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Samstag, 12.08.2017 15 Jahre nach der Flut

„Das Krankenhaus war wie eine Insel“

Die Flut 2002 traf auch das Freitaler Klinikum hart. Internist Markus Schütz erzählt von den dramatischen Stunden.

Von Carina Brestrich

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Bange Stunden im Freitaler Klinikum: Die Patienten warten im Foyer auf die Abholung. Mit Rettungswagen werden sie auf andere Kliniken verteilt oder ins Berufsschulzentrum transportiert.
Bange Stunden im Freitaler Klinikum: Die Patienten warten im Foyer auf die Abholung. Mit Rettungswagen werden sie auf andere Kliniken verteilt oder ins Berufsschulzentrum transportiert.

© Archivfoto: Kerstin Ardelt

Das Wasser zerstört das gesamte Untergeschoss des Freitaler Klinikums.
Das Wasser zerstört das gesamte Untergeschoss des Freitaler Klinikums.

© Klinikum

Freital/ Dippoldiswalde. Es war ein Montag. Das weiß Dr. Markus Schütz noch genau. Ein Großteil seiner Kollegen in den Weißeritztal-Kliniken ist bereits im Feierabend. Schütz, heute Chefarzt in Dippoldiswalde, ist damals Assistenzarzt und muss mit einem Kollegen die Stellung halten. Der Dienst läuft ruhig. Das Wetter dagegen spielt verrückt. Seit Tagen regnet es, die Weißeritz droht überzulaufen. Im Klinikum gehen die ersten Meldungen ein, dass mit etwas Schlimmen zu rechnen ist: „Gegen 16.30 Uhr wurde ich zur Geschäftsführung bestellt: Das Krankenhaus muss evakuiert werden“, erzählt Markus Schütz.

Als Mediziner hat der damals 32-Jährige keine Erfahrung im Krisenmanagement. Und einen Notfallplan gibt es bis dato nicht. „Also mussten wir uns was einfallen lassen“, erzählt er. „Wir sind dann zusammen mit den Krankenschwestern durch die Zimmer gegangen und haben Zettel an die Betten gemacht: Wer kann liegend transportiert werden, wer im Sitzen, wer kann entlassen werden“, erzählt Schütz. 105 Patienten können sofort gehen, die anderen werden mit ihren Betten ins Foyer geschoben. Dann fährt ein Krankenwagen nach dem anderen vor. Zehn Patienten werden in andere Krankenhäuser verlegt, die übrigen 145 werden per Bus und Rettungswagen ins Berufsschulzentrum nach Burgk gebracht. Im Feierabend ist inzwischen kein Klinik-Mitarbeiter mehr. „Es war faszinierend, wie das alles geklappt hat“, sagt Schütz.

Gegen 21 Uhr ist die Evakuierung beendet. Schütz und seine Kollegen sind mit drei Intensiv-Patienten zurückgeblieben. Ein Transport ist für sie unmöglich. Weil auf die Stromversorgung kein Verlass mehr ist, halten Notstromaggregate die medizinischen Geräte am Laufen. Die verbliebenen Mitarbeiter versuchen zu retten, was noch zu retten geht. Sie kurbeln Ultraschallgeräte und Endoskope per Hand im Fahrstuhl vom Erdgeschoss in die oberen Etagen. Eine neue Angiographieanlage sichern sie mit Sandsäcken. Dann können sie nichts mehr tun. Gegen 1.45 Uhr bricht das Wasser im Keller ein. Stromausfall.

Schütz denkt an seine Familie. Gern würde er zu Hause anrufen. Mit seiner Frau und der gerade einjährigen Tochter wohnt der Internist in einer Erdgeschosswohnung in Dresden-Laubegast, unweit der Elbe. „Die Telefonleitungen waren tot. Und mein Handyakku hatte inzwischen auch den Geist aufgegeben“, erzählt er. Gegen 3 Uhr ist der Keller voll und das Krankenhaus wie eine Insel, auf der sie gefangen sind. Essen können sie nur, was sie in der Cafeteria noch finden konnten. An Schlaf ist nicht zu denken. „Dieses Gluckern des Wassers war unheimlich“, sagt er.

Am nächsten Tag sollen die drei Patienten in andere Kliniken gebracht werden. Markus Schütz muss eine kranke Seniorin nach Kamenz begleiten. Ein Hubschrauber der Bundeswehr soll sie ins dortige Krankenhaus transportieren. „Der Pilot kannte sich nicht aus und wollte, dass ich ihn lotse – in der Luft.“ Wieder muss Schütz improvisieren. Entlang der Autobahn 4 orientieren sie sich schließlich nach Kamenz. Dort werden sie bereits erwartet. Doch wenige Stunden nach der Ankunft verstirbt die Frau, wie Schütz später erfährt.

Noch zwei Tage ohne Schlaf und Kontakt zu seiner Familie vergehen, bis der junge Arzt dann endlich nach Hause kann. In Freital hat sich die Lage da gerade entspannt. Doch Ausruhen kann sich Markus Schütz nicht. Denn inzwischen ist der Pegel der Elbe kritisch. Schütz und seine Frau packen das Nötigste. In Bannewitz kommt die Familie unter. „Der Schaden bei uns in der Wohnung war am Ende zum Glück nicht groß.“

Ganz anders dagegen sieht es am Klinikum aus. Dort beginnen bald die Aufräumarbeiten. Einen Schaden von etwa sechs Millionen Euro hat die Weißeritz hinterlassen. Die gesamte Technik im Keller ist kaputt, das Aktenarchiv hinüber, Röntgenbilder sind einfach weggeschwommen. Hunderte Helfer packen an, um das Krankenhaus wieder zum Laufen zu bringen. Per Menschenkette werden abgesoffene Computer und Möbel nach draußen bugsiert, Schlamm und Unrat zusammengeschaufelt. Alle machen mit: Ärzte, Pflegepersonal, Techniker und andere Freiwillige. „Es war ein tolles Miteinander“, erinnert sich Schütz. So braucht es nur wenige Tage, bis die ersten 20 Patienten wieder ins Krankenhaus zurückkehren können. Anfangs noch mit Notlabor und Heizcontainer in Betrieb, kann drei Wochen später erstmals wieder operiert werden. Das erste Baby nach der Flut ist da schon auf der Welt. Es wird bereits anderthalb Wochen nach dem Hochwasser geboren.

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