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Mittwoch, 11.10.2017

Das Karussell dreht durch

In der zweiten Liga wurden bereits sechs Trainer entlassen. Dynamos Uwe Neuhaus gehört schon zu den Dauerbrennern.

Schon auf Platz drei der Trainerliste in der zweiten Liga: Uwe Neuhaus bei Dynamo.
Schon auf Platz drei der Trainerliste in der zweiten Liga: Uwe Neuhaus bei Dynamo.

© Robert Michael

Der Wahnsinn geht weiter. „Der dieses Karussell dreht, ist, glaube ich, krank“, sagt Mike Büskens: „Der sorgt dafür, dass immer mehr immer schneller runterfliegen.“ Er hat das selbst erlebt, zuletzt wurde der frühere Schalker Profi vor knapp einem Jahr als Trainer beim österreichischen Traditionsklub Rapid Wien entlassen. Er verrät nicht, ob und wenn ja wie viele Anfragen er seitdem hatte.

„Darum geht’s nicht“, erklärt er im 19:53-Fußball-Talk. „Wenn du zweimal runtergeflogen bist, fragst du dich: Brauchst du das zum Leben?“ Und Büskens tut sich schwer mit der Antwort für sich selbst, denn: „Das tut verdammt weh, das sind Schmerzen. Das mag vielleicht keiner glauben, weil wir alle vernünftig entlohnt werden, aber wir haben trotzdem eine Seele.“ Wie mag sich also einer fühlen wie Ismail Atalan?

Der 37 Jahre alte Fußballlehrer hatte im Sommer erst Angebote aus Aue und Regensburg abgelehnt und seinen Vertrag bei den Sportfreunden Lotte um zwei Jahre verlängert. Doch als das Angebot vom VfL Bochum kam, konnte er nicht widerstehen, was sicher etwas mit Geld zu tun hatte, aber tatsächlich auch an der sportlichen Perspektive lag. Immerhin zählt der VfL in der zweiten Liga zu den Favoriten für den Aufstieg. Mit der Trennung vom Niederländer Geert-Jan Veerbeck zweieinhalb Wochen vor Saisonbeginn sollten die Verstimmungen in der Mannschaft behoben sein, Atalan wurde mit reichlich Vorschusslorbeeren vorgestellt. Doch statt oben anzugreifen, hängt Bochum mit zehn Punkten auf Platz 13 unten drin.

Nach dem Training am Montagvormittag bekam der Trainer den Tritt. Seine Amtszeit dauerte nur 91 Tage. Wieder kursieren Gerüchte, dass die Spieler mit der Arbeit ihres sportlichen Vorgesetzten unzufrieden waren, was durch die Suspendierung von Kapitän Felix Bastians für zwei Wochen bestätigt zu werden scheint. Er sei seiner Vorbildrolle, gerade dem Trainerteam gegenüber, nicht gerecht geworden, heißt es zur Begründung.

Trainerwechsel in der 2. Bundesliga – die Chronologie

1 von 6

11. Juli

Der VfL Bochum entlässt zweieinhalb Wochen vor Saisonstart Gertjan Verbeek und holt den jetzt gefeuerten Ismail Atalan vom Drittligisten Sportfreunde Lotte.

14. August

Erzgebirge Aue trennt sich von dem im Sommer verpflichteten Thomas Letsch und holt Hannes Drews.

22. August

Maik Walpurgis muss beim FC Ingolstadt gehen, U23-Coach Stefan Leitl wird zum Chef befördert.

28. August

Greuther Fürth reagiert auf den verpatzten Saisonstart. Für Janos Radoki übernimmt Damir Buric bei den Franken.

20. September

Nach einem 0:2 gegen Aue ist für Norbert Meier in Kaiserslautern Schluss. Jeff Strasser wird der Neue.

9. Oktober

Ismail Atalan hat beim VfL Bochum nach zwei Monaten und 28 Tagen ausgedient.

Die zweite Liga steuert auf einen Rekord zu: Vorige Saison wurden zwölf Trainer gefeuert, in dieser sind es nach nur neun Spieltagen schon sechs. Das Karussell dreht sich tatsächlich immer schneller, umso bemerkenswerter ist es, dass Uwe Neuhaus bei Dynamo Dresden bereits auf Platz drei der Dauerbrenner steht: mit zwei Jahren, drei Monaten und zehn Tagen. Länger halten sich nur Frank Schmidt in Heidenheim mit zehn Jahren und 23 Tagen sowie Torsten Lieberknecht bei Eintracht Braunschweig mit neun Jahren, vier Monaten und 29 Tagen.

Neuhaus sicher auf dem Schleudersitz

Allerdings sind die beiden Alteingesessenen bei ihren Vereinen nicht mehr unumstritten und müssen wohl bis zur nächsten Punktspielpause Mitte November mit ihren Teams die Kurve kriegen. Andernfalls wackeln sogar sie. Dabei stehen Schmidt und Lieberknecht genau wie Neuhaus für das, was auch Büskens fordert, nämlich mehr Kontinuität im Fußball. Das war gerade bei Dynamo nach 1990 ein Fremdwort. Neuhaus ist seitdem bereits der 27. Chefcoach – und dass er sicher auf diesem Schleuderstuhl sitzt ist kein Zufall.

Dynamo hat in Person von Sportvorstand Ralf Minge das beherzigt, was Büskens bei anderen Vereinen vermisst, nämlich eine Strategie zu entwickeln, dazu den passenden Trainer zu suchen und dann „gemeinsam auch mal durch ein Tal“ zu gehen. In Aue hat das nicht funktioniert. Der FC Erzgebirge holte nach dem Wechsel von Domenico Tedesco nach Schalke mit Thomas Letsch einen Trainer, der in Österreich beim SK Liefering erfolgreich gearbeitet hatte; dem Farmteam von Red Bull Salzburg. Nach nur 57 Tagen wurde er jedoch entlassen, weil die vom ihm geforderte Spielweise nicht zum Verein passte. „Nach dem zweiten Spieltag haben die plötzlich eine Idee“, schimpft Büskens. „Damit muss man sich doch vorher beschäftigen: Wofür steht der Mann, welche Philosophie hat er? Deshalb spricht man doch miteinander.“

Oder redet aneinander vorbei? Das ist Minge bei Dynamo zwar auch passiert, als er nach dem Abstieg 2014 Stefan Böger holte. Aber der hatte im Gespräch die Vorstellungen seines künftigen Arbeitgebers mitgetragen, sich in der Praxis jedoch immer weiter davon entfernt. So schwer Minge die Entlassung im Februar 2015 fiel, sie war unvermeidbar. In anderen Fällen mag es tatsächlich oft so sein, wie Büskens vermutet, nämlich dass Vereinsbosse „manchmal ihren Arsch durch so eine Entlassung retten. Wenn der Trainer fliegt, sind sie erst einmal aus der Schusslinie“.

Sein Beispiel in Wien zeigt, wie der Effekt verpuffen kann. Als Büskens gefeuert wurde, hatte Rapid fünf Punkte Rückstand auf Salzburg. „Die Situation wäre korrigierbar gewesen“, sagt er. Doch am Saisonende waren es 35 – und auch sein Nachfolger entlassen. „Wenn du nicht die Leck-mich-am-Arsch-Einstellung hast und dir alles am selbigen vorbeigeht, ist es nicht schön, das zu sehen“, meint Büskens.

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