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Samstag, 30.12.2017

Der Schnäuzer der Nation

Warum Richard Freitag plötzlich wieder für Skisprung-Stimmung in Deutschland sorgt und die Tournee gewinnen kann.

Von Michaela Widder

Die Qualifikation fürs Springen in Oberstdorf am Freitag konnte Richard Freitag schon für sich entscheiden.
Die Qualifikation fürs Springen in Oberstdorf am Freitag konnte Richard Freitag schon für sich entscheiden.

© dpa

Wer bei dieser Vierschanzentournee groß abräumen will, sollte nicht auf Richard Freitag zocken. Finanziell gesehen, zumindest. Der Überflieger des Winters ist bei Sportwettenanbieter bwin – wenig überraschend – der große Favorit auf den Gesamtsieg. Wer einen Euro auf Freitag setzt, erhält im Erfolgsfall gerade einmal 2,75 Euro ausgezahlt.

Was dem 26 Jahre alten Skispringer diese bescheidene Gewinnquote beschert, ist seine derzeitige überragende Form. Im Olympia-Winter gewann er schon drei Einzelspringen. Doch in ein paar Monaten wird niemand davon sprechen, wer die Weltcupsiege in Nischni Tagil, Engelberg und Titisee-Neustadt holte. Wer im Gedächtnis bleiben will, muss bei der Vierschanzentournee siegen. So wie Jens Weißflog 1984, 1985, 1991 und 1996 und Sven Hannawald 2002, als ihm das Novum mit vier Siegen bei der Tournee gelang.

16 Jahre nach seinem Grand Slam hat wieder ein Sachse die Chance auf diesen ruhmreichen Gesamterfolg. „Ich bin in einer starken, stabilen Form und sehe dem Ganzen mit einem Lächeln entgegen“, sagte Freitag vor der Qualifikation, die er überlegen gewann. Zu Recht hat die Traditionsveranstaltung einen Stellenwert, der für die Skispringer mit Olympia zu vergleichen ist. In acht Tagen wird der kompletteste Athlet gesucht. Ein Ausreißer nach unten zerstört alle Träume. So konstant auf Weltniveau wie der Mann mit dem auffälligen Glücks-Schnäuzer springt momentan kein anderer, er trägt logischerweise das Gelbe Trikot. Mit der Ausgangssituation war mit Martin Schmitt zuletzt vor 17 Jahren ein Deutscher in Oberstdorf am Start. Die jüngsten Erfolge auch von Andreas Wellinger als Weltcupzweiter haben den Ticketverkauf mächtig angekurbelt. 40 000 Karten wurden für den Auftakt verkauft.

„Richie kann alle vier Schanzen. Er ist einer der konstantesten Tournee-Springer. Wenn er in Form ist, müssen sich alle langmachen“, meint Bundestrainer Werner Schuster. Eurosport-Experte Hannawald ist ähnlich angetan. „Er kann mittlerweile eine Leistung abrufen, wie er es lange nicht konnte. Oder die er eben nur in einzelnen Sprüngen gezeigt hat. Jetzt hat Richard ein Niveau, mit dem er auch mit nicht ganz optimalen Sprüngen vorne dabei ist.“

In dieser Saison ist der Knoten geplatzt. Er hat den Wandel vollzogen vom soliden Team- zum stabilen Siegspringer. 2011 hatte Freitag wie einst sein Vater Holger in Harrachov seinen ersten Weltcupsieg geholt und galt neben dem mittlerweile langzeitverletzten Severin Freund als das große Versprechen im deutschen Skisprung. Im Team war auf ihn Verlass, im Einzel zeigte er auch oft flatterhafte Sprünge. Seinen Tiefpunkt erlebte Freitag 2014 bei Olympia, als er zusehen musste, wie seine Mannschaftskollegen Gold gewannen. Sein Sieg beim Tourneespringen in Innsbruck 2015 war für fast drei Jahre sein letzter. Schuster bezeichnete Freitags Entwicklung noch vergangene Saison als „stabil rückläufig“.

Skisprung-Legende Weißflog hatte sogar manchmal den Eindruck, „als ob er sich mit der unbefriedigenden Situation zufriedengibt. Doch innerlich war ihm bestimmt ganz anders zumute.“ Rückblickend gesteht Freitag auch: „Manchmal musst du einfach aufstehen und weitermachen, so war es bei mir auch.“

Am Epizentrum der Skispringer

Am Ende der vergangenen medaillenlosen Saison entscheidet sich der Gesamtweltcup-13. für einen Schritt, der ihm alles andere als leicht fiel. Der Mann aus Erlabrunn verlässt seine geliebte Heimat und zieht in die südlichste Gemeinde Deutschlands ins „Epizentrum für deutsche Skispringer“, wie der Bundestrainer Oberstdorf bezeichnet. Anfangs fühlt sich Freitag nicht besonders wohl, doch mittlerweile hat er sich an seinem neuen Trainingsort gut eingelebt. Doch in der Weihnachtszeit fehlten ihm am meisten die Schwibbögen in den Fenstern, eine erzgebirgische Tradition.

Doch der Erfolg gibt Freitag recht. „Er trainiert täglich mit den Besten und weiß, wo er steht. Davon profitiert Richie. Oberstdorf ist derzeit der beste Stützpunkt. Hier wird Material getestet und entwickelt, und Christian Winkler kann das sofort im Training auf ihn abstimmen“, sagt Gerd Siegmund. Der frühere Skispringer ist seit Langem sein Manager: „Ich bin sehr froh, dass er an ein paar Stellschrauben gedreht hat und es so funktioniert. Es ist wie ein Puzzle, ein paar Teile haben gefehlt, dass das Gesamtbild nicht stimmig war.“ Im Frühjahr habe er lange mit Freitag gesprochen, die Idee mit Oberstdorf sei von ihm selbst gekommen. „So eine Entscheidung kannst du niemandem überstülpen. Aber ich habe ihn darin bestärkt“, meint Siegmund.

Mit der räumlichen Veränderung ist er nicht nur sportlich gereift, sondern auch als Mensch. Wenn der Bundestrainer über den „neuen“ Freitag spricht, gerät er ins Schwärmen. „Sein Sprung ist kompletter geworden, sein Charakter hat an Stabilität und Reife gewonnen“, meint Schuster und betont: „Ich höre ihm im Moment gerne zu, weil er authentisch ist.“ Oder, wie es Wellinger sagt: „Der Ritsch ist einfach ein geiler Hund!“

Es scheint, als könnte er mit dem ungewohnten Erfolgsdruck gut umgehen. Er hat Spaß und bleibt fokussiert. Vor der Tournee lehnte sein Manager in gemeinsamer Absprache alle Interviewanfragen ab. Familienmensch Freitag sollte die Weihnachtstage zu Hause entspannen und Kraft sammeln. Denn die große Reifeprüfung steht ihm erst noch bevor. (mit sid)

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