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Mittwoch, 08.02.2017

Déjà-vu an der Frauenkirche

Auf dem Neumarkt schreien Kritiker die Eröffnung des Mahnmals aus alten Bussen nieder. An Gesprächen über das Kunstwerk sind sie nicht interessiert.

Von Tobias Wolf und Christoph Springer

Das Geschehen am 7. Februar auf dem Neumarkt

Hau ab: Bürger protestieren während der Übergabe der Skulptur am Dienstag vor der Dresdner Frauenkirche.
Hau ab: Bürger protestieren während der Übergabe der Skulptur am Dienstag vor der Dresdner Frauenkirche.

© Robert Michael

Wie sich die Bilder gleichen: Über hundert aufgebrachte Menschen auf der einen Seite. Sie lärmen mit Trillerpfeifen, rufen wütende Sprechchöre, pöbeln und beleidigen. Auf der anderen Seite Menschen, um Fassung bemüht, die nicht pfeifen, pöbeln und beleidigen. Der Dresdner Neumarkt am 3. Oktober ist auch der Neumarkt am 7. Februar. Nur dass es am Dienstag nicht um Politik, die deutsche Einheit oder Flüchtlinge geht. Diesmal ist ein Kunstwerk das Ziel des Hasses. Drei hochkant aufgestellte alte Busse vor der Frauenkirche – als Mahnmal für den Frieden. Im syrischen Aleppo war das Vorbild für das Kunstwerk Realität, sollte Zivilisten vor Angriffen schützen, vor dem Hass und dem Terror von Regierung, Islamischem Staat und Milizen. In Dresden braucht es keinen Krieg für den Hass. Er ist einfach da. Bei wenigen, aber lauten Bürgern, die das Bild der Stadt nach außen prägen.

Das Geschehen am 7. Februar auf dem Neumarkt

Lange bevor das Kunstwerk des Deutsch-Syrers Manaf Halbouni an die Öffentlichkeit übergeben wird, sind sie da, sammeln sich rund um die Frauenkirche. Wie auf Kommando tauchen diese Menschen plötzlich vor dem Kunstwerk auf. Frauen, Männer, viele ältere, die ihre selbstgemalten Pappschilder in die Höhe halten. „Denkmal der Schande“ steht da drauf, oder „Manaf, dein Platz für Frieden ist: SYRIEN“. Die Stimmung ist aufgeheizt.

Die Mahnmalkritiker treffen auf andere Besucher. Sachsens SPD-Wirtschaftsminister Martin Dulig ist schon vor den Eröffnungsreden gekommen. Er wird sofort von mehr als einem halben Dutzend Menschen umringt. Sie reden auf ihn ein, manche brüllen ihn an. Ihre Namen nennen sie nicht. „Das Ding erhöht den Hass in mir auf den Staat“, sagt einer. Kein Dresdner sei gefragt worden, bevor das Mahnmal aufgebaut wurde. „Versuchen Sie das mal auf der Domplatte in Köln, das klappt da nie“, ruft ein anderer. „Ich habe gedacht, das ist für die Opfer von Busunfällen“, regt sich eine Seniorin auf. „Das ist keine Kunst, wir wollen das nicht haben“, pflichtet ihr eine andere bei. Dulig versucht zu reden: „Es geht nicht darum, ob das gut oder schlecht ist, ob das Kunst ist oder nicht. Es geht um die Frage, warum das hier steht.“ Eine Frage, die offenkundig nicht alle interessiert.

„Sind Sie überhaupt Dresdner“, fragt ein Rentner sein Gegenüber, als ob man nur dann eine Meinung haben dürfte, wenn der Ahnenpass stimmt. Er ist nicht der Einzige, der so denkt. Andere brüllen fortwährend ihre Wut heraus. Warum ist das Denkmal ein Problem? „Es ist einfach Scheiße, das musst du doch ohne Begründung verstehen“, knurrt eine Dame um die 60. Eine Mittvierzigerin aus der aggressiv auftretenden Frauengruppe sagt, das Mahnmal sei ein Symbol der Spaltung der Stadt, etwas, das ihr vorgeschrieben werde. „Kunst liegt im Auge des Betrachters, im Großen Garten können die das gerne aufstellen, aber hier will ich das nicht sehen.“ Ein Pegida-Anhänger schreit seinen Nebenmann an: „Wir wollen unsere Meinung sagen.“ Der Mann reagiert gelassen: „Eure Meinung könnt ihr doch jeden Montagabend sagen.“ Ein Mittvierziger im Publikum wird ein paar Meter weiter von einer Gruppe Pegida-Leute bedrängt. „Was willst du hier, verpiss dich.“ Er will reden, aber die Szene endet im Gerangel. Resigniert sucht der Mann das Weite, weil Angriffe und Beleidigungen nicht enden wollen.

