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Dienstag, 14.11.2017

Bundespräsident zu Gast in Großenhain

Frank-Walter Steinmeier empfängt am Montagabend im Kulturschloss Ehrenamtler – und nimmt sich richtig viel Zeit.

Von Catharina Karlshaus

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und seine Frau Elke Büdenbender im Gespräch mit Gerlinde Franke, Leiterin der Migrationsberatung des Landkreises Riesa-Großenhain und Flüchtlingen
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und seine Frau Elke Büdenbender im Gespräch mit Gerlinde Franke, Leiterin der Migrationsberatung des Landkreises Riesa-Großenhain und Flüchtlingen

© Kristin Richter

Großenhain. Es ist ein Mammutprogramm gewesen. Als Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und seine Frau Elke Büdenbender den großen Saal des Kulturschlosses betreten, hat das Paar bereits einige Stationen hinter sich. Früh am Morgen mit einer Maschine des Verteidigungsministeriums im Freistaat gelandet, besuchte das Staatsoberhaupt den Erzgebirgskreis, die Landkreise Mittelsachsen und Leipