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Samstag, 05.05.2018

Das Land der 3 000 Seen

Von Birgit Hilbig

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Wanderpause am Spirdingsee: Der größte See von Masuren und ganz Polen ist auch ein Ort zum Innehalten und Träumen.Foto: Wikinger Reisen
Wanderpause am Spirdingsee: Der größte See von Masuren und ganz Polen ist auch ein Ort zum Innehalten und Träumen.Foto: Wikinger Reisen

© Wikinger Reisen

Jagdhaus in Galkowo: Im Obergeschoss wurde ein Salon zur Erinnerung an Marion Gräfin Dönhoff eingerichtet.Fotos: Birgit Hilbig (5)
Jagdhaus in Galkowo: Im Obergeschoss wurde ein Salon zur Erinnerung an Marion Gräfin Dönhoff eingerichtet.Fotos: Birgit Hilbig (5)
Tierische Begegnung: In einem Reservat der Polnischen Akademie der Wissenschaften begutachten halbwilde Pferde Rad und Radler.
Tierische Begegnung: In einem Reservat der Polnischen Akademie der Wissenschaften begutachten halbwilde Pferde Rad und Radler.
Paddeln auf der Krutynia: Unserer Autorin macht es Spaß.
Paddeln auf der Krutynia: Unserer Autorin macht es Spaß.

Das Land seiner Großeltern kannte Jens Lange nur aus Geschichten und alten Bildbänden – sein Vater war noch ein Kind, als die Familie die damals ostpreußischen Masuren verlassen musste. Er sei ganz unvoreingenommen, versichert der Mann, der nun zum ersten Mal in den polnischen Nordosten reist. „Hoffnungen auf Rückkehr haben bei uns nie eine Rolle gespielt. Meine Großeltern hatten ihr Schicksal akzeptiert.“

Jens Lange ist kein Einzelbeispiel. Noch immer, so Reiseleiter Tomasz Dominiak, kommen viele deutsche Touristen wegen ihrer Familiengeschichte nach Masuren – und wegen der einzigartigen Landschaft, von der sie so viel gehört haben. Die wollen sie nach Möglichkeit nicht nur vom Bus aus erleben: Aktivurlaub steht auch bei den Älteren hoch im Kurs.

Im Land der 3 000  Seen – so die Eigenwerbung – ist der Wassersport selbstredend Aktivität Nummer eins. Das Paddeln ist dabei eine sehr unkomplizierte Art für eine Erkundungstour. „Dafür muss man kein eigenes Boot mitbringen“, sagt Tomasz Dominiak. „Es gibt genügend Verleiher, die gute Kanus im Angebot haben.“ Anders als in unseren Breiten arbeiten die meisten jedoch nicht mit festen Stationen. „Man ruft an und lässt sich das Boot an den Ausgangspunkt seiner Tour liefern. Am Ende wird es wieder abgeholt.“

Je nach Kondition und Geschmack kann man wenige Stunden oder mehrere Tage paddeln, auf komfortablen Campingplätzen oder kleinen privaten Zeltwiesen übernachten. Und auch die Paddelreviere lassen kaum einen Wunsch offen. Auf dem bekanntesten Fluss, der Krutynia, herrscht stellenweise fast so viel Betrieb wie im Spreewald; zum nächsten Rastplatz mit Gastronomie ist man nie lange unterwegs. Auf manchen kleineren Flüsschen begegnet man hingegen selbst am Wochenende kaum einem anderen Boot. Dort kann es schon mal passieren, dass man ein Stück treideln oder sich unter umgestürzten Bäumen hindurchzwängen muss. Umso beeindruckender ist es, wenn das Flüsschen dann plötzlich in einen See mündet und das Boot aus der grünen Enge in eine glitzernde Weite hineingleitet. „Auf die ganz großen Seen sollten sich aber nur geübte Paddler wagen“, rät Tomasz. „Wenn dort Wind aufkommt, bilden sich schnell hohe Wellen.“