Es geht friedlicher. Günter Müller will auch kritisieren. Der 82-Jährige mit der grünen Outdoorjacke mustert seinen Gesprächspartner freundlich durch die Brille. „Ich finde so eine Kunst-Installation gut, die mit Bezug auf Aleppo an gegenwärtige Kriege erinnert“, sagt Müller. „Aber nicht hier an diesem Ort zu diesem Zeitpunkt.“ Der Neumarkt solle der Erinnerung an die Zerstörung Dresdens vorbehalten sein. Roland Schwarz schüttelt den Kopf. „Mir gefällt das Kunstwerk“, sagt der 56-Jährige. „Es ist ein schönes Erlebnis, diese Busse so zu sehen, ein tolles Zeichen.“ Für Frieden und gegen Krieg. Gerade hier.

Müller erzählt Schwarz noch, dass er als Kind selbst noch in Luftschutzkellern saß. Bis die Unterhaltung von Sprechchören übertönt wird. Dass andere in diesem Moment „Volksverräter“ rufen, behagt Müller nicht. „Das würde ich nie tun“, sagt der Senior. „Wir sollten sachlich diskutieren und nicht wie diese Krakeeler herumschreien.“

Mittendrin lässt sich Frank Richter beim Leiden beobachten. Beim Leiden an seiner Stadt, wie der Ex-Chef der Landeszentrale für politische Bildung mal gesagt hat. „Es ist beschämend und traurig, wir haben die Freiheit der Kunst, und ich finde dieses Mahnmal sehr, sehr wichtig“, sagt er. „Hier geht es nicht um ein Mahnmal oder Stadtpolitik, sondern den Ausbruch von Hass, der unerträglich ist.“ Christiane Mennicke-Schwarz vom Kunsthaus Dresden will den Sinn des Werks erklären. „Das zerstörte Dresden findet sich heute in den Bildern der menschenleeren und ausgebombten Straßen von Aleppo wieder.“ Zwei alte Kulturstädte, die mit Zerstörung und Wiederaufbau umzugehen haben.

Inzwischen versucht Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) sein Grußwort an die Zuhörer zu bringen. Es geht fast unter im Getöse. Immer wieder schallt es „Volksverräter“, „Abschieben“ oder „Hau ab“ über den Platz. Hilbert kennt die Gesichter der meisten, die hier gegen ihn anbrüllen. „Was würde es bedeuten, wenn eine solche Barrikade aus alten Bussen in Dresden aufgestellt werden müsste, so wie es die Bevölkerung in Aleppo zum eigenen Schutz tat?“ Das Monument schaffe die Brücke zur eigenen Geschichte, mahnt er. „Es erinnert uns daran, dass auch in dieser Stadt Menschen verfolgt, erniedrigt und getötet wurden“, sagt Hilbert. Rechtspopulisten bauten auf das Vergessen. Die Mehrzahl der Besucher klatscht, aber das wird vom Geschrei der Kritiker übertönt. Eva-Maria Bergmann wollte sich das Kunstwerk angucken und ist empört über so viel Hass und Ablehnung. „Ich schäme mich das erste Mal fremd für meine Stadt“, sagt sie. „Ich würde ja mit denen mal sprechen, aber die hören gar nicht zu und schreien die ganze Zeit nur rum.“ Dass Hilbert trotzdem weiterspricht, findet sie mutig. Der Oberbürgermeister, der lange als zu ruhig im Umgang mit Wutbürgern galt, lässt den Hass an sich abprallen. Schon Tage davor tobte eine Hasswelle mit Morddrohungen gegen den 45-Jährigen durch das Internet. „Das werde ich nicht dulden, und das wird auch unser Staat nicht dulden“, sagt er später.

Auch Frauenkirchenpfarrer Sebastian Feydt wird niedergeschrien, als er über das Denkmal sagt: „Das ist ein notwendiger Schock.“ Manaf Halbouni, der Erschaffer des Mahnmals, thematisiert das, als er ans Mikrofon tritt. „Ihr wollt das christliche Abendland retten? Schämt euch, ihr habt nicht einmal dem Pfarrer erlaubt zu sprechen“, ruft er und fordert zum echten Dialog über sein Kunstwerk auf.

Als sich der Lärm legt, bleiben zwei ältere Männer bei einer jungen Frau stehen. „Ihnen wünsche ich auch, von einem Asylanten vergewaltigt zu werden“, sagt der eine. Der zweite schickt ihn weg, aber die Diskussion bleibt zäh. Geht es überhaupt um Meinungsaustausch, um Verständnis für andere Positionen und Geschmäcker? Sicher ist eins, eine Kontroverse hat das Kunstwerk ausgelöst. So oder so.

Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) versucht, auf dem Neumarkt mit einer besorgten Bürgerin ins Gespräch zu kommen

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