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Samstag, 02.12.2017

Der neue Billigzucker

Die EU hat die Quote für den Sirup Isoglukose gekippt. Kritiker fürchten mehr Diabetes-Kranke und Fettleibige.

Von Tobias Hoeflich

Mhhh, lecker! Geht es um Süßes in Lebensmitteln, nehmen es die Bürger meist nicht so genau. Nun könnten Snacks und Getränke noch zuckerhaltiger werden.
Mhhh, lecker! Geht es um Süßes in Lebensmitteln, nehmen es die Bürger meist nicht so genau. Nun könnten Snacks und Getränke noch zuckerhaltiger werden.

© F1online/Juan M. Silva

Er findet sich längst nicht nur dort, wo man ihn vermutet. Zucker macht mehr als nur Schokolade, Bonbons und Limonaden süß. Er steckt auch in Müsli, Joghurt oder Wurst. Warum die Industrie ihn für Lebensmittel nutzt, liegt auf der Hand: Zucker lässt sich günstig herstellen und ist ein guter Geschmacksträger. Doch steigt mit dem Verzehr auch das Risiko, an Diabetes oder Fettleibigkeit zu erkranken.

Deshalb empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation, pro Tag nicht mehr als 25 Gramm zu sich zu nehmen. Die Grenze überschreitet schon, wer nur ein Glas Coca Cola trinkt: In 250 Millilitern stecken laut Hersteller 26,5 Gramm. Und so überrascht es kaum, dass der Durchschnittsverzehr auch in Deutschland viel höher liegt. Gesundheitsorganisationen und Verbraucherschützer fürchten nun, dass sich das süße Problem verschärfen könnte. Denn die EU hat den Zuckermarkt liberalisiert und Beschränkungen für den billigen Zuckersirup Isoglukose aufgehoben.

Was ist Isoglukose und wie wird sie gewonnen?

Isoglukose ist ein Zuckersirup, der aus Mais-, Weizen- oder Kartoffelstärke hergestellt wird. Wie im herkömmlichen Haushaltszucker besteht sie aus Glukose und Fructose – jedoch in einem anderen Verhältnis. Der Fructose-Anteil liegt meist bei 55 Prozent, während beim Haushaltszucker beide Arten im gleichen Verhältnis vorkommen. Laut den Verbraucherschützern von Foodwatch gebe es den Sirup aber ebenso mit 90 Prozent Fructose-Anteil, wenn auch sehr selten. Isoglukose wird vor allem in der Lebensmittelindustrie zum Süßen verwendet, etwa von Limonaden, Soßen oder Gebäck. Laut der Deutschen Adipositas-Gesellschaft macht der Sirup in den USA fast die Hälfte aller verwendeten Zuckerarten aus. Auf Verpackungen von Lebensmitteln ist dafür die Bezeichnung Fructose-Glukose-Sirup üblich.

Warum droht angeblich eine Schwemme von Isoglukose?

Bis vor Kurzem war der Anteil der Isoglukose in der Europäischen Union auf fünf Prozent des Zuckermarkts beschränkt. Daher stammte der Großteil des Zuckers hierzulande aus Zuckerrüben. Zum 1. Oktober wurde der Markt innerhalb der EU liberalisiert, Mindestpreise und Produktionsquoten entfielen. Und auch die Grenze für Isoglukose gilt nicht mehr. Da der Sirup billiger ist als etwa Zucker aus Zuckerrüben, befürchten Kritiker einen enormen Anstieg. Auch Experten des Ausschusses für Umweltfragen des EU-Parlaments erwarten, dass sich die Produktion von Isoglukose von 2016 bis 2025 verdreifacht.

Was bemängeln Kritiker an dem Sirup?

Zwar wird Isoglukose an sich nicht als schädlicher eingeschätzt als Haushaltszucker. Weil er aber günstiger ist, würden so Anreize für die Industrie geschaffen, mehr Zucker in ihre Produkte zu stecken, warnt Foodwatch: „Bei gesunden Lebensmitteln wie Obst oder Gemüse macht die Industrie deutlich weniger Profit als mit Softdrinks, Süßigkeiten oder Snacks. Der Zugang zu noch billigeren Süßungsmitteln wie eben Isoglukose verstärkt dies.“

Diese Gefahr sehen auch die Deutsche Diabetes-Hilfe und die Deutsche Adipositas-Gesellschaft (DAG). Kommt Isoglukose vermehrt zum Einsatz, nehme der Zucker- und Kalorienverzehr insgesamt zu – was Übergewicht oder Diabetes Typ 2 begünstigt. Auch der erhöhte Fructose-Anteil in dem Sirup wird kritisiert, da durch ihn das Risiko für eine Fettleber steige. Am Beispiel Isoglukose sehe man, dass die Agrar- und Ernährungspolitik einen Einfluss auf die Entstehung chronischer Krankheiten habe, betont DAG-Präsident Matthias Blüher.

Wie kontert die Zuckerindustrie die Argumente der Kritiker?

Ein Sprecher der Wirtschaftlichen Vereinigung Zucker (WVZ) sagte der Nachrichtenagentur dpa, er rechne mit „keinen großen Veränderungen für Verbraucher“. Zwar werde der Anteil von Isoglukose am Markt steigen. Dass der Zuckerpreis aber per se sinkt, glaube er dagegen nicht. Es werde vielmehr zu Preisschwankungen kommen. Die Zucker-Gesellschaft warnte einst selbst vor einer Liberalisierung des Markts – weil sie zulasten der hiesigen Produzenten
gehe: Die EU-Kommission riskiere, dass die Zuckererzeugung aus Rüben durch die
Reform weiter zurückgehe, bemängelte der WVZ-Vorsitzende Hans-Jörg Gebhard im Jahr 2011.

Was fordern die Kritiker von der Politik?

Matthias Blüher von der DAG appelliert an die Politik, dass sie nicht nur eine Verantwortung für die Wirtschaft trage, sondern auch für die Gesundheit der Verbraucher. „Wir müssen verhindern, dass wirtschaftliche Interessen einmal mehr den ungünstigen Zuckerkonsum weiter in die Höhe treiben.“ Die neue Bundesregierung müsse eine Strategie entwickeln, Zucker, Salze und Fette in Lebensmitteln zu senken. Foodwatch drängt unter anderem auf eine verbesserte Kennzeichnung, etwa mit einer Ampel auf Verpackungen. Zuckerbomben könnten so „auf einen Blick entlarvt werden“. Hersteller zuckergesüßter Getränke sollten zudem eine Abgabe zahlen.

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