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Samstag, 17.06.2017 Dresdner Geschichte

Der Dresden-Tag des Fidel Castro

Vor 45 Jahren besuchte der kubanische Staatschef zum ersten und einzigen Mal die Stadt.

Von Lars Kühl

Ein Gespräch über den Zaun: Auf der Prager Straße traf Fidel Castro, eher unabsichtlich, auf Arbeiter der Rundkino-Baustelle. Die Atmosphäre war locker.
Ein Gespräch über den Zaun: Auf der Prager Straße traf Fidel Castro, eher unabsichtlich, auf Arbeiter der Rundkino-Baustelle. Die Atmosphäre war locker.

© Ulrich Haessler

Wie die Fahrt eines Triumphators im Streitwagen zu Römer-Zeiten lesen sich diese Zeilen. „Zuvor hatten Zehntausende Dresdner, ein schier unübersehbares Spalier bildend, den hohen Gast
und seine Begleitung begeistert verabschiedet“, schreibt die Sächsische Zeitung am 17. Juni vor 45 Jahren. „Ein Meer winkender Hände erhob sich, als die Wagenkolonne vorbeifuhr.“ Jemand Wichtiges war auf dem Flughafen, bereit abzureisen. Uwe Meier aus der 2c band dem Ehrengast vorher ein blaues Halstuch um. Die FDJler schenkten rote Nelken.

So wurde in der DDR Ehrengästen gehuldigt. Andere Zeiten, andere Sitten. Wer heute durch Tageszeitungen von damals blättert, amüsiert sich über den Sozialisten-Sprech. Und wundert sich über die Zahlen der Besucher von Kundgebungen. Denn während es Superstars zurzeit kaum schaffen, ein Stadion für ein Konzert zu füllen, lockte ein „Comandante“ 120 000 Menschen auf den Theaterplatz. Der kubanische Revolutionär und kommunistische Staatschef Fidel Castro, der voriges Jahr mit 89 oder 90 Jahren (die Theorien dazu sind unterschiedlich) starb, war am 16. Juni 1972 für einen (halben) Tag in Dresden. Ob sich wirklich solch eine riesige Menge seine Rede „Gemeinsam und einheitlich im Kampf gegen Imperialismus“, so wie sie die SZ unter dieser Überschrift über zwei Seiten abdruckte, angehört hat, ist fraglich. Die Begeisterung über die Stippvisite war offensichtlich wirklich groß.

Castro, der charismatische „Maximo
Lider“, war vom 13. bis 21. Juni auf Rundreise durch die DDR. Die DEFA hat dies für ihre Wochenschau „Der Augenzeuge“ filmisch festgehalten. Zu sehen ist, wie der Bartträger im Dresdner Rathaus ein Stadtmodell besichtigt, einen Brunnen auf der Prager Straße inspiziert oder einer Frau ein Autogramm gibt – immer gesäumt von Klatschenden. Nur noch nachlesen kann man, was der Frauenschwarm tags zuvor in der Moritzburger „Waldschänke“ am Abend speiste: gebratene Ente mit Klößen, dazu frische Erdbeeren und Wodka der Marke „Lunikoff“.

In Dresden hatte sich die kubanische Delegation im Interhotel „Newa“ (heute „Pullman“) einquartiert. Um 11 Uhr begann das straffe Programm: „Ein Tor in der Menschenmauer öffnet sich, und der Rundgang beginnt“, steht in der SZ. Komplett ans Protokoll hielt sich Castro dann nicht. So unterhielt er sich mit Arbeitern, die nicht „bestellt“ waren und gerade am Rundkino bauten. Angeblich soll er sich auch vom offiziellen Tross entfernt und bei einer verdutzten Familie geklingelt haben, um einen Blick hinter die Kulissen zu werfen. Ob erlaubt oder nicht – einem Comandante schreibt man nicht vor, was er zu tun und zu lassen hat.

Der Stopp im Kulturpalast war dagegen planmäßig, genau wie der Eintrag ins Goldene Stadtbuch und die Fahrt im offenen Auto durch die Johannstadt, über den Altenberger Platz, vorbei am Robotron-Neubau in Gruna sowie die Besuche des Zwingers und der Gemäldegalerie. Langweilig dürfte es dem ehemaligen Guerillero nicht geworden sein. Auf das beim Abschied herzlich ausgesprochene „Hasta la vista, companero!“ gab es allerdings kein „Wiedersehen“ mit dem „Freund“ in Dresden.

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