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Sonntag, 13.08.2017

„Die Hochwasserschutzmauer ist zu niedrig“

Vor 15 Jahren versank Meißen in der Elbe. Zeit für eine Bestandsaufnahme, was sich inzwischen getan hat.

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Damit Meißen nie wieder dieses Bild bietet, muss weiter in Schutz investiert werden.
Damit Meißen nie wieder dieses Bild bietet, muss weiter in Schutz investiert werden.

© Archiv/Claudia Hübschmann

Olaf Raschke ist seit 2004 OB in Meißen. Nächstes Jahr möchte der 54-Jährige erneut für den Posten kandidieren.
Olaf Raschke ist seit 2004 OB in Meißen. Nächstes Jahr möchte der 54-Jährige erneut für den Posten kandidieren.

© Claudia Hübschmann

Meißen. Meißens Oberbürgermeister Olaf Raschke (parteilos) kommt von einem entspannten Termin. Den beiden vollen ersten Klassen an der Grundschule Questenberg hat er Kinderstadtführer übergeben. Beim Gespräch mit der SZ straffen sich die Gesichtszüge des Rathauschefs. Ein ernstes Thema ist der Anlass: die Jahrhundertflut vor anderthalb Jahrzehnten.

Herr Raschke, an welcher Stelle haben Sie das Hochwasser 2002 miterlebt?

Damals war ich noch im Landratsamt beschäftigt. Zu meinen Aufgaben gehörte unter anderem das Management der insgesamt sieben großen Lager mit Hilfsgütern, die wir im Laufe der Zeit aufbauen konnten. Wir müssen als Behörde ehrlich zugeben, dass wir – wie viele andere Beteiligte auch – auf diese Katastrophe nicht vorbereitet waren. Es gab so viel zu tun, dass ich zeitweise unter meinem Schreibtisch im Landratsamt geschlafen habe. Duschen zu Hause ging nur aller paar Tage. Wir haben uns auf dem WC die Zähne geputzt. Es musste viel improvisiert werden und es kam zu überraschenden Situationen. Ich weiß noch, dass mir einmal ein Sprengkommando gegenüberstand, welches im Notfall die Elbbrücke sprengen sollte. Gott sei Dank ist es nicht dazu gekommen.

Was ist Ihnen aus der damaligen Zeit am stärksten haftengeblieben?

Ganz klar die gigantische Hilfsbereitschaft, mit der wir so nicht gerechnet hatten. Das betrifft sowohl die Solidarität der Menschen im Hochwassergebiet, aber gleichermaßen die Unterstützung, welche von außerhalb kam. Ein Werk in Barnim legte Sonderschichten ein und schickte Waschmaschinen zu uns. Ein anderes Mal traf ein ganzer Lkw voller Bockwürste ein. Dazu kamen die vielen Helfer, die sich sowohl organisiert als auch aus privater Initiative ins Elbtal auf den Weg machten. Das hat mich sehr berührt und mir gezeigt, dass die Menschen in unserem Land ganz eng zusammenstehen, wenn es darauf ankommt.

Wie gut ist Meißen heute für ein solches Hochwasser gerüstet?

2013 hat uns ganz praktisch gezeigt, dass die Hochwasserschutzmauer zu niedrig ist, um Meißens Altstadt vor einem Jahrhunderthochwasser mit den Elbhöhen von 2002 zu schützen. Den Pegel, wie wir ihn 2010 erlebt haben, halten Mauer und Hochleistungspumpen ab, ein Jahrhunderthochwasser aber eben nicht. Genau aus diesem Grund sind wir auf vielen Ebenen aktiv, um den Schutz der Altstadt noch einmal zu verbessern. Es wird überlegt, inwieweit sich die Mauer durch mobile Elemente erhöhen lässt. Dazu müsste mindestens ein weiteres Pumpwerk kommen, weil die Elbe dann über die Triebischmündung verstärkt in die Stadt drücken würde. Stadtrat Holger Metzig ist an dieser Sache dran. Wenn der Freistaat nächstes Jahr die neuen Hochwasserlinien festgelegt hat, können wir konkreter werden. Unsere Aufgabe als Stadt sehe ich darin, die Pläne vorzubereiten, indem wir zum Beispiel den Baugrund untersuchen. Es geht darum, sich eng mit der Talsperrenverwaltung abzustimmen und so machbare Lösungen zu erarbeiten.

Sehen Sie eine Chance, für ein solches Großprojekt Fördermittel zu erhalten?

Ein solcher zusätzlicher Schutz wird aufgrund der sehr komplexen Technik viel, viel Geld kosten. Darüber machen wir uns keine Illusionen. Nach ersten Signalen aus Dresden bin ich jedoch optimistisch, dass Meißen mit dieser Herausforderung nicht alleingelassen wird.

Eine weitere Baustelle ist die zu tief liegende untere Einfahrt zum Schottenbergtunnel?

Richtig. Hier sind wir als Partner mit dem Landesamt für Straßenbau und Verkehr in engen Gesprächen. Es wäre natürlich von großem Vorteil, wenn sich diese Verbindung bei einem Jahrhunderthochwasser weiter nutzen ließe, um schneller Kräfte von der einen auf die andere Elbseite verschieben zu können.

Hat abgesehen von Hochwassermauer und Pumpwerken Ihren Erfahrungen nach in Meißen ein Umdenken beim Bauen in gefährdeten Gebieten stattgefunden?

Auf alle Fälle und das in sehr vielen Bereichen. In der Innenstadt gibt es in den Erdgeschossen keine Fußbodenheizungen mehr. Von Öl wurde auf andere Energieträger umgerüstet, damit es nicht erneut zu Ölschäden kommt. Viele Hausbesitzer haben die unteren Geschosse ihrer Gebäude mit speziellen Putzarten oder abnehmbaren Paneelen so gestaltet, dass die Schäden künftig auf ein Minimum begrenzt werden. Es ist geschafft worden, mit den Meißener Stadtwerken alle Elektroanlagen nach oben zu verlegen. Wir müssen nicht mehr ganze Straßenzüge vom Netz nehmen, nur weil eine Steckdose unter Wasser stehen könnte. Dazu kommen weitere Punkte wie die generelle Durchfahrbarkeit der Eisenbahnbrücken für Lkw, die höher gelegte B 6, die sanierten Triebischbrücken. Das alles wird uns helfen, sollte die Elbe – auch wenn wird das natürlich nicht hoffen – erneut dermaßen stark anschwellen.

Bei den vergangenen Hochwasserereignissen gab es immer wieder Kritik an fehlenden Informationen. Wurden darauf Antworten gefunden?

2002 waren wir alle Lernende. Mittlerweile sind die Konsequenzen daraus gezogen, die Aufgaben und Funktionen klar verteilt worden. Jeder Mitarbeiter und jede Dienststelle wissen ganz genau, was bei einem bestimmten Pegelstand zu leisten ist. Das beginnt beim Räumen der Parkplätze, geht weiter mit dem Einbau des mobilen Schutzes in die Lücken der Hochwassermauer und reicht bis zu den Evakuierungsplänen. Regelmäßige Übungen garantieren, dass dieses Wissen und Können nicht in Vergessenheit geraten. Gleichzeitig haben wir für die Information mit den Warn-Apps auf dem Smartphone einen weiteren, sehr schnellen Weg hinzugewonnen. Es wird jedoch auch in Zukunft auf einen Mix der Informationen ankommen: Dazu gehören der Anschlag von Hochwasserbriefen, die direkte Information der Bewohner vor Ort durch Mitarbeiter, Radio, Presse und all die anderen Möglichkeiten.

Wie sollte Ihrer Ansicht nach künftig mit der Elbe verfahren werden? Braucht es einen weiteren Ausbau oder ist es besser, den Fluss sich selbst zu überlassen?

Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass die Hochwasseranfälligkeit nachlässt, wenn die Elbe völlig dereguliert wird. Letztlich geht es in meinen Augen darum, einen Kompromiss zu finden zwischen den berechtigten Anliegen der Güter- und Fahrgastschifffahrt sowie dem Naturschutz und eher weichen Tourismusformen wie Kanufahren. Es macht doch keinen Sinn, den vielen Verkehr auf den Straßen zu kritisieren und auf der anderen Seite den Ausbau der umweltfreundlichen Wasserstraßen zu blockieren. Beim Hochwasserschutz ist entscheidend, die Elbe als ein Gewässer unabhängig von der Grenze zu Tschechien und unabhängig von Ländergrenzen in Deutschland zu betrachten. Der Fluss schert sich nicht darum, ob er nun durch Böhmen, Sachsen oder Sachsen-Anhalt fließt. Effektiver Hochwasserschutz funktioniert nur gemeinsam.

Das Gespräch führte Peter Anderson.

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