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Donnerstag, 07.12.2017

Der unbekannte Altmarkt

Rund um den Platz gibt es viele kleine Kunstwerke zu entdecken, sogar ein Zwerg ist dabei. Auch für Dresdner ein Tipp.

Von Nora Domschke

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Wer schon einmal in Breslau war, kennt die kleinen Bronze-Zwerge bestimmt. Dass es seit 2015 auch an der Kreuzkirche einen gibt, weiß dagegen kaum jemand. Auch Christoph Pötzsch entdeckte ihn eher zufällig. Jetzt nimmt er die Dresdner mit auf Entdeckungsreise rund um den Altmarkt und zeigt ihnen die Kunst der 1950er-Jahre.
Wer schon einmal in Breslau war, kennt die kleinen Bronze-Zwerge bestimmt. Dass es seit 2015 auch an der Kreuzkirche einen gibt, weiß dagegen kaum jemand. Auch Christoph Pötzsch entdeckte ihn eher zufällig. Jetzt nimmt er die Dresdner mit auf Entdeckungsreise rund um den Altmarkt und zeigt ihnen die Kunst der 1950er-Jahre.

© Sven Ellger

© Sven Ellger

© Sven Ellger

© Sven Ellger

Den Dresdnern ist er gut bekannt, Touristen kommen kaum an ihm vorbei – dem Altmarkt im Herzen der Landeshauptstadt. Wirklich gut erforscht ist dessen Geschichte allerdings nicht, vor allem die jüngere Vergangenheit findet bei Historikern bislang nur wenig Beachtung. Ausgerechnet ein Zwerg aus Polen ist nun der Grund dafür, dass sich ein Dresdner Hobbyhistoriker auf Spurensuche begibt. Seit 2015 steht der Bronze-Winzling am Brunnen hinter der Kreuzkirche, er war ein Geschenk zur 55-jährigen Städtepartnerschaft zwischen Dresden und Breslau. „Ich habe ihn dort zufällig entdeckt“, sagt Christoph Pötzsch. Er habe ihm quasi die Augen geöffnet für die vielen kleinen künstlerischen Details, die es in den Gassen rund um den Altmarkt zu entdecken gibt.

Im polnischen Breslau gibt es mittlerweile mehr als 400 dieser metallenen Zwerge, die schwere Kugeln schieben, geschickt an Häusern emporklettern, lässig auf einer Fensterbank lümmeln. Ein Kunstprojekt von Studenten, das sich seit 2001 zum beliebten Touristenziel entwickelt hat. Der Zwerg an der Kreuzkirche, der die beiden Stadtwappen in den Händen hält, ist weitaus weniger bekannt. Grund genug, findet Christoph Pötzsch, das zu ändern. In zwei Vorträgen wird der Dresdner demnächst nicht nur vom Zwerg, sondern auch von seinen anderen Entdeckungen berichten.

Augen auf am Altmarkt

Kunst am Bau spielte nach dem Zweiten Weltkrieg in Dresden eine bedeutende Rolle, erklärt Pötzsch. Anfang der 1950er-Jahre begann der Wiederaufbau in der Altstadt. Die historische Bebauung des Altmarktes verschwand 1945 im Feuersturm, als Bomben auf Dresden fielen. In der Nachkriegszeit folgten Gebäude im Stil des sozialistischen Klassizismus, umgesetzt nach einem Bauprogramm, das eigens für die Neugestaltung zerstörter deutscher Städte entwickelt worden war. Und in Dresden zum ersten Mal Gestalt annahm. „Gut zwei Prozent der Bausumme waren fest eingeplant für kleinere Kunstwerke an den Gebäuden.“

Wer – wie Christoph Pötzsch – mit offenen Augen unterwegs ist, wird im Wohn- und Geschäftsviertel am Altmarkt Mosaiken, Reliefs, Wandmalereien, in den Innenhöfen sogar ausgefallene Spielplätze entdecken. Obwohl sie seit mehr als 60 Jahren dieses Quartier prägen, entziehen sie sich dem Blick des hastig Vorbeieilenden. Gerade jetzt, in der Vorweihnachtszeit, bietet sich ein entspannter Spaziergang rund um den Striezelmarkt an. Schon am „Haus am Altmarkt“ wird es interessant: Über dem Eingang ist eine Figurengruppe zu sehen – zwei Männer, die musizieren und Wein trinken, während sich die Damen vor dem Spiegel für den Abend zurechtmachen.

Daneben, an der Treppe, die hinab in den Altmarktkeller führt, zeigen zwei große Mosaike Brauer und Apotheker bei der Arbeit. Die Bilder sind ein wichtiges Zeitzeugnis, denn sie zeigen, dass in diesem Gebäude zu DDR-Zeiten nicht nur Bier getrunken wurde. Pötzsch fand heraus, dass nur wenige Meter weiter die Marien-Apotheke ansässig war. „Mosaiken, die die Nutzung der Läden zeigen, waren damals groß in Mode“, erklärt der Historiker.

Auf der anderen Seite des Karrees, in der Weißen Gasse, deutet das florale Relief zweier Säulen an, dass im heutigen Restaurant „Rauschenbach“ früher Blumensträuße und Zimmerpflanzen über den Ladentisch gingen. Diese Schieferplatten wurden übrigens von Wieland Förster gestaltet. Im Geschäft nebenan deuten Tiermotive über dem Eingang auf ein Geschäft für Zoobedarf hin, das hier untergebracht war. „Diese in Stein gemeißelten Szenen sind außerdem ein Zeichen dafür, dass die Nutzung der Läden für einen längeren Zeitraum angedacht war“, sagt Pötzsch. Auch ein Stein-Elefant in einem der Innenhöfe – noch heute lieben es die Kinder, auf seinem Rüssel nach unten zu rutschen – hat die Jahrzehnte überstanden, ohne größere Schäden davonzutragen.

Ein eher ungewöhnliches Beispiel für Kunst in der DDR-Zeit ist ein Schlussstein über einem Hauseingang in der Kreuzstraße. Das Gebäude an der Ecke zum Altmarkt ist mit drei Tauben verziert, eine hält einen Ölzweig im Schnabel. „Christliche Symbolik war in der frühen Nachkriegszeit offenbar noch kein Tabu an Gebäuden.“ Mit der atheistischen Bildungspolitik der DDR sollte sich das in den folgenden Jahren ändern.

Die Liste dieser kleinen Architekturdetails ließe sich noch mit vielen weiteren Beispielen fortführen. Denn auch an den Fassaden auf der westlichen Seite des Altmarktes finden sich Reliefs, die auf frühere Läden wie etwa ein Uhren- und ein Sportgeschäft hinweisen. Um den Dresdnern wirklich alle diese Kunstwerke vorzustellen, hat Christoph Pötzsch aus einem Vortrag zwei gemacht. Dabei wirft der Hobbyhistoriker einen Blick tief hinein in die Geschichte von Dresdens unbekannter Mitte.

1. Teil: 10. Dezember, 14 Uhr; 2. Teil: 14. Januar 2018, Pfarrsaal der Katholischen Pfarrei, Dohnaer Straße 53

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Leser-Kommentare

Insgesamt 1 Kommentar

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  1. Zipfelmütze

    Die Breslauer Zwerge entstanden im Zuge der Oppositionbewegung der 1980-er Jahre. Damals wurde in Zwergenkostümen demonstriert und der erste (Pappa-) Zwerg aufgestellt. Passt doch gut in die heutige Zeit, nach Dresden und auf den Altmarkt....

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