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Samstag, 12.05.2018

Den Sternen ein Stück näher

Von Peter Redlich

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© Paul COMPERE

Dreitausender,so weit das Auge reicht: Von der Plattform am Observatorium (kleines Foto) auf dem Pic du Midi schauen Besucher bis weit nach Spanien.Fotos: Tourisme Midi-Pyrenees (2)
Dreitausender, so weit das Auge reicht: Von der Plattform am Observatorium (kleines Foto) auf dem Pic du Midi schauen Besucher bis weit nach Spanien. Fotos: Tourisme Midi-Pyrenees (2)

Gerard ist Bergführer in den südlichen Pyrenäen. Dort, wo Frankreich und Spanien ineinander übergehen. Wo die baskischen Bergbauern seit 600 Jahren ihre Kühe und Schafe weiden lassen, wo noch zwischen kargen Felsen Gras wächst. Grenzen sind hier nicht maßgebend.

Wenn Gerard in der Gegend zwischen dem Tal von Gavarnie und dem Tourmalet-Pass mit Wanderern auf Tour geht, wird ihm immer wieder eine Frage gestellt: Was ist das da oben, wo die Vögel mit den riesigen Schwingen kreisen? Gerard kommt dann immer aufs Neue ins Schwärmen. Vom 360-Grad-Blick auf unzählige 3000er Gipfel berichtet er dann. Von Sternensichten, so galaktisch schön wie sonst nirgendwo in Europa. Und von Sonnenuntergängen über dem Wolkenteppich – da sei jeder am Meer nur halb so fantastisch.

Der 43-Jährige schwärmt vom Pic du Midi de Bigorres, wo sich ein Observatorium befindet. Seine Kuppel glänzt im Licht der untergehenden Sonne. Romantische Gedanken hatten die Gründer des Observatoriums Pic du Midi vor 140 Jahren allerdings nicht im Sinn. General Charles de Nansouty und der Ingenieur Célestin-Xavier Vaussenat wollten hier das Wetter beobachten und Spanien im Blick haben. Sie mussten sich Träger aus den umliegenden Bergdörfern der Pyrenäen mit einem Tagesgeld anheuern, die ihnen nicht nur die Ausrüstung für die Wetterstation, sondern auch ganz alltägliche Dinge wie Brennholz und Proviant in die Höhe schleppten.

Gerard zeigt auf historische Fotos: Menschen in der Schneewüste, schwer beladen, mühselig Schritt für Schritt in die Höhe steigend. Szenen aus den Jahren 1878 bis 1882, als der General und der Ingenieur begannen, die Station auf der Spitze des Südens (Pic du Midi) in 2 877 Metern Höhe zu errichten. Es war ein hartes Leben. Eisige Winde und unendliche Schneeverwehungen, aber eben auch grandiose Sonnenauf- und -untergänge und mitunter ein Blick weit über die Pyrenäen nach Süden bis nach Barcelona ans Mittelmeer.

Keine Frage, diesen Blick wollen auch die meisten Wanderer und Tourengeher genießen, die mit Gerard unterwegs sind. Und vielleicht gelingt ihnen ja auch ein Foto vom Kondor. Der seltene riesige Vogel soll hier vor einigen Jahren heimisch geworden sein.

Heute muss sich keiner mehr mit Eispickel und Schleppseil nach oben quälen. Es gibt eine Seilbahn, die Besucher in nur 15 Minuten die eintausend Höhenmeter von La Mongie, einem Ferienort im Skigebiet am Tourmalet-Pass, auf den Berg bringt. Von Ende Mai bis Mitte September gehört der benachbarte Tourmalet-Pass den Radfahrern aus vielen Ländern. Den Abstecher zu der berühmten Aussichtsplattform lässt sich kaum einer entgehen. Im Winter ist für Skifahrer ein Besuch des Pic du Midi der Höhepunkt ihres Urlaubs.

Während der Auffahrt wird es in der 30-Personenkabine ganz still, so beeindruckend zieht die Bahn am steilen Fels nach oben. Angekommen auf dem Plateau, erschlägt einen beinahe der Blick. Ein Meer von Bergspitzen, manche noch mit vereisten Gletschern, die allerdings immer kleiner werden – der Klimawandel hinterlässt auch hier seine Spuren.

In den Sälen und Räumen des Observatoriums empfangen den Besucher tagsüber eine Sternenshow unter der Kuppel und eine Ausstellung zur Entstehung des Observatoriums. Bis zu 110 000 Gäste hat das höchstgelegene Museum Europas inzwischen im Jahr. Ein kleiner Teil von ihnen begnügt sich nicht damit und bucht eine der sogenannten „Soirées Etoilées“ – Abendveranstaltungen zum Thema Astronomie mitsamt Sonnenuntergang, Abendessen und Sternenbeobachtung, gewürzt mit Geschichten auch von Wissenschaftlern, die in der Station ihren Dienst tun.

Und selbst Übernachten ist für eine kleine Personenzahl von etwa 20 Gästen möglich. Wer das in all seiner Pracht genießen will, der wird bis weit nach Mitternacht aus dem Fenster, direkt neben dem Bett, in die Galaxien schauen und sich bei Sternschnuppen etwas wünschen. Und dann frühmorgens mit dem ersten Sonnenstrahl wieder wach sein und die Berge begrüßen.

Die Wissenschaftler beobachten von hier oben übrigens mit Frankreichs größtem Spiegelteleskop das Wetter und die Sterne – und zwar rund um die Uhr. Der französische Staat unterstützt die Station jährlich mit einem Zuschuss von bis zu einer Million Euro.

Bergführer Gerard muss sich sein Geld selbst verdienen. Wer mit ihm zum Pic du Midi will und richtig gut drauf ist, dem bietet er eine besondere Tour an – den Aufstieg zu Fuß. Allerdings nur im Sommer bei gutem Wetter, weil es sonst zu gefährlich ist. Ähnlich wie die Pioniere vor 140 Jahren schreitet der Bergführer dann mit einer Gruppe die 13 Kilometer hinauf zum Gipfel. Etwa drei Stunden, mit kleinen Pausen, sollte man dafür einplanen. Start ist in La Mongie an der Talstation, von wo das Observatorium auf dem Berg noch so fern oder auch gar nicht zu sehen ist, wenn es ganz über den Wolken thront.

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