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Dienstag, 14.11.2017

Das Model aus der Trabi-Werbung

Helga Vogel hat sich auf einem Foto in der SZ wiedererkannt. Mit 22 Jahren war sie ein gefragtes Mannequin.

Von Kay Haufe

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Hat sich ihre jugendliche Ausstrahlung bis heute bewahrt: Helga Vogel lebt nach wie vor in Gruna, früher in der Gartenheimsiedlung, heute direkt daneben.
Hat sich ihre jugendliche Ausstrahlung bis heute bewahrt: Helga Vogel lebt nach wie vor in Gruna, früher in der Gartenheimsiedlung, heute direkt daneben.

© Sven Ellger

Das war eine Prozedur! Fast eine Stunde lang musste Helga Vogel für das Foto mit einem der ersten Trabis der Republik in die Kamera lächeln. „Meine Kiefer waren völlig verkrampft, und ich saß auch nicht sonderlich bequem auf der Motorhaube“, erinnert sich die heute 82-Jährige an das Shooting vor 60 Jahren. Als das Bild, das damals für das Magazin DDR-Revue entstand, am 6. November noch einmal auf der Titelseite der Sächsischen Zeitung erscheint, sieht sie die Szene wieder genau vor sich.

Und freut sich so, die Aufnahme wiederzufinden, dass sie sich bei der SZ meldet. In der Redaktion wusste niemand, dass es eine Dresdnerin war, die mit dem Trabi posierte, ist doch als Quelle der Berliner Verlag genannt. Umso schöner, dass Helga Vogel gleich zu einem Treffen bereit war.


Ob sie damals ein professionelles Modell gewesen sei? Über diese Frage muss Helga Vogel herzlich lachen. „Nein, ich war Sekretärin beim Dresdner Verlag Zeit im Bild.“ Dort wurde die DDR-Revue herausgegeben, ein Magazin für das kapitalistische Ausland, in dem die Errungenschaften der DDR in den schillerndsten Farben dargestellt wurden. „Auf gutem Hochglanzpapier gedruckt“, sagt Helga Vogel und holt einige Titelseiten des Heftes hervor, die sie sorgsam aufgehoben hat.



Das war ihr erstes Pressefoto: Helga Vogel posiert 1957 an einem Trabant P50, ein Jahr, bevor der Trabi in Serienproduktion ging. Am 6. November zierte es bereits einmal die Titelseite der Sächsischen Zeitung. Foto: dpaPA/Berliner Verlag

Schnell hatte sich damals herumgesprochen, dass die junge Sekretärin ausgesprochen fotogen war. Und so warb sie bald nicht allein für das ostdeutsche Auto. Nein, auch die Kunstfaserindustrie der DDR musste im Ausland bekannt gemacht werden. Hier wurden Lederol, Deern oder Wolpryla hergestellt, die Farbe in die ansonsten recht eintönige DDR-Mode bringen sollten. So trägt Helga Vogel auf dem nächsten Titelbild der DDR Revue ein rot-kariertes Dederon-Kostüm, dazu Kunstleder-Sandalen. Ein Koffer aus ebendiesem Material vervollständigt den Reiselook. Auch hier kommt wieder derselbe Trabi wie vom ersten Foto zum Einsatz, in dem ein Kollege von Helga Vogel sitzt. „Eigentlich eine ganz komische Bildanordnung“, sagt die Seniorin und lacht.



Dieses Cover der DDR Revue wirbt für Kunstfasern made in GDR. Repro: Sven Ellger

Das habe ihr englischer Kollege damals schon kritisiert. Doch den Chefs hat es gefallen, und so kam das Bild zwar nicht ganz um die ganze Welt, aber mindestens nach England, Schweden, Frankreich und Spanien. „Damit die Texte gut übersetzt wurden, hatten wir Mitarbeiter aus diesen Ländern“, sagt Helga Vogel. Vor allem die zwei aparten Spanierinnen und der charmante Franzose sind ihr in Erinnerung geblieben, aber auch der baumlange Schwede. „Der hat sich immer über unsere Scheibchengardinen im Büro lustig gemacht.“



Auf dem Titel der arabischen Ausgabe des Zeit-im-Bild-Magazins. Repro: Sven Ellger


Helga Vogel arbeitete für die arabischsprachige Ausgabe des Magazins, dessen Cover sie ebenfalls zierte. Diesmal mit Garnspindeln in der Hand und einem Kopftuch bekleidet. Die moderne Frau in der DDR arbeitete selbstverständlich, unter anderem auch in der Textilindustrie. „Das war damals eine wunderbare Zeit für mich. Alle Kollegen waren freundlich und gut gelaunt. Und natürlich hat es mir Spaß gemacht, für die Fotos zu posieren“, sagt sie.

Doch 1960 ist Schluss mit der Arbeit im Verlag und damit auch die Modelkarriere. Ihr ältester Sohn kommt zur Welt, Krippenplätze sind rar. Also bleibt die junge Frau zu Hause. Zumal ihr Mann, der damals gerade wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Verkehrshochschule wurde, dienstlich außerordentlich eingespannt war. „Später wurde er Professor, und selbst sonnabends zog er sich in sein Arbeitszimmer zurück“, sagt Helga Vogel. Vorlesungen waren vorzubereiten, wissenschaftliche Arbeiten zu schreiben und zu korrigieren. „Der Handwerker im Haus war ich“, sagt sie Iachend.

Ein Trabi begleitete später auch die Familie, zu der noch eine Tochter und ein weiterer Sohn dazukamen. „Aber kein P 50, wie auf dem Foto, sondern ein 601 in hellgrün“, erinnert sich Helga Vogel. Er habe stets gute Dienste geleistet, kleine Reparaturen konnte sie selbst übernehmen. „Das war alles so unkompliziert.“ Nach der Wende hat sich Helga Vogel von ihrem Mann chauffieren lassen. Nicht mehr im Trabi, im Opel.

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Leser-Kommentare

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  1. Stefan Spreer

    1960 haben meine Eltern mit meiner Schwester und mir ihre neue Wohnung in der Gartenheimsiedlung bezogen. Die Vogels waren über 10 Jahre unsere Nachbarfamilie. Unsere bildhübsche Nachbarin habe ich bis heute noch lebhaft, als sehr freundlich und immer gut gelaunt in Erinnerung. WDer Artikel lässt Erinnerungen lebendig werden. Als 6 jähriger Junge hat es mich sehr geprägt. So eine Frau werde ich mir auch mal suchen. Zu den Jugendweihen hat Frau Vogel mit ihrem Trabbi erst meine Schwester und drei Jahre später auch mich chauffiert. Die Vogels waren sehr angenehme Nachbarn, schön dass ich sie erleben durfte.

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