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Samstag, 12.08.2017 15 Jahre nach der Flut

Das Wasser bleibt draußen

In Stadt Wehlen baut eine Familie ihr neues Zuhause. Sie hat aus den vergangenen Hochwassern gelernt.

Von Nancy Riegel

Organische Formen und Transparenz bestimmen das Äußere des Einfamilienhauses in Stadt Wehlen. Bauherr Bodo Böhme kann mit seiner Familie im September dieses Jahres einziehen.
Organische Formen und Transparenz bestimmen das Äußere des Einfamilienhauses in Stadt Wehlen. Bauherr Bodo Böhme kann mit seiner Familie im September dieses Jahres einziehen.

© Karl-Ludwig Oberthür

Stadt Wehlen. Ein wenig Futurismus hat in Stadt Wehlen Einzug gehalten. Zwischen jahrhundertealten Häusern, umringt von Bäumen, die schon seit Generationen dort stehen, blickt man auf ein rundes Gebäude. Eine Konstruktion aus Stahlbeton, drei Etagen, viel Glas und großzügige Balkone. Familie Böhme kann bald dieses neue Einfamilienhaus an der Elbe nach anderthalb Jahren Bauzeit beziehen. Das ist nicht nur modern, sondern vor allem eines: hochwassersicher.

Um ein Gebäude vor solchen Wassermassen zu schützen, die bei den Fluten 2002 und 2013 die Stadt überrollten, musste ein Neubau her. Das alte Fachwerkhaus der Familie, früher bewohnt von der Großmutter, wurde abgerissen. „Beim letzten Hochwasser 2013 wurde leider viel Öl ins Gebäude gespült. Fachwerk, Sandstein, alles war damit vollgesaugt. Es stank erbärmlich“, erinnert sich Bauherr Bodo Böhme. Das komplette untere bewohnte Geschoss stand unter Wasser. Das Grundstück mit Blick auf die Elbe in der Pirnaer Straße aufzugeben, kam aber nicht infrage.

Und so wandte sich die Familie, die ihren Wohnsitz derzeit noch in der Landeshauptstadt hat, an den Architekten Falko Sucharski in Dresden. Er und sein Kollege Norbert König haben schon das Hotel Elbiente im Kurort Rathen entworfen. In dessen Keller liegt eine „weiße Wanne“, die das Bauwerk bei Hochwasser undurchlässig macht. Bei Böhmes hat das Architektenbüro auf das Prinzip „Platz“ gesetzt.

Wohnraum ausschließlich in den oberen Etagen

Problematisch bei Häusern in Überschwemmungsgebieten seien ein bewohntes Erdgeschoss oder ein Keller, erläutert Falko Sucharski. „Nicht nur, dass dort Möbel, Technik und Wertgegenstände geflutet werden. Das Hochwasser hat keinen Platz zum Abfließen. Die Gefahr ist dann groß, dass das ganze Haus durch den Auftrieb beschädigt wird.“ Bei dem Neubau in Stadt Wehlen habe man deshalb den Wohnbereich in das erste und zweite Obergeschoss verlegt. Unten befinden sich lediglich eine Stellfläche für ein Auto, eine Gartenküche und die Wärmepumpe, die im Notfall innerhalb weniger Stunden deinstalliert werden kann. Im Untergeschoss gibt es somit keine geschlossenen Räume, das Wasser kann sich dort ausbreiten und staut nicht in die Höhe.

Eine weitere Maßnahme zur Flutsicherheit ist ein verstärktes Fundament des Gebäudes. Zudem soll das Haus mit Erdwärme beheizt werden, ein erneuter Ölschaden so ausgeschlossen sein.

Moderne Materialien im Haus verbaut

Aus Sandstein besteht bei Böhmes künftig nur noch die Mauer im Garten. Lediglich jeder zehnte Stein des alten Hauses der Großmutter war nicht durch Öl verschmutzt und kann jetzt im Garten wieder Verwendung finden. Das neue Wohnhaus mit rund 150 Quadratmetern Fläche wurde in Skelettbauweise mit Stahlbeton errichtet. Im Erdgeschoss befinden sich kaum Mauerwerks- oder Trockenbauwände, welche sich mit Wasser oder Öl vollsaugen könnten. „Nach einem Hochwasser können die Betonwände schnell gereinigt werden“, erklärt Bauleiter Norbert König und streicht über die glatte Oberfläche. Die Wände sollen außerdem Treibgut standhalten, das gegen sie prallen könnte.

Für Flutschutz zahlt man deutlich drauf

Wer wie die Böhmes flutsicher wohnen möchte, muss mit Mehrkosten rechnen. „Der zusätzliche finanzielle Aufwand liegt hier bei rund 60 000 Euro, verglichen mit einem herkömmlichen Einfamilienhaus in der Region“, erläutert der Architekt. Die Versicherung der Familie hat den Großteil der Summe für den Wiederaufbau übernommen, auch die Sächsische Aufbaubank (SAB) gab Geld dazu. Draufzahlen mussten die Bauherren trotzdem. Komplett gefördert von der SAB wäre nur ein Ersatzneubau worden, „der in gleicher Art und Güte zum Schadensobjekt kalkuliert wird“, erläutert Beate Bartsch, Sprecherin der SAB. Die Bank hat seit dem Hochwasser 2013 drei Ersatzneubauten von Einfamilienhäusern im hiesigen Landkreis gefördert.

Da Böhmes aber mehr Komfort und technische Extras haben wollten, waren Eigenmittel nötig. Für die Familie lohnt sich der Aufwand. Die Böhmes fühlen sich mit der Region verwurzelt, auch nach mehreren Hochwassern. Vor der nächsten Flut sind sie jedenfalls sicher.