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Mittwoch, 03.01.2018

Die letzten Bewohner von Schloss Stauchitz

Das Schloss wurde nach dem Krieg gesprengt – nur wann? Hilda Müßig weiß ganz genau, wann es noch stand: Denn ihr Bruder wurde dort geboren.

Von Christoph Scharf

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Hier haben wir gewohnt: Hilda Müßig zeigt das Fenster rechts oben, hinter der ihre Familie in den Jahren 1946 bis 1949 untergebracht war.
Hier haben wir gewohnt: Hilda Müßig zeigt das Fenster rechts oben, hinter der ihre Familie in den Jahren 1946 bis 1949 untergebracht war.

© Sebastian Schultz

Da stand es noch: Eine handkolorierte Ansichtskarte zeigt das Schloss Stauchitz. Der Poststempel auf der Rückseite stammt von 1916. Damals diente es als Vereinslazarett im Ersten Weltkrieg, weiß der Stauchitzer Matthias Fiebiger. Vom Gebäude ist nichts übrig geblieben.
Da stand es noch: Eine handkolorierte Ansichtskarte zeigt das Schloss Stauchitz. Der Poststempel auf der Rückseite stammt von 1916. Damals diente es als Vereinslazarett im Ersten Weltkrieg, weiß der Stauchitzer Matthias Fiebiger. Vom Gebäude ist nichts übrig geblieben.

© Sammlung Matthias Fiebiger

Stauchitz. Schloss Stauchitz wurde 1946/47 abgebrochen – so heißt es in den Unterlagen des Landesamts für Denkmalpflege für eine aktuelle Ausstellung über sächsische Herrenhäuser. Stimmt nicht – melden sich Einwohner von Stauchitz: Seinerzeit stand das Schloss noch. „Wir sind erst 1946 dort eingezogen“, sagt Hilda Müßig. Die 84-Jährige hieß damals noch Heinrich mit Nachnamen, hatte vier Jahre Schule hinter sich und war mit ihren Eltern auf der Flucht vor der Sowjetarmee schon 1944 aus Serbien, wo die Familie ansässig war, nach Deutschland gekommen. „Wir hatten nichts“, erinnert sich die Stauchitzerin. Das wichtigste Möbelstück war eine Holzkiste, die ein thüringischer Tischler für die kleine Familie gefertigt hatte – bei dem waren die Vertriebenen 1944 zuerst untergekommen.

Da hieß es noch, es werde zurück nach Hause gehen. Doch auf der nächsten Zwischenstation in Großenhain zerschlugen sich diese Hoffnungen. Der Krieg war verloren, der dreiköpfigen Familie wurde Stauchitz als Wohnort zugeteilt. „Aber dort wollte uns keiner haben, wir seien doch Ausländer“, erinnert sich die Rentnerin. Wo nur wohnen? „Dann hieß es: Geht doch ins Schloss“, sagt Hilda Müßig. Das war verwaist – und der große Saal im ersten Stock wurde die Heimat für rund ein Dutzend Familien gleichzeitig. „Im Oktober 1946 sind wir eingezogen. In der Mitte des Saals wurde ein kleiner Ofen aufgebaut, um den harten Winter dort überstehen zu können.“

Erwachsene wie Kinder schliefen auf Stroh auf dem Boden. „Weihnachten hatte jede Familie ihr Lager mit einem kleinen Tannenzweig geschmückt.“ Schließlich wurden die Familien aus dem Saal auf die einzelnen Schlosszimmer verteilt. Hilda Müßig kam mit ihren Eltern in eine kleine Dachkammer. Dort wurde schließlich ihr kleiner Bruder geboren. „Das war am 1. Februar 1949, da war ich 15 Jahre alt“, erinnert sich die Seniorin. Damals besuchte sie die Alte Schule in Stauchitz – und bekam aus dem Anlass sogar einen Tag schulfrei. „Ich hab mich so sehr gefreut!“

Für den Vater dagegen bedeutete der Familienzuwachs auch schlaflose Nächte: Der musste früh halb fünf aufstehen, um per Zug nach Riesa zu fahren, wo er an der Niederlagstraße als Schuhmacher arbeitete. Er verlangte, dass die Mutter das schreiende Kind nebenan auf den Dachboden stellte. „Aber das hätte Mutter nie gemacht: Denn der Dachboden war voller Ratten“, sagt Hilda Müßig, die längst selber erwachsene Kinder und Enkel hat.

Im Mai 1949 schließlich konnte die Familie mitsamt Kinderwagen aus dem Schloss ausziehen und kam in der Stauchitzer Pappmühle unter. Dort war ein Zimmer frei. „Die Nachbarn mit drei Zimmern mussten eines davon abgeben – so dass jede Familie zwei bekam“, erinnert sich die Stauchitzerin. Drei Jahre blieb das so, bis die Familie endlich eine eigene Wohnung in der Alten Poststraße beziehen konnte. – An das Schloss ihrer Kindheit aber kann sich Hilda Müßig bis heute gut erinnern: an das große Tor, die breiten Treppen, die herrschaftliche Küche im Parterre. „Da gab es sehr große Herde, auf denen wir unsere Kartoffelpuffer buken – ohne Öl und Fett.“ Selbst die Kartoffeln wurden auf den Feldern nebenan „besorgt“, die Kohlen stammten von den vorbeifahrenden Zügen: Mussten die Dampfloks an einem Signal halten, wurden die Briketts stibitzt. „Manchmal warteten die Männer stundenlang – und dann fuhr der Güterzug einfach durch.“

Im Schloss war ein Jahr lang sogar ein kleiner Kindergarten untergebracht. Hilda Müßig erinnert sich noch, wie sich die Kindergärtnerin mit den Kindern am Waschbecken in der Küche aufstellte und immer ein Lied sang: „Eine lange Reihe, oh wie schön, wollen wir jetzt waschen geh’n.“

Erst um das Jahr 1950/51 herum sei das Schloss dann tatsächlich abgerissen worden. Nicht mit dem Abrissbagger, sondern mühselig per Hand. „Schade“, findet die einstige Bewohnerin, die später Schneiderin lernte. „Aus dem Haus hätte man noch was machen können.“

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