bekam.

Husein ist ganz in der Nähe des schmucklosen Büros des Kreisverbands aufgewachsen. Inzwischen hängt hier kein CDU-Schild mehr, es wurde wiederholt abgeschraubt oder beschmiert. Die Scheiben werden nicht mehr eingeworfen, seit die Partei den Geschäftsraum zur Straße hin nicht mehr nutzt. Stattdessen hat Husein dort nun sein Anwaltsbüro.

Es war der jugoslawische Bürgerkrieg, der Husein als Teenager zur Politik brachte. Sein Vater ist Türke aus Mazedonien, die Mutter Kroatin. Er wollte, dass der Westen eingreift, die schwarz-gelbe Regierung wollte das auch. Da habe die CDU schon mal einen „Stein im Brett“ gehabt. In der zehnten Klasse gründete Husein die Schülerunion an seinem Gymnasium. Mit 17 trat er in die CDU ein. Mit Platz neun auf der Landesliste ist es unwahrscheinlich, aber nicht völlig ausgeschlossen, dass Husein in den Bundestag einzieht. Und in vier Jahren will er es wieder versuchen: „Ich bleibe dabei.“

Der 68er-Kommunist: Bernhard Feilzer, Linke, Starnberg - Landsberg am Lech, Ergebnis der Linken 2013 im Wahlkreis Starnberg: 2,6 Prozent

Seine Großtante, Jahrgang 1882, hat Lenin noch sprechen gehört, erinnert sich Bernhard Feilzer. Der bärtige 68-Jährige wurde 1968 zum Kommunisten. Er nennt sich einen „Urbayer“, sein Dialekt gibt ihm Recht. Am Infostand auf dem kleinen Wochenmarkt bleibt kaum jemand stehen, die meisten wollen auch kein Flugblatt der Linken einstecken. Der Landkreis Starnberg südwestlich von München hat bundesweit die höchste Kaufkraft. Aber sein Wahlkreis sei ja größer und zu dieser Abstimmung neu zugeschnitten, auch einige Arbeiter gebe es, sagt Feilzer. Auf ein Poster hat er geschrieben: „Können Sie sich die Mieten in Germering noch leisten?“

Er solle doch „rüber“ gehen, hat man Feilzer früher gesagt, als er noch im „Arbeiterbund für den Wiederaufbau der KPD“ war. Gemeint war die DDR. Heute höre er öfter, dass Leute sich nicht zur Linken bekennen wollten, weil sie Probleme mit dem Arbeitgeber fürchteten.

Seit 2011 engagiert sich der selbstständige Versicherungskaufmann im Kreisverband Starnberg, der 33 Mitglieder hat. Ein Erfolgserlebnis ist, wenn ein Bekannter anruft, weil er nicht weiß, wen er wählen soll, und dann bei einer Wahlkampfveranstaltung auftaucht.

Auf der Landesliste für die Bundestagswahl steht er nicht, aber für die Landtagswahl 2018 will er sich einen „guten“ Listenplatz sichern. Bisher hat die Linke es nicht in den Bayerischen Landtag geschafft.

Der Pragmatiker: Klaus Wolframm, SPD, Sächsische Schweiz - Osterzgebirge, SPD-Ergebnis 2013: 10,9 Prozent

Er ist Bezirksschornsteinfegermeister, und wenn die Moderatorin der SPD-Wahlveranstaltung im sächsischen Heidenau ihn einen Glücksbringer nennt, lächelt Klaus Wolframm müde. Er fasst sich kurz. Seit wann ist er Parteimitglied? „Ungefähr seit 97.“ Damals wollte er „einfach, dass Kohl wegkommt“. Warum kandidiert er? „Weil ich Demokrat bin.“

Der Sozi mit randloser Brille und Lachfalten tritt im Wahlkreis Sächsische Schweiz - Osterzgebirge an. Sein Kreisverband ist der kleinste in Deutschland. Er wohnt seit über 20 Jahren in Freital, das seit 2015 für Proteste gegen Asylbewerber bundesweit bekannt ist. Er macht Wahlkampf in Heidenau, wo SPD-Größe Sigmar Gabriel Rechte als „Pack“ beschimpft hat und die Rechten Merkel als „Volksverräterin“.

