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Samstag, 30.12.2017

Der Glücksbringer

Als Schornsteinfeger wird der Krauschwitzer Jörg Rother gerne mal am Ärmel gezupft. Und das nicht nur zu Silvester.

Von Constanze Knappe

Schornsteinfegermeister Jörg Rother mit Bürokatze Lilly. Von Amts wegen ein Glücksbringer ist der Krauschwitzer auch sonst eine Frohnatur. Gesundheit und dass alles so bleiben möge, wie es ist, das wünscht er sich für das Jahr 2018.
Schornsteinfegermeister Jörg Rother mit Bürokatze Lilly. Von Amts wegen ein Glücksbringer ist der Krauschwitzer auch sonst eine Frohnatur. Gesundheit und dass alles so bleiben möge, wie es ist, das wünscht er sich für das Jahr 2018.

© Joachim Rehle

Krauschwitz. Jörg Rother zuckt mit den Schultern. Silvester ist an einem Sonntag. Dass er in seiner Schornsteinfegermontur um besonderen Glücksbeistand gebeten wird, fällt in diesem Jahr also flach. Tragisch sei das nicht, sagt er. Denn die Leute wollen ihn das ganze Jahr über am Ärmel zupfen. Gut zehnmal am Tag werde er danach gefragt. Den 43-Jährigen stört das nicht. Schornsteinfeger gelten nun mal als Glücksbringer. Einer Frau soll die Berührung zu einem Lottogewinn verholfen haben, mit 400 Euro zwar nicht der ganz große, aber immerhin. Bei der Frage, ob er als Schornsteinfeger bei Kollegen das Glück suche, schmunzelt er. Nein, er glaube nicht daran ...

Seit 1990 ist er Schornsteinfeger. In der Verwandtschaft gab es jemanden mit diesem Beruf. Draußen sein, mit Menschen zu tun und immer Abwechslung haben, waren nur einige Argumente dafür. Das leuchtete ihm irgendwie ein. So wurde Jörg Ro-ther selber Schornsteinfeger und hat es bis heute „nicht eine Sekunde bereut“. Einziger Wermutstropfen: das Wetter. Aber da gewöhne man sich dran. Vor starken Sturmböen oder Blitzeis hat er Respekt. Aber eigentlich habe er noch nie erlebt, dass er nicht auf den Schornstein rauskonnte. Abgestürzt ist er nur ein einziges Mal in all den Jahren. „Eine Hausfrau lebt gefährlicher“, sagt er. Seine Frau Claudia sieht es nicht ganz so gelassen. Sie ruft dann schon mal durch, um sicherzugehen, dass mit ihm alles in Ordnung ist.

Mit 34 Metern Höhe ist der „Blaue Engel“ in Weißwasser das höchste Gebäude, auf dem er bisher zugange war. Hier im ländlichen Bereich ist der Schornsteinfeger zu einem Viertel seiner Aufgaben noch das, was er mal war. Ein Essenkehrer eben. Es werde viel mit Holz gefeuert oder mit Deputatkohle aus Tagebau und Kraftwerk, erklärt Jörg Rother. Pro Tag steigt er an 15 bis 20 Häusern aufs Dach. Es ersetzt ihm das Fitnessstudio. Erst muss er über Treppen und Leitern aufs Dach, um mit Stoßbesen und Kehrleine den Schacht zu reinigen, und danach in den Keller, um durch den Reinigungsverschluss den Ruß auszuräumen. Früher nahmen das die Hausbesitzer nicht ganz so genau. Entsprechend groß sei die „Sauerei“ gewesen und er schwarz bis an die Nasenspitze. Eine zweite Waschmaschine hat die Familie für seine Berufsbekleidung. Traditionell ist der Schornsteinfeger im Koller unterwegs, einer schwarzen kragenlosen Jacke mit goldfarbenem zweireihigem Knopfbesatz, darüber einem Gürtel mit goldener Schnalle. Jörg Rother bevorzugt es praktisch. Den Winter über greift er zur Wattejacke. Das hält aber niemanden davon ab, ihn trotzdem am Ärmel zu zupfen. Einzig der Zylinder erinnert an die ursprüngliche Zunftbekleidung. Wobei erst Gesellen einen Zylinder tragen dürfen, der übrigens auch als Regenrinne dient.

Treppauf, treppab – Muskelkater hat Jörg Rother nicht. Die Lehrlinge hingegen seien da abends ziemlich fertig. Das ungewohnte Pensum der Bewegung und immer an der frischen Luft, das macht müde. So sei es ihm einst ja selber ergangen. Aber wie gesagt, alles Sache der Gewöhnung.

Immer mehr Abgasmessungen

Immer häufiger sind Jörg Rother und seine Zunftkollegen mit Abgasprüfungen beschäftigt. An Öl- und Gasheizungen, seit drei Jahren ebenso an Kohle- und Holzkesseln. Je nach Anlage ist vorgeschrieben, in welchem Rhythmus das zu passieren hat. Ignoriert jemand den Feuerstättenbescheid, kann das Ordnungsgeld richtig teuer werden. Nach nochmaliger Aufforderung durch das Amt muss sich ein Schornsteinfeger dann unter Umständen mit Hilfe der Polizei Zutritt verschaffen. Er weiß das von Kollegen, ihm selbst sei das zum Glück noch nie passiert, sagt der Krauschwitzer. Er ist seit 2000 Schornsteinfegermeister und zuständig für Bad Muskau, Krauschwitz und Sagar. Außerdem hilft er einem Kollegen in Boxberg und Nochten aus, der keinen Gesellen hat. Die Bürokratie nimmt mindestens genauso viel Zeit in Anspruch wie die eigentliche Arbeit auf dem Dach. Kehrbuch, Feuerstättenschaubericht, Mängelanzeigen nennt Jörg Rother nur drei Beispiele. Da läppere sich im Laufe des Jahres so einiges zusammen. An drei bis fünf Tagen pro Jahr sitzt der Schornsteinfegermeister außerdem auf der Schulbank, um sich hinsichtlich der Abgasnormen verschiedenster Heizungen auf den neuesten Stand zu bringen.

Mit seinem einstigen Lehrmeister und Bezirksschornsteinfegermeister Norbert Beier tat sich Jörg Rother 2014 in Bad Muskau zu einem Servicebetrieb zusammen. Einen Lehrling im dritten Lehrjahr bildet er aus und möchte danach einen weiteren einstellen. Jahrelang hätten sich gerade mal zwölf junge Leute in vier ostdeutschen Bundesländern gefunden, die Schornsteinfeger werden wollten. Inzwischen trägt die aufwendige Werbekampagne der Landesinnungen Früchte. 60 Lehrlinge pro Jahr lernen nun an der Bildungsstätte des mitteldeutschen Schornsteinfegerhandwerks in Doberschütz (Nordsachsen) „Abwechslungsreich, an der frischen Luft, immer mit Leuten zusammen und der Verdienst ist auch nicht der schlechteste.“ Mit den Argumenten, die Jörg Rother selber einst überzeugten, möchte er für die Ausbildung zum Schornsteinfeger interessieren. Er fügt außerdem noch hinzu, dass man beizeiten selbstständig arbeitet, der Chef einem Gesellen nicht ständig auf die Finger schaut.