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Donnerstag, 15.02.2018

Der Boss, der keiner sein will

Eric Frenzel ist wieder Olympiasieger. Der kopfstarke Kombinierer ist nach einem kleinen Tief auf den Punkt zurück.

Von Michaela Widder

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Am Ziel seiner Träume lässt Eric Frenzel seinen Gefühlen freien Lauf. Foto: Action Press
Am Ziel seiner Träume lässt Eric Frenzel seinen Gefühlen freien Lauf. Foto: Action Press

© action press

Kampf um Gold: Eric Frenzel stürmte wie entfesselt durch die Loipe, lässt die Konkurrenz mit seinem Antritt förmlich stehen und wiederholt seinen Gold-Triumph von Sotschi.
Kampf um Gold: Eric Frenzel stürmte wie entfesselt durch die Loipe, lässt die Konkurrenz mit seinem Antritt förmlich stehen und wiederholt seinen Gold-Triumph von Sotschi.

© dpa

Er soll heute der Boss sein, ruft ihm Co-Trainer Ronny Ackermann auf der Abfahrt ins Stadion hinterher. Als Eric Frenzel dann nicht mehr die Skier und Stöcke seiner Gegner spürt und auf der Leinwand sieht, dass das Loch groß genug ist, weiß er: Der Olympiasieg gehört ihm, und er kann ihn auf den letzten Metern schon richtig genießen. Ein kurzer Blick zurück, vor dem Zielstrich der Kuss in den Himmel – und der Hopser mit Telemark ins Glück.

Vier Jahre nach seinem Sieg in Sotschi ist Frenzel wieder der König der Kombinierer. „Es ist ein tolles Gefühl, zu wissen, dass man den Erfolg wiederholt hat“, sagt Frenzel, vor allem, weil er weiß: „Es war in den letzten Monaten nicht ganz einfach. Mein großes Ziel war es, hier erfolgreich zu sein und alles dafür hintenanstehen zu lassen.“

Den besten Zeitpunkt ausgesucht

Die Favoriten waren in diesem Winter andere. Frenzel gewann bisher nur einen Weltcup, in der Gesamtwertung liegt er nur auf Rang acht. Doch der Oberwiesenthaler hat, wie es sich eben für einen großen Champion gehört, den besten Zeitpunkt ausgesucht, um seine Stärke auf der Weltbühne des Sports auszuspielen. „Unglaublich“, staunt Hermann Weinbuch mal wieder, was „das kleine Mann’l für Energie“ hat. Man könnte fast glauben: „Er ist kein normaler Mensch.“ Auch Johannes Rydzek, einer seiner größten Gegner, huldigte dem Olympiasieger. „Er ist ein ganz Großer. Wie er da attackiert hat, das ist sensationell“, meinte der viermalige Weltmeister. Weil er selbst großes Pech mit dem Wind auf der Schanze hatte, konnte er nur noch auf Platz fünf vorlaufen.

Frenzel hielt sich dagegen genau an den Plan, den sein Trainer nach dem Springen vorausgesagt hatte. Weinbuch sprach vom „Dreigestirn“ mit Frenzel, dem Japaner Akito Watabe und dem Österreicher Lukas Klapfer – und sagte damit exakt die Reihenfolge nach zehn Kilometern voraus: „Die drei werden sich hoffentlich zusammentun und nach vorn marschieren. Dann wird es höchstwahrscheinlich am letzten Berg entschieden, wer der Stärkste ist.“

Das war an diesem Mittwoch sein Mann, der deutsche Fahnenträger. Manch anderer Sportler hätte die Last, die solch eine Ehrung auch mit sich bringen kann, vielleicht nicht stemmen können – erst recht, nachdem es in dieser Saison holprig lief. Doch Weinbuch hatte schon vor dem Wettkampf gesagt: „Die Auszeichnung hat ihn größer gemacht.“

Für Frenzel war es tatsächlich eine Sache, die er sehr genossen hat. „Ich wollte diese Euphorie mitnehmen und diese Spiele genießen, es nicht zu verbissen sehen, aber doch den richtigen Ehrgeiz an den Tag legen.“ Weinbuch erklärt die Frenzel’sche Erfolgsformel, die sich aber nicht so leicht kopieren lässt. „Er kann sich fokussieren und bleibt trotzdem locker.“

Dabei ging die plötzlich aufgetretene Sprungschwäche im Team nach zuletzt überragender Saison auch an einem fünfmaligen Gesamtweltcupsieger nicht spurlos vorüber. „Zweifel hat man immer mal.“ Frenzel spürte irgendwann, dass ihm die Zeit ein bisschen wegläuft. Immer wieder arbeitete er an seiner Sprunghaltung, doch es wollte nicht so recht gelingen. Erst die Rückkehr auf das alte Bindungssystem brachte ihm die nötige Sicherheit zurück.

„Irgendwann merkte ich, dass ich Fehler gemacht habe, die gar nicht mehr da waren“, erzählt er vor der Abreise. Das hörte sich nach einem kleinen mentalen Problem an, was Weinbuch auch als größte Hürde für sein Team sah: „Das Schwierigste war, wieder den Glauben zu finden. Da haben wir in den letzten zwei Wochen sehr viel am Kopf gearbeitet.“ Im Trainingslager in Oberstdorf wurde also nicht nur intensiv gesprungen von großen und kleinen Schanzen, sondern auf dem Programm stand immer wieder „reden, reden, reden – und Gaudi“, wie Weinbuch sagt. Einen Psychologen haben die Kombinierer aber nicht extra eingeschaltet.

Frenzel hätte ihn vermutlich auch nicht gebraucht. Er macht sich von selbst locker, wenn er zu Hause bei seiner Familie im oberfränkischen Flossenbürg ist. Deshalb, meinte er in der Vergangenheit schon mal, „werde er keinen Burnout bekommen oder den Kopf in den Sand stecken, wenn es mal nicht so läuft“.

Dank an die Familie

Wenn manch einer seiner Konkurrenten im stillen Kämmerlein zu viel grübelt, hat er gar keine Zeit dafür. Er ist Vater von zwei Söhnen und seit Sommer noch von einer Tochter. Philipp, mit elf Jahren der Älteste, und seine Frau Laura sind zu den Spielen gereist und standen auf der Tribüne. „Das größte Dankeschön geht an die Familie, meine Frau, unsere Kinder, die mir den Rücken gestärkt haben, als es nicht so optimal für mich lief“, sagt Frenzel: „Ihnen gehört ein ganz großer Teil der Medaille.“

Er schafft den Spagat zwischen Familie und Leistungssport, seit er in der Weltspitze ist, das sind schon elf Jahre. Weil er sich auf das Kerngeschäft konzentriert, den kombinierten Skisprung- und Langlaufsport, ohne zu verkrampfen. Er drängt sich nicht in den Mittelpunkt, obwohl er seit Jahren der Anführer in der Mannschaft ist. Weit über das deutsche Kombinierer-Team hinaus schätzt man, wie bodenständig er trotz all seiner Erfolge geblieben ist.

Es könnten weitere dazukommen. Am nächsten Dienstag steht der Einzelwettbewerb von der Großschanze an, zwei Tage später fällt die Teamentscheidung. „Ich denke, wir sind momentan alle gut drauf“, sagt Frenzel – und er vielleicht noch ein bisschen besser als die anderen.

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