• Einstellungen
Samstag, 30.12.2017

Der Bob-Tausch zu Altenberg

Die Materialdebatte gewinnt so kurz vor Olympia unerwartet an Fahrt. Gold-Hoffnung Friedrich sitzt im FES-Schlitten, obwohl er sich bereits dagegen entschied.

Von Tino Meyer

1

Bild 1 von 2

Donnerstagmorgen in Altenberg, 9.41 Uhr: Francesco Friedrich (links) und sein Top-Anschieber Thorsten Margis bringen den Zweierbob der FES an den Start. Zu Testzwecken, heißt es.
Donnerstagmorgen in Altenberg, 9.41 Uhr: Francesco Friedrich (links) und sein Top-Anschieber Thorsten Margis bringen den Zweierbob der FES an den Start. Zu Testzwecken, heißt es.

© Robert Michael

Donnerstagmorgen in Altenberg, 9.59 Uhr: Friedrichs Ersatzanschieber Jannis Bäcker fährt den Zweierbob aus dem Hause Wallner in die Garage. Vorübergehend, wie gesagt wird.
Donnerstagmorgen in Altenberg, 9.59 Uhr: Friedrichs Ersatzanschieber Jannis Bäcker fährt den Zweierbob aus dem Hause Wallner in die Garage. Vorübergehend, wie gesagt wird.

© Robert Michael

Die Ansage stammt von Raimund Bethge, dem langjährigen und bislang erfolgreichsten Bundestrainer: „Baut einfach einen Bob, der schnell ist. Dann wird der auch benutzt.“ Gesagt hat er das vor rund 25 Jahren – und einmal mehr getan jetzt offenbar das Institut für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten, kurz FES.

Zu übersehen sind die drei Buchstaben an dem gelben Zweierbob jedenfalls nicht. Weiß auf schwarz stehen sie auf dem Gerät, das Francesco Friedrich seit Donnerstag in Altenberg testet. Dabei ist der fünffache Weltmeister aus Pirna auf dem Weg zu Olympia doch im Konkurrenzprodukt des österreichischen Anbieters Wallner unterwegs. Was ist da also los?

Friedrichs Antwort fällt gewohnt kurz aus. „Wir wollen etwas probieren“, sagt der 27-Jährige, und mehr ist ihm zu dem Thema beim besten Willen nicht zu entlocken. Natürlich weiß er um die gehörige Brisanz, und er ahnt, welche Kreise dieser unerwartete Bob-Tausch ziehen wird. Denn schließlich kennt Friedrich auch die leidige Vorgeschichte nur zu gut.

Wie das medaillenlose Abschneiden der Deutschen in den FES-Bobs bei Olympia 2014 erst die Betriebsamkeit beim Verband auslöste, der sich Wallner in der Konsequenz als zusätzlichen Schlittenbauer vom Innenministerium zusichern ließ – und damit auch zugleich für eine neue Betriebsamkeit bei der FES sorgte. Während Friedrich also im Februar bei der WM am Königssee in Wallner-Fabrikaten zum vierten Mal hintereinander Zweier-Weltmeister wurde und sich eine Woche später mit dem Sieg im Vierer zum Doppel-Weltmeister krönte, entwickelte die FES in Berlin ein neues, ein konkurrenzfähiges Gerät.

In enger Zusammenarbeit mit dem Altenberger Piloten Nico Walther, Friedrichs Kumpel und inzwischen auch einer seiner größten Rivalen, sind Schlitten entstanden, die an alte FES-Traditionen anzuknüpfen scheinen. Zumindest gewann der ausgewiesene Vierer-Spezialist Walther auf Anhieb den Weltcup-Auftakt im Zweier. Wallner dagegen, so sagt es Bundestrainer René Spies, ist beim Bau seines neuen Zweiers „über das Ziel hinausgeschossen“. Statt Sicherheit für Olympia zu kriegen, belegte die Gold-Hoffnung Friedrich bei den drei Übersee-Weltcups die Plätze 9, 9 und 13.

Trotzdem kommt dessen Rückkehr zur FES zu diesem Zeitpunkt zumindest für Außenstehende überraschend. Immerhin hatte Wallner binnen einer Woche das Vorjahresmodell nachgebaut, mit dem Friedrich dann wieder gewohnte Platzierungen erreichte: Rang zwei in Winterberg und kurz vor Weihnachten der Sieg in Innsbruck mit satten 0,28 Sekunden Vorsprung. Nur hätte der wohl noch deutlicher sein können. Den Schluss lassen nach SZ-Informationen zumindest die internen Auswertungen und Vergleiche mit der Konkurrenz zu.

Gerd Leopold, Assistent von Spies und gleichzeitig Friedrichs Heimtrainer, relativiert. „Die Tage von Altenberg wollen wir ganz gezielt zum Testen nutzen und alle Möglichkeiten ausreizen. Es geht darum, vielleicht die Hundertstelsekunden rauszuholen, die am Ende bei Olympia entscheiden“, erklärt Leopold, und er betont, dass dies in der vor der Saison mit der FES abgeschlossenen Leistungsvereinbarung genau so festgeschrieben worden ist. „Aus den Erfahrungen von 2014 wollten wir auf alles vorbereitet sein“, meint der Riesaer. Von einer Sotschi-Situation, als die Piloten kurz vor den Spielen gar nicht mehr wussten, was materialtechnisch läuft, sei man weit entfernt. „Im Gegenteil, die Lage ist sogar komfortabel. Mit dem Wallner-Schlitten gewinnen wir ja trotzdem“, sagt Leopold.

Die Testfahrten von Friedrich beschränken sich jedoch auf den Zweier, mit dem der Pirnaer nun vermutlich auch beim Weltcup in Altenberg in einer Woche starten wird. Im Vierer bleibt alles wie im Sommer festgelegt: Walther fährt FES, Friedrich und Johannes Lochner indes Wallner. Und Bundestrainer Spies formuliert diplomatisch korrekt: „Wir sind gut beraten, an beiden Systemen konstant weiterzuarbeiten, da die ersten Rennen recht eindrucksvoll zeigten, dass einige Nationen deutlich aufholen konnten und das internationale Wettrüsten begonnen hat.“

Wohlwollend, aber kommentarlos nehmen derweil die FES-Ingenieure die Ereignisse der letzten Tage zur Kenntnis. Letztlich spricht es auch für sich, wenn Friedrich einen Schlitten-Tausch in Erwägung zieht. Sechs Wochen vor Olympia nimmt die Materialdebatte also noch einmal Fahrt auf. Ausgang – Stand jetzt – völlig offen.

Desktopversion des Artikels

Leser-Kommentare

Insgesamt 1 Kommentar

Alle Kommentare anzeigen

  1. Tropoja

    Ich dachte es geht um Sport. Wenn ich lese "internationales Wettrüsten" scheinen andere Interessen im Vordergrund zu stehen bei Olympia. Mal schauen was der kleine dicke Mann für eine "Rakete" an den Start bringt. Immerhin soll das IOC laut Süddeutsche Zeitung über Wildcards für nordkoreanische Athleten nachdenken. Und stellt euch vor Kim Jong kommt als Zuschauer vorbei...

Alle Kommentare anzeigen

Ihr Kommentar zum Artikel

Bitte füllen Sie alle Felder aus.

Verbleibende Zeichen: 1000
Text Bitte geben Sie die abgebildete Zeichenfolge ein