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Freitag, 12.01.2018

Der treueste Zuschauer des Boulevardtheaters

Wolfgang Vogt besucht am Sonnabend seine 100. Vorstellung. Einen Stammplatz und Namensschild hat er schon.

Von Heike Sabel

Zwei Hände reichen nicht für alle 100 Eintrittskarten und Programme: Wolfgang Vogt sitzt am Sonnabend zum 100. Mal im Dresdner Boulevardtheater.
Zwei Hände reichen nicht für alle 100 Eintrittskarten und Programme: Wolfgang Vogt sitzt am Sonnabend zum 100. Mal im Dresdner Boulevardtheater.

© Norbert Millauer

Pirna. Wenn Wolfgang Vogt seine Termine macht, liegt immer der Spielplan des Dresdner Boulevardtheaters daneben. Als es nun auf die 100. Vorstellung zuging, plante er noch mal um. Eigentlich wäre das Jubiläum erst am Montag gewesen. Doch da steht ein Gastspiel auf dem Programm. Die 100. sollte aber eine Eigenproduktion sein, sagt der Pirnaer. Und so sieht er am Sonnabend zum zweiten Mal „Die Tortenkiller“.

Theater und Gastronomie bereiten schon seit Wochen Überraschungen für ihren treuesten Besucher vor. Hauptsache nicht auf die Bühne, sagt Wolfgang Vogt. Das mag er nämlich nicht. Eine Statistenrolle als Dankeschön wäre also nichts. Zum 50. Besuch – das war am 16. Dezember 2016 bei der „Hexe Baba Jaga“ – hatte der Intendant vor Beginn das Publikum gefragt, wer denn schon mal da war. Etliche Hände gingen hoch. Bei drei- und fünfmal wurden es schon weniger. Bei 50 ging erst ein Raunen durch den Saal, dann gab’s Blumen, Sekt, eine Urkunde und Beifall.

Die erste Vorstellung war „Herr Doktor, die Kanüle klemmt“ am 19. Februar 2015. Wolfgang Vogt suchte damals etwas Abwechslung. Anfang Februar hatte er seine Mutter beerdigt. Er hatte seine Eltern lange gepflegt. „Nach dem Hamsterrad zwischen Arbeit und Eltern hatte ich nun auf einmal Zeit“, sagt er. Er suchte etwas und fand es im Boulevardtheater.

Eine Vorstellung folgte auf die nächste. „Es hat sich so entwickelt.“ Inzwischen wird er mit Handschlag und Namen begrüßt, ist mit etlichen Theaterleuten per Du und hat ein Namensschild auf dem Tisch für den Imbiss. „Wolfgang trinkt immer Rotwein und mag einen Käse-Oliven-Teller“, sagt Theatersprecher Rex Jacob. „Oder auch mal ein Paar Wiener“, sagt Wolfgang Vogt. Einen Stammplatz hat er auch: Reihe 15, Platz 8 – wenn der frei ist. Für Sonnabend war er frei. Die Eigenproduktionen des Theaters hat Wolfgang Vogt inzwischen alle gesehen. Sein Rekordmonat war der Dezember 2016: Acht Vorstellungen. Manchmal ist er Sonnabend und Sonntag oder auch in der Woche zwei Tage im Theater.

Die Eintrittskarten hat er alle aufgehoben, in Briefumschlägen nach Jahren geordnet. Bestellt wird immer per Internet, aber er lässt sich die Karten zuschicken. Ausdrucken auf A4 – „Das ist keine richtige Eintrittskarte.“ Und er braucht sie vorher. Sonst könnte nämlich der innere Schweinehund siegen. Die nächsten sechs Eintrittskarten bis April hat er schon. Auf Dezember freut sich Wolfgang Vogt bereits jetzt. Dann wird „Schneewittchen“ wieder gezeigt. Da kommt der Öffentlichkeitsarbeiter des Kreissportbundes ins Schwärmen. „Deutschlands schönstes Schneewittchen.“Manchmal gehen Kollegen mit. Auch am Sonnabend wird es bunte Truppe sein. „So wird der Abend immer zum Erlebnis.“ Das Teuerste an dem ist immer die Taxifahrt vom Bahnhof Pirna nach Hause auf den Sonnenstein, weil abends kein Bus mehr fährt. Wolfgang Vogt hat kein Auto und auch kein Problem damit.

„Es gibt unbestritten auch andere Kultur“, sagt Wolfgang Vogt. Und so geht er regelmäßig zu den Kriminächten in die Pirnaer Bibliothek, auch mal ins Q 24, in den Zirkus. Nur das klassische Theater wird ihn wohl nie sehen. Dem Boulevardtheater bleibt er treu, so lange es geht. „Da gibt es noch so viel zu sehen.“