Der 51-Jährige kandidiert zum dritten Mal für den Bundestag. Er ist Kreisrat und Stadtrat, kennt die Leute, redet jeden Tag mit ihnen über Politik. Und über Ängste. „Die Tausenden Vergewaltigungen, von denen immer die Rede ist, die finden nicht statt“, sagt er zu Mythen über Flüchtlinge.

Ein Parteifreund sagt, man brauche ein dickes Fell in dieser Gegend. Wolframm mag nicht jammern. Anfeindungen habe es auch schon vor zehn Jahren mit der starken NPD gegeben. Man werde eben beschimpft. In die Politik stecke er viel Zeit, neben dem Job. „Dat is halt so.“

Der Unternehmer: Dirk Gawlitza, FDP, Berlin Lichtenberg, FDP-Ergebnis 2013: 1,6 Prozent

Als Dirk Gawlitza mal nachts Wahlplakate an Laternen befestigte, pöbelte ihn jemand an: „Sie können doch in Lichtenberg keine FDP-Plakate aufhängen!“ Dem habe er gesagt: „Doch, klar.“ Lächelnd steht der 40-Jährige am Infostand an einer lauten Straße in dem Berliner Stadtteil, in dem die Linke mit Abstand stärkste Kraft ist und die AfD zuletzt deutlich dazugewonnen hat.

Dieser Wahlkampf sei angenehmer als 2013, findet er. Vor vier Jahren sei man als Liberaler noch öfter beschimpft worden. Damals flog die FDP aus dem Bundestag, und Gawlitza dachte, jetzt müsse er aktiv anpacken. Er hat eine Beratungsfirma für Wohnungsunternehmen, die er mit seiner Frau leitet. In die Partei war er 2006 eingetreten, weil ihn als Unternehmer die Bürokratie nervte. „Ich finde es schwierig, wenn man immer nur rumnölt, aber nichts tut.“

In Lichtenberg sei es für die FDP „nicht so, dass einem jeder die Tür aufmacht“, erzählt der zweifache Vater. Dass er manchmal beschimpft werde, finde er nicht so schlimm. Es treffe ja nicht nur ihn. „Leute, die ihren Frust loswerden wollen, kommen überall hin.“

Der Optimist: Sebastian Walter, Grüne, Erzgebirgskreis 1, Ergebnis der Grünen 2013: 2,5 Prozent

Auf der Autofahrt durchs Erzgebirge weist Sebastian Walter stolz auf die Wahlplakate der Grünen hin. So viele seien es noch nie gewesen, sagt der 27-Jährige. Um hier für die Ökopartei anzutreten, brauche es einen „gewissen Schuss Idealismus“. Hier sei „vom Gemeinderat aufwärts alles in CDU-Hand“.

Im Landkreis mit dem niedrigsten Einkommen Deutschlands suchen Handys oft vergeblich nach einem Netz. Das ist eines der Themen im Wahlkampf. Asyl sei ein anderes, sagt Walter. Er hofft, dass die AfD hier nur Dritte wird hier - und nicht auch die Linke überholt.

Seit zwei Jahren gebe es „eine zunehmende Verrohung des politischen Diskurses“. Konkret: Drohbriefe, Morddrohungen, wüste Beschimpfungen im Netz. Er zeige das an, aber ohne größeren Erfolg. Zu den Grünen kam er als Teenager - vielleicht auch wegen des US-Films „Eine unbequeme Wahrheit“ mit dem Politiker Al Gore, der damals Klimaschutz zum Gesprächsthema machte. Heute ist er im Landesvorstand der Partei - und nun erstmals Direktkandidat.

Der studierte Verkehrswirt bangt bei dieser Wahl auch um seinen Job. Er arbeitet im Bundestagsbüro von Matthias Gastel, einem grünen Abgeordneten aus Baden-Württemberg, der es nur mit einem guten Wahlergebnis wieder ins Parlament in Berlin schaffen kann.

Walter selbst hat keinen Listenplatz, der ihn dorthin bringen könnte. „Es ist nicht so, dass ich ein Mandat brauche, um glücklich zu werden.“ (dpa)

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