Da setzen wir uns doch lieber ans Ufer des Sniardwy (Spirdingsee) und träumen in den Sonnenuntergang. Mit 114 Quadratkilometern ist er nicht nur der größte See der Masuren, sondern des gesamten Landes. Doch selbst begeisterte Paddler wechseln auch gern mal die Perspektive und erkunden ihre Urlaubsregion auf dem Landweg – vorzugsweise zu Fuß oder mit dem Rad. Denn während man vom Wasser aus größtenteils Natur pur zu sehen bekommt, zeigt sich „eine Etage höher“ die Kulturlandschaft von Masuren: Zwischen grüne Hügel ducken sich Dörfer mit Wohnhäusern und Kirchen aus Backstein. Weite Felder zeugen von der bäuerlichen Prägung.

„Bis vor fünf Jahren war Radeln hier noch wenig verbreitet“, berichtet Tomasz. „Wer so unterwegs war, wurde verdächtigt, sich kein Auto leisten zu können.“ Inzwischen erlebe Masuren aber einen gewaltigen Fahrradboom. Es gebe große Verleihfirmen, bei denen man Tourenräder an einen Ort seiner Wahl bestellen kann. Auch Hotels hielten Drahtesel für ihre Gäste bereit.

Bei einem Ausflug nach Galkowo beispielsweise kann man Radel- und Geschichtserlebnis ideal verbinden: Das liebevoll wiederaufgebaute Jagdhaus aus dem 19.  Jahrhundert hat viel zu erzählen. Denn der heutige Eigentümer ließ es aus Sztynort (Steinort) hierher versetzen; einst gehörte es Heinrich Graf Lehndorff, der an der Vorbereitung des Hitler-Attentats beteiligt war.

Ein Salon im Obergeschoss erinnert an die Publizistin Marion Gräfin Dönhoff. Die gebürtige Ostpreußin, die im Winter 1945 aus ihrer Heimat fliehen musste, wurde später auch als Anwältin der deutsch-polnischen Aussöhnung bekannt.

Im Salon finden sich all ihre Werke, Literatur und Bilder zur Region sowie Bücher über das Attentat am 20. Juli 1944. Und wer mag, kann sich von Renate Marsch-Potocka in die Vergangenheit entführen lassen. Die heute 82-jährige ehemalige dpa-Korrespondentin hat Dönhoff noch persönlich gekannt und weiß unter anderem zu berichten, dass in Mikolajki eine Schule nach der Publizistin benannt wurde. „Sie kam regelmäßig zur Abiturfeier dorthin, sogar noch im Jahr vor ihrem Tod, als es ihr gesundheitlich schon sehr schlecht ging. Die preußische Selbstdisziplin lag ihr im Blut.“

Auch Jens Lange hat Galkowo und Mikolajki (Nikolaiken) besucht – und einige andere Orte aus den Berichten seiner Großeltern. Darunter auch die Wolfsschanze bei Ketrzyn (Rastenburg), das bekannteste militärische Hauptquartier Hitlers und Schauplatz des missglückten Attentats. Rund 200 000 Gäste kommen jedes Jahr an diesen Ort, obwohl es, wie Historiker kritisieren, an Konzept und wissenschaftlicher Aufarbeitung mangele. „Lernen kann man nicht allzu viel“, bestätigt Jens Lange.

Auf seinen Masuren-Streifzügen ist er anderen „Spurensuchern“ begegnet, aber auch vielen Touristen, für die die Vergangenheit kaum eine Rolle spielt. „Die meisten Urlauber in Masuren sind Polen“, sagt Tomasz Dominiak. „Die Gegend ist eine beliebte Sommerfrische der Warschauer. Besonders im Juli und August, wenn die Kinder hierzulande Ferien haben, stürmen sie das Wasserparadies.“ Wer die Ruhe liebt und die Wahl hat, sollte im Juni oder September nach Masuren fahren, rät der Reiseleiter. Länger dauere die Saison derzeit leider noch nicht. Dabei habe die Region sogar Potenziale für den Wintersport – aber die müssten erst noch entdeckt werden.

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