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Mittwoch, 03.01.2018

Der Waggonbau-Schock

Große Sorgen, aber auch Optimismus: Das sind die Reaktionen auf die Insolvenz des Nieskyer Unternehmens.

Von Carla Mattern

Äußerlich deutet nichts darauf hin, dass der Waggonbau Niesky Insolvenz angemeldet hat. Rechts im Bild Bauteile für einen Spezialgüterwagen, die in China vorgefertigt werden.
Äußerlich deutet nichts darauf hin, dass der Waggonbau Niesky Insolvenz angemeldet hat. Rechts im Bild Bauteile für einen Spezialgüterwagen, die in China vorgefertigt werden.

© André Schulze

Seit knapp 40 Jahren und mehr als 25 Jahren fahren die beiden Nieskyer in den Waggonbau zur Arbeit. Am Dienstagnachmittag stehen sie noch auf dem Parkplatz beisammen, diskutieren über das eben Gehörte. Der seit November eingesetzte Waggonbau-Geschäftsführer Eduard Janßen hat den Waggonbauern gerade erklärt, dass nach Weihnachten der Insolvenzantrag gestellt wurde (SZ berichtete). Als in der letzten Dezemberwoche plötzlich die Einladung für die Belegschaftsversammlung kam, war das eine Überraschung für viele. „Natürlich haben wir überlegt, worum es gehen könnte und uns natürlich auch viele Sorgen gemacht über Silvester und Neujahr“, sagt einer der beiden Werker. Vor allem diejenigen, die trotz der üblichen Betriebsruhe zur Arbeit fuhren, weil noch Waggons bis Silvester fertig und ausgeliefert werden sollten.

Doch als die dann doch nicht rausgingen an den Kunden, schwante manchem schon Böses. „Die Stimmung war gedrückt, es wurde viel spekuliert“, sagt der Waggonbauer. „Jetzt geht es erst einmal normal weiter, in drei Schichten für die meisten, für einige ist bis Mai sogar die rollende Woche angekündigt“, sagen sie.

Denn die Hallen und die Auftragsbücher sind voll im Waggonbau Niesky. Deshalb ist es für viele ein Schock, dass der Spezialgüterwagenhersteller trotzdem am 27. Dezember 2017 Insolvenz angemeldet hat. Herbert Grätzel wird vor Schreck ganz blass, als er das am Dienstag erfährt, noch ehe es in den Medien die Runde macht. Der 88-Jährige hat 37 Jahre im Nieskyer Waggonbau gearbeitet, lange auch als Direktor Technik. „Ich hatte gehofft, dass der Waggonbau auf einem guten Weg ist, besonders nach dem Eurotunnel-Auftrag. Diese Insolvenz ist sehr, sehr schade und schlimm für die Waggonbauer und die Stadt Niesky“, sagt er. Man könne nur hoffen, dass sich ein Investor findet, der das Potenzial der Nieskyer erkennt und den Mut aufbringt, den Waggonbau weiterzuführen, so Herbert Grätzel.

Als Katastrophe bezeichnet Roland Jäkel die Waggonbau-Insolvenz. Der Jänkendorfer ist Inhaber und Geschäftsführer der Firma Lift-Manager und Vorsitzender des Unternehmerverbandes Niederschlesien. Sowohl der Waggonbau Niesky als auch wichtige Geschäftspartner, Zulieferer und Dienstleister sind Mitglieder im Verband. Er kenne die wahren Gründe für die Insolvenz nicht, sagt Roland Jäkel, aber es soll wahrscheinlich Aufträge mit einem großen Minus gegeben haben. „Ich hoffe, dass der Insolvenzverwalter einen Investor findet, der den Waggonbau kaufen und unternehmerisch führen will. Schlimm wäre, wenn jemand kommt, der kauft, aber nur das Know-how will“, so Roland Jäkel. Aus seiner Sicht als Geschäftsführer eines familiengeführten Unternehmens ist die Insolvenz der typische Auswuchs des praktizierten Kapitalismus, so der Jänkendorfer und erklärt: „Ein angestellter Geschäftsführer haftet privat für nichts.“ Mit einer Insolvenz könne Jäkels Meinung nach planmäßig die Firmenmasse billig gemacht werden, um sie dann zu verkaufen. „Meiner Meinung nach ist das wahrscheinlich eine geplante Insolvenz, um die Bilanz zu sanieren“, sagt Roland Jäkel. Das Know-how des Waggonbaus könne nicht in Mark und Pfennig bewertet werden, sei aber eigentlich das Kapital.

Kurz bevor die Waggonbauer bei der Belegschaftsversammlung von der Insolvenz erfuhren, informierte die Waggonbau-Geschäftsführung Nieskys Oberbürgermeisterin Beate Hoffmann. Sie sei erbost und verärgert, sagt sie. „Aufträge sind da, die Mitarbeiter geben ihr Bestes.“ Es hätte aber einige Anzeichen gegeben. Das weiß sie unter anderem aus Gesprächen mit ehemaligen Waggonbauern, die Schlimmes vermutet hätten, mit Waggonbauern, die von viel Nacharbeit berichtet hatten. „Aber wir können nicht in die Geschäftsbücher gucken“, sagt die Oberbürgermeisterin. Auch sie hofft, dass der Dresdner Insolvenzverwalter Jürgen Wallner das Potenzial des Nieskyer Waggonbaus erkennt und betont, dass sie sehr optimistisch gewesen sei. „Ich bin es immer noch. Der Waggonbau Niesky hat einen guten Ruf, die Qualität spricht für sich“, sagt sie. Mit dem Insolvenzverwalter will sie das Gespräch suchen und als Stadt im Rahmen der Möglichkeiten unterstützen, so Beate Hoffmann.

Auch in den Parteien spielt das Thema am Mittwoch eine Rolle. CDU-Kreisvorsitzender und Landtagsabgeordneter Octavian Ursu bietet an, „zusammen mit vielen anderen Mitstreitern aus Politik und Gesellschaft nach Lösungen für den Erhalt des Werkes und der Arbeitsplätze zu suchen.“ Es müsse eine tragfähige wirtschaftliche Basis für den Waggonbau Niesky geschaffen werden. Es komme jetzt auf ein geordnetes Insolvenzverfahren an, mit dem neue Investoren gefunden werden können, so Octavian Ursu. Auch der Görlitzer AfD-Landtagsabgeordnete Sebastian Wippel meldet sich zu Wort. „In den letzten Jahren haben beim Waggonbau Niesky sowohl die Umsätze, Gewinne als auch die Auftragslage gestimmt. Umso überraschender kam jetzt die Insolvenz. Ich hoffe dennoch, dass die aufgetretenen Probleme gelöst werden können und alle Mitarbeiter ihre Stelle behalten“, so der AfD-Politiker. Der Presse habe er entnommen, dass sich die bisherigen Investoren Quantum Capital Partners nicht sonderlich mit dem Traditionsunternehmen zu identifizieren scheinen. „Aus diesem Grund kann ich mich mit der Idee, den Waggonbau an Chinesen zu verkaufen, auch nicht anfreunden. Wir sollten vielmehr nach einer Lösung suchen, wie das Unternehmen in sächsischer Hand landen kann. Wenn Investoren nur kommen, um kurzfristig Gewinne abzusahnen, dann ist das Gift für jedes Unternehmen. Niesky braucht deshalb einen langfristigen Investor, der sich mit der Region und dem Geschäft verbunden fühlt“, so Wippel, der sich hierfür eine sächsischen Beteiligungsgesellschaft als Hilfe vorstellen kann.

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