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Montag, 01.01.2018

Der lange Weg zur neuen Wohnung

Eine Dresdner Familie suchte eine größere Bleibe – mit ungewöhnlichen Mitteln. Nun berichtet sie, wie das geklappt hat.

Von Nora Domschke

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Das Weihnachtsfest konnte die Familie nun im neuen Heim verbringen. Norma Beutler und Ron Geier hatten im Frühjahr mit ihren Kindern Wilhelm, Gerda und Selma (v. l.) 100 Flyer in der Neustadt verteilt – in der Hoffnung, dass sich ein Vermieter meldet.
Das Weihnachtsfest konnte die Familie nun im neuen Heim verbringen. Norma Beutler und Ron Geier hatten im Frühjahr mit ihren Kindern Wilhelm, Gerda und Selma (v. l.) 100 Flyer in der Neustadt verteilt – in der Hoffnung, dass sich ein Vermieter meldet.

© Christian Juppe

Das Hechtviertel ist es nicht geworden – das war eigentlich ihr großer Traum. Wenn schon ein Umzug mit drei Kindern, dann wenigstens innerhalb der gewohnten Umgebung. Kita, Schule – das sollte alles so bleiben wie bisher. Das hat auch geklappt. Na ja, die Leipziger Vorstadt ist auch okay. Die Familie fühlt sich sichtlich wohl in den vier Wänden an der Großenhainer Straße. Das erste Weihnachtsfest im neuen, riesigen Wohnzimmer war aufregend für die fünf, der Schwibbogen strahlt mit Norma Beutler, Ron Geier und ihren drei Kindern Selma, Wilhelm und Gerda um die Wette.

Noch sind zwar nicht alle Kartons ausgepackt, aber die Kleinen zeigen stolz ihr Spielzimmer und das große Bett, in dem sie nun alle drei gemeinsam schlafen können. „Wir sind jetzt angekommen und fühlen uns total wohl“, sagt Mama Norma.

Es war ein langer Weg. Mit einer ungewöhnlichen Aktion hatte die Familie im Frühjahr dieses Jahres nach einer größeren Bleibe gesucht. 100 Flyer hat das Paar an Betonmasten, Litfaßsäulen, Hauseingänge gepinnt. Mit der großen Hoffnung, dass ein privater Eigentümer ihnen eine Wohnung vermietet. Auf Anzeigen im Internet gab es zuvor stets Absagen, nachdem sie die Wohnung angeschaut und ihre Unterlagen eingereicht hatten. Doch die Zeit drängte. Also kam Norma Beutler auf die Idee mit den Zetteln. War das eine Hilfe?

Im Hinterhaus an der Gutschmidstraße mitten im Hecht war es für die fünfköpfige Familie zu eng geworden. 65 Quadratmeter auf zwei Etagen – dort konnten sie nicht bleiben. Obwohl das Umfeld passte, Freunde im Vorderhaus wohnten, die Wege zu Schule und Kita kurz waren. Nun sind die Strecken etwas länger, aber das macht den Eltern nichts aus. Dafür teilen sie sich nun stattliche 116 Quadratmeter und vier Zimmer. Die Wände sind in frischem Gelb gestrichen, Heizung und Bäder neu.

Dafür ist die Warmmiete mit 1 054 Euro etwas teurer als geplant. „Wir haben trotzdem nicht lange überlegt“, sagt Ron Geier. Das lässt der Wohnungsmarkt in Dresden derzeit auch nicht zu. Große Wohnungen, vor allem in Altbauten, sind gefragt. Die schöne Villa an der Großenhainer Straße wurde früher als Kindergarten genutzt, ein altes Badebecken im Garten erinnert noch daran. Mit Trampolin ausgestattet und auf der Rückseite des Hauses ruhig gelegen ist der Garten wohl der Traum jeder kinderreichen Familie.

Zum Wohnungsglück verhalf Norma Beutler am Ende aber nicht einer der vielen Zettel, sondern eben doch eine jener ganz normalen Anzeigen auf einem Immobilienportal im Internet. Schaden würde so eine Zettelaktion aber schließlich auch nicht, rät die Mutter. „Fünfköpfige Familie sucht Vierzimmerquartier mit 85 Quadratmetern und bis zu 850 Euro kalt“, war auf ihren Aushängen zu lesen. Reaktionen darauf ließen nicht lange auf sich warten. „Es gab einige Anrufe von Wohnungseigentümern“, erzählt Vater Ron. Insgesamt fünf Wohnungen hätten sie sich angeschaut, aber nicht das Passende gefunden. „Entweder war die Lage nicht gut, die Wohnung zu klein oder schlichtweg zu teuer“, erzählt Norma Beutler.

Der Preis ist oft der Knackpunkt, denn längst nicht jede Dresdner Familie kann sich eine Monatsmiete von 1 000 Euro oder mehr leisten. Norma Beutler und Ron Geier haben sich getraut, etwas mehr zu investieren. Die 34-Jährige hat in diesem Jahr eine Ausbildung zur Erzieherin abgeschlossen und betreut Jugendliche in einer Wohngruppe; Ron Geier ist studierter Designer. Beide hoffen allerdings, dass die Nebenkostenabrechnung im kommenden Jahr keine böse Überraschung parat hält.

Doch wie wird es künftig auf dem Wohnungsmarkt in Dresden aussehen? Wird es in den kommenden Jahren genug Angebote für Familie mit mehreren Kindern geben, vor allem solche, die bezahlbar sind? Einer aktuellen Studie des Immobilienunternehmens Aengevelt zufolge müssten bis 2030 mehr als 52 000 zusätzliche Wohnungen gebaut werden, um den Bedarf zu decken. Dieser Berechnung liegt die Bevölkerungsprognose zugrunde. Demnach könnte es bis 2025 bis zu 600 000 Dresdner geben. Platz für größere Bauprojekte ist noch an der Stauffenbergallee, im Jägerpark und in der Lingnerstadt vorhanden, sagt die Stadtverwaltung. Preiswerte Wohnungen soll die neue städtische Gesellschaft „Wohnen in Dresden“ schaffen.

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Leser-Kommentare

Insgesamt 5 Kommentare

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  1. B aus DD

    Mich würde mal interessieren, ob die Familie auch mal diverse Markler kontaktiert hatte. Ich vermute, dass es immer noch bezahlbare Wohnungen gibt, die Markler diese nur nicht mehr selbstständig veröffentlichen. Das dürfte ja mittlerweile der einzige Weg sein, um an Provisionen für Mietobjekte zu kommen. Vermieter übernehmen diese üblicherweise nicht, außer der monatliche Mietzins ist jenseits des Bezahlbaren.

  2. Bauer

    600.000 Einwohner-Stadt, relativ zentrumsnah, 116 qm für weniger als 10 EUR warm, "Nicht jeder Dresdner kann sich das leisten" ... schwierig zu lesen, welchen Zustand sich die Dresdner oder die SZ hier idealerweise vorstellen ... flächendeckendes Wohnen für alle für knapp unter 8 EUR warm? ... oder für alle umsonst? ... oder sollen es doch wieder die blauen Fliesen unter der Hand sein? ... was erwarten sich die Schreiber & Leser & Kritiker dieses Beitrages? ... ab und an spreche ich mit Mietern aus Dresden, Fazit: Die Qualität des Wohnraumes hinkt hinter den Mietpreisen hinterher. OK! Hier seid ihr liebe Vermieter und Investoren gefragt und in der Pflicht! Kein Wenn und Aber! >> Danach steigen aber die Mieten! Unausweichlich! Liebe Mieter, danach seid ihr in der Pflicht! Ebenso. Ehrlichkeit bitte auf beiden Seiten! ... Bitte keine Quak- und Troll-Antworten. Es wird nie eine funktionierende Wohnungswirtschaft zum NULL-Tarif geben, es sei denn die Immobilien werden wieder verstaatlicht.

  3. Juliane

    Erstens heißt es Makler und nicht Markler, verehrte(r) B aus DD, und zweitens ist es nicht zwangsläufig so, dass Mieter die Provision des Maklers zahlen. Seit geraumer Zeit gilt das Bestellerprinzip, und in der Regel ist es so, dass der Vermieter seine Bude vermietet haben will, und deshalb, schlicht gesagt, den Makler "bestellt" neue Mieter zu finden. Aber das nur nebenbei. --- Zum eigentlichen Thema: "Beide hoffen allerdings, dass die Nebenkostenabrechnung im kommenden Jahr keine böse Überraschung parat hält." Heißt, eigentlich ist man sich doch nicht so sicher, dass man sich diese Wohnung tatsächlich leisten kann. Ich will nach der ersten ganzjährigen Betriebskostenabrechnung hier keinen Artikel über diese Familie lesen, die dann jammert, dass die BK ja sooo hoch sind und irgendwas kann da nicht stimmen und blabla und Werbung für den Mieterverein. Wehe!

  4. ICH

    Was mich verwirrt: Montag, 01.01.2018 Der lange Weg zur neuen Wohnung Mit einer ungewöhnlichen Aktion hatte die Familie im Frühjahr dieses Jahres nach einer größeren Bleibe gesucht. War wohl ein sehr kurzes Frühjahr.

  5. W.H.

    Erst mal herzlichen Glückwunsch zur neuen Wohnung! Ich habe den Flyer auch gesehen und mich damals gewundert, dass jemand bereit ist luxuriöse 10€/qm kalt zu zahlen (850€/85qm) und dann so große Schwierigkeiten bei der Wohnungssuche hat. Jetzt sind es ca. 9€/qm (1054€/116qm) warm und bei Abzug der durchschnittlichen Nebenkosten von 2,5€/qm nur noch 6,5€/qm kalt. Das ist doch nicht schlecht. Damit es auch in Zukunft möglich ist, nicht-luxuriöse normale bezahlbar Wohnungen ohne Wohnungsberechtigungsschein vom Amt zu finden, bedarf es anscheinend der 52000 Wohnungen. Leider lese ich in letzter Zeit vor allem von blockierten Projekten (Leipziger Vorstadt), Neugenehmigung mit verringerter Wohnungszahl (Kaditz) und sogar Wohnungsabrissplänen (Neustädter Markt). So lässt sich die Preisspirale aufgrund von Wohnungsknappheit nicht durchbrechen. Da bleibt als letzte Hoffnung nur, dass die Stadt etwas an Attraktivität verliert und niemand mehr nach Dresden ziehen möchte.

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