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Montag, 04.09.2017 Kommentar

Dann lieber das amerikanische Modell

Wenn Moderatoren die Zuschauerinteressen großteils ignorieren, ist ein TV-Duell sinnlos, meint SZ-Redakteur Oliver Reinhard.

Oliver Reinhard
Oliver Reinhard

© Robert Michael

Das war der langweiligste „Tatort“ seit Jahren. Über 16 Millionen Zuschauer mussten 95 Minuten lang ertragen, dass sich das Ermittlerduo Angela Merkel und Martin Schulz noch nicht einmal wie ihre übrigen TV-Kommissar-Kollegen richtig in die Wolle kriegte. Schuld waren die vier Verhörenden und das Drehbuch.

Unlängst hatte eine Studie ermittelt, was uns Deutsche vor der Wahl am meisten bewegt: Bildung, Altersarmut, Sicherheit, Terrorismus, Kranken- und Pflegeversorgung, Umweltschutz, Familienpolitik ... In dieser Reihung. Die Moderatoren aber ritten die Hälfte der Zeit auf der Flüchtlingspolitik herum – faktisch fraglos ein wichtiges Thema –, obwohl das die meisten Bürger nun mal weniger interessiert. Sie fragten eine weitere Viertelstunde zu Trump & Co. ab, obwohl Merkel und Schulz auch dazu weitgehend gleicher Ansicht sind. Sie rissen die wirklich zuschauerrelevanten Inhalte in den verbleibenden 30 Minuten nur ganz kurz an. Um die wichtigsten, nämlich Bildung und Altersarmut, ging es gar nicht.

Kurz: Das war voll daneben. Wenn Moderatoren die Zuschauerinteressen großteils ignorieren, ist so eine Veranstaltung sinnlos. Ihre zentrale Aufgabe, die Kandidaten in ein echtes Duell zu treiben und Punkte abzufragen, bei denen Angela Schulz und Martin Merkel eben nicht einer Meinung sind, haben sie ebenfalls nicht erfüllt. Schlimmer noch: Kaum wollten die beiden sich mal härter angehen, wurden sie abgewürgt – keine Zeit!

Für das Duell 2021 müssen sich die Sender ganz dringend etwas einfallen lassen. Immerhin können sie den Vorteil nutzen, dass Frau Merkel, die ohnehin gar keine Lust auf das Format hat, dann höchstwahrscheinlich nicht noch einmal antreten und also keine Gelegenheit mehr zum Mauern und Blockieren haben wird. Insofern wäre der Weg frei für das amerikanische Modell: drei Debatten
innerhalb weniger Wochen mit jeweils viel Zeit für jeweils weniger Themen. Und tatsächlich „scharfe“ Moderatoren.

Warum man so viel Zeit und Mühe investieren sollte? Weil es hier eben nicht um einen „Tatort“ oder eine Quizshow geht. Sondern um Wähler und Wahl, um Gegenwart und Zukunft unseres Landes.

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