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Freitag, 29.12.2017

Der letzte Blumenstrauß

Am Sonnabend gehen 88 Jahre Familientradition in Reinhardtsdorf zu Ende. Zum Pläneschmieden blieb Inge Knechtel noch keine Zeit.

Von Gunnar Klehm

Inge Knechtel geht mit 75 Jahren in den Ruhestand. Nachfolger für ihren Blumenladen fand sie nicht.
Inge Knechtel geht mit 75 Jahren in den Ruhestand. Nachfolger für ihren Blumenladen fand sie nicht.

© Dirk Zschiedrich

Reinhardtsdorf. Mühsam nimmt eine gehbehinderte Kundin die paar Stufen hinab zu Müllers Blumenhaus in Reinhardtsdorf. Die Anstrengung ist es ihr aber wert. „Hier gibt es die schönsten Sträuße“, sagt sie. Fast verlegen nimmt die Inhaberin des Ladens, Inge Knechtel, das Kompliment entgegen. Dann bedauert die Kundin, dass es nun ein Ende mit dem Geschäft hat. Die meisten im Ort wissen davon. Mit 75 Jahren geht Inge Knechtel nun doch mal in den Ruhestand. Die Ladeninhaberin ist betübt, dass sie keinen Nachfolger gefunden hat. Damit geht eine lange Familientradition zu Ende.

1929 hatte Inge Knechtels Vater, Willy Müller, eine Gärtnerei in Reinhardtsdorf eröffnet. Verkauft wurde anfangs in einer Scheune oder direkt auf dem Friedhof, wo die Gärtnerei auch für die Pflege vieler Gräber verantwortlich war. Zu DDR-Zeiten war es ein schwieriges Geschäft. Besonders im Winter, weil es kaum Blumen-Importe gab. Auf einem Feld wurden auch Gemüsepflanzen gezogen und verkauft.

Nach 1990 wurde es besser. Das ganze Jahr durch gibt es seitdem die schönsten Blumen. Mit dem Straßenbau 1995 fiel die Scheune. Stattdessen entstand der gläserne Laden etwas unterhalb der Hauptstraße 84. Dort hat Inge Knechtel so manchen Notfall gelöst. „Auch nach Feierabend“, sagt ihr Mann Karl Knechtel. Es war ein Leben für das Geschäft. An eine Schließzeit im Sommer war nicht zu denken. „Zur goldenen Hochzeit hatten wir mal eine Reise geschenkt bekommen. Da war mal eine Woche zu“, erinnert sich Karl Knechtel.

Fürs Pläneschmieden für die Zukunft war noch keine Zeit. Vielleicht besuchen sie mal die Urenkel oder machen eine Busreise. Am Mittwoch hat Inge Knechtel noch die letzte Lieferung erwartet. „Die Leute haben doch noch bestellt“, sagt sie. Am Sonnabend öffnet sich dann zum letzten Mal ihren Blumenladen – oder es findet sich ja doch noch ein Interessent.

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