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Mittwoch, 11.10.2017

Das Personal wird knapp

Noch nie seit der Wende ging es den Betrieben so gut wie jetzt. Aber: Der Fachkräftebedarf wird zum größten Risiko.

Von Franz Werfel

Großer Arbeitgeber in der Region: Das Freitaler Edelstahlwerk hat derzeit rund 750 Angestellte. „Wir sind immer auf der Suche nach Mitarbeitern, denn wir wollen uns schon heute für morgen gut aufstellen“, sagt Thomas Hoinka, der Personalchef des Werkes.
Großer Arbeitgeber in der Region: Das Freitaler Edelstahlwerk hat derzeit rund 750 Angestellte. „Wir sind immer auf der Suche nach Mitarbeitern, denn wir wollen uns schon heute für morgen gut aufstellen“, sagt Thomas Hoinka, der Personalchef des Werkes.

© Karl-Ludwig Oberthür

Sächsische Schweiz-Osterzgebirge. Große Zufriedenheit mit der aktuellen Geschäftslage, stabiles Wachstum und die Sorge vor Fachkräftemangel – so beschreiben viele Unternehmer aus dem Landkreis ihre derzeitige Situation. Das ist das Ergebnis der aktuellen Konjunkturumfrage der Dresdner Industrie- und Handelskammer (IHK). Die Kammer befragt alle sechs Monate ihre Mitgliedsbetriebe nach der Geschäftslage. Der Geschäftsklimaindex zeigt, wo sich die Betriebe verorten. Im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge haben sich 72 Firmen an der Herbstumfrage beteiligt. Sie fand im August und September statt und war noch vor der Bundestagswahl abgeschlossen. Die SZ stellt die wichtigsten Ergebnisse vor.

Allzeithoch: Sehr gute Geschäftslage in allen Branchen

„Die Ergebnisse in diesem Jahr machen noch mehr Spaß als im vergangenen Herbst“, sagt Detlef Hamann. Der IHK-Hauptgeschäftsführer konstatiert, dass der derzeitige Aufschwung sich seit sieben Jahren entwickelt – die gute Konjunktur halte bereits jetzt außergewöhnlich lange an. So sagten im Schnitt zwei von drei Betrieben im gesamten Kammerbezirk, dass ihre Geschäftslage gut sei. Das ist der höchste Wert seit der Wende. Ein Beispiel: Allein das verarbeitende Gewerbe im Landkreis hat von Januar bis Juli dieses Jahres 1,7 Milliarden Euro umgesetzt – 120 Millionen oder ein Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. In der Region sind die Firmen traditionell etwas skeptischer – fast jede zweite spricht von guter beziehungsweise befriedigender Geschäftslage. Nur fünf Prozent der Firmen sagen, die Geschäfte liefen aktuell schlecht.

Spitzenreiter Baugewerbe: Keinem geht es schlecht

In allen ostsächsischen Regionen erreicht das Baugewerbe derzeit Spitzenwerte. „Die Branche ist voll bis oben hin“, so Hamann. Kein Betrieb gab an, es gehe ihm schlecht, ganze 80 Prozent sagten, die Geschäfte liefen gut oder gar besser als zuvor. Die Kehrseite für öffentliche oder private Bauherren: Das Bauen wird teurer. Naturgemäß sind die Erwartungen für das Winterhalbjahr in der Baubranche und im Tourismus etwas gedämpft. Dennoch erwarten 20 Prozent der Betriebe aller Branchen, dass sich ihre Geschäfte demnächst noch einmal verbessern werden.

Das größte Problem: Fachkräftemangel

Gefragt nach den größten Risiken, mit denen die Firmenchefs rechnen, antworten 60 Prozent von ihnen: Fachkräftemangel. Das Thema dominiert erstmals eine IHK-Umfrage. „Viele Unternehmen würden gern mehr Personal einstellen“, sagt Detlef Hamann. Weil die Auftragslage gut sei, würden immer mehr Arbeitnehmer gesucht. Als Grund geben zwei von drei Betrieben den demografischen Wandel an. Sie suchen Ersatz in ihren Firmen, weil ältere Arbeitnehmer aus dem Betrieb ausscheiden. 45 Prozent der befragten Firmenchefs verlieren ihre Angestellten an andere Firmen. „Der Markt ist umkämpft“, sagt Hamann. Jeder vierte Betrieb meldet, es sei schwieriger geworden, gut ausgebildete Leute zu finden, die die benötigten Qualifikationen mitbringen. Und jeder fünfte Chef würde gern mehr Leute einstellen, weil seine Firma wachsen soll.

Die Folgen des Personalmangels sind den Chefs klar: Die Mitarbeiter würden stärker belastet, die Kosten für die Angestellten steigen weiter, nicht jeder Auftrag könne angenommen werden und Gastronomen schränkten die Öffnungszeiten ein.

Der Arbeitsmarkt dreht sich: Wie die Betriebe darauf reagieren

„In den vergangenen 27 Jahren hatten wir in Ostdeutschland keinen Marktmechanismus im Sinne von Angebot und Nachfrage“, sagt Detlef Hamann. Immer habe es mehr arbeitssuchende Menschen als freie Jobs gegeben. Das war lange ein Standortvorteil für Sachsen – und ändere sich nun. „Der Bedarf an Arbeitskräften stärkt die Position der Arbeitnehmer.“ Die Jüngeren seien schnell bereit, den Job zu wechseln.

Die Betriebe hätten das erkannt und reagieren. Es gebe jetzt, so Hamann, mehr unbefristete Vollzeitjobs als früher, es werde verstärkt um Einheimische geworben, die für ihren Job aus der Region wegpendeln – und die Firmen bildeten so viele Azubis aus, wie noch nie. „Langfristig“, ist Detlef Hamann überzeugt, „wird sich die Region vom Niedriglohnsektor verabschieden.“