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Dienstag, 17.04.2018

Der historische Dorfrundgang

Zum 950. Geburtstag bekommt Pesterwitz einen besonderen Pfad, der die Historie des Ortes erlebbar macht.

Von Thomas Morgenroth

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Pfarrer Matthias Koch (l.), Vorsitzender des Festvereins „950 Jahre Pesterwitz“, und Thomas Leonhardt von der Arbeitsgruppe Geschichte überreichen Annerose Hantzsch die erste von mehr als fünfzig Keramiktafeln, mit denen der neue historische Rundweg durch den Ort gekennzeichnet wird.
Pfarrer Matthias Koch (l.), Vorsitzender des Festvereins „950 Jahre Pesterwitz“, und Thomas Leonhardt von der Arbeitsgruppe Geschichte überreichen Annerose Hantzsch die erste von mehr als fünfzig Keramiktafeln, mit denen der neue historische Rundweg durch den Ort gekennzeichnet wird.

© Karl-Ludwig Oberthür

Annekathrin Gerloff stellt die Tafeln in der Töpferei Pesterwitz her.
Annekathrin Gerloff stellt die Tafeln in der Töpferei Pesterwitz her.

© Karl-Ludwig Oberthür

Freital. Das liebevoll restaurierte Fachwerkhaus von Annerose Hantzsch am Dorfplatz in Pesterwitz werden ab dem Spätsommer wohl öfter als bisher Gäste des Ortes bestaunen – als Teil des „Historischen Rundgangs Pesterwitz“. Eine Keramiktafel, die in diesen Tagen neben dem Hoftor angebracht wird, weist das Anwesen als vierte von insgesamt 54 Stationen aus. Bis zur 950-Jahr-Feier im September soll der neue Pfad zur Heimatgeschichte fertig sein. Annerose Hantzsch war die erste der beteiligten Grundbesitzer, die ihre Plakette bekam – überreicht von Pfarrer Matthias Koch, dem Vorsitzenden des Vereins „950 Jahre Pesterwitz“, und Thomas Leonhardt, der die Idee zu dem Projekt hatte und es federführend betreut.

Thomas Leonhardt, der von seiner Geburt an Dresdner war und erst vor zweieinhalb Jahren von Altfranken nach Pesterwitz gezogen ist, wurde durch eine Postwurfsendung zur Mitarbeit im Festverein angeregt. „Ich dachte, ich kann mit meinen Erfahrungen helfen“, sagt der pensionierte Polizist, der in Dresden unter anderem das 800-jährige Stadtjubiläum und 800 Jahre Kreuzchor als ambitionierter Hobbyfotograf begleitet hat. Auch beim Dixielandfestival steht Leonhardt seit vier Jahrzehnten mit der Kamera direkt an den Bühnen. Zudem war er von 2011 bis 2015 Vorsitzender des Festivalvereins – Kultur im großen Maßstab ist ihm also nicht fremd.

Davon können die Pesterwitzer profitieren, zumal Leonhardt als alleinstehender Rentner jede Menge Zeit hat. Mit seiner freundlichen Art ist der 66-Jährige auch gern gesehen und wird von den Alteingesessenen sogar als Pesterwitzer akzeptiert – „obwohl man das als Zugezogener eigentlich erst nach dreißig Jahren wird“, sagt er lachend. Er berät nun die Arbeitsgruppe Festumzug und arbeitet vor allem in der Arbeitsgruppe Geschichte mit.

Weil das Schreiben der Ortschronik in den Händen des Heimatforschers Eberhard Kammer liegt, fragte sich Leonhardt, was denn da noch zu tun bliebe. Da fielen ihm die gelben Plasteschilder mit Jahreszahlen ein, die er im Dresdner Stadtteil Loschwitz gesehen hatte. Es waren Hinweise auf das Baujahr der Gebäude, die zum Beispiel an der Kirche oder der Alten Feuerwache angebracht wurden, als der Ort 2015 seinen 700. Geburtstag feierte. „So einen historischen Dorfrundgang konnte ich mir für Pesterwitz gut vorstellen“, erinnert sich Leonhardt. Allerdings wollte er, anders als die Loschwitzer, eine nachhaltige Lösung.

Die Tafeln sind deshalb nicht aus Kunststoff, sondern aus Ton, der im gebrannten Zustand Jahrhunderte überdauern kann. Die Reliefs werden in der Töpferei Pesterwitz von Annekathrin Gerloff hergestellt – mit Nudelholz und Ausstechformen. Unter dem Pesterwitzer Wappen mit dem Hinweis auf die 950-Jahr-Feier 2018 steht eine Jahreszahl, die auf die Fertigstellung des Objektes oder auch eine Ersterwähnung verweist. Ist das nicht exakt zu ermitteln, steht ein kleines „um“ darüber, wie bei der Kirche, deren älteste Bausubstanz aus der Zeit „um 1100“ stammt. Bei Annerose Hantzsch steht 1818, wie auf dem Schlussstein über dem Eingang ihres Hauses.

Die Schilder, für die jeder Eigentümer einen Unkostenbeitrag von fünfzig Euro bezahlen muss, sind nur ein Teil des aufwendigen Projektes. Zum Rundweg gehört eine Broschüre, in der allerlei Wissenswertes zur Geschichte eines jeden Objektes nachzulesen ist. Was einfacher erscheint als es tatsächlich ist. „Nicht jeder Besitzer eines Hauses kennt auch dessen Geschichte“, sagt Leonhardt, der selbst mit recherchierte, zum Beispiel in historischen Grundbüchern. Wer ein Smartphone besitzt, kann auf den Tafeln zudem einen aufgeklebten QR-Code scannen, der eine Internetseite mit zusätzlichen Informationen, Fotos oder sogar Videos öffnet.

Das alles zusammenzutragen, ist eine Fleißarbeit, ein Vollzeitjob, den Leonhardt aber mit viel Freude und rein ehrenamtlich erledigt. Er hat es sich ja auch selbst eingebrockt. „Der Rundgang ist jetzt viel größer als anfangs gedacht“, sagt Leonhardt, der zunächst nur die sechzehn denkmalgeschützten Häuser im Blick hatte, plus acht Objekte, die einst denkmalgeschützt waren und noch existieren. Allmählich aber ist der Umfang gewachsen, in seiner größten Ausdehnung ist der Pfad nun zwölf Kilometer lang. Die Reise in die örtliche Geschichte kann so um die sechs Stunden dauern. „Aber es sind kürzere Strecken möglich“, sagt Thomas Leonhardt, der gern auch Führungen übernimmt, wie im Juni für die Lehrer der Schule, die ja meistens nicht aus Pesterwitz stammen.

Nicht immer sind alle Fakten exakt zu klären, zum Beispiel, wann genau der Gasthof gebaut wurde. Andererseits kommt dank Leonhardts Initiative manch nettes Histörchen ans Licht, wie das um das Geldfälscherhaus, das nun sogar im Festumzug eine Rolle spielt. Auch Annerose Hantzschs Anwesen soll dort zu Ehren kommen. Die ehemalige Horterzieherin will nämlich ihren 1981 verstorbenen Großvater als Figur wieder lebendig werden lassen, den Schuhmachermeister Paul Krämer. Er hatte im Erdgeschoss des Dorfplatzes 4 seine Werkstatt. Jetzt befindet sich dort eine Naturheilpraxis. Aber das ist eine andere Geschichte, die wird vielleicht in fünfzig Jahren zur Jahrtausendfeier erzählt.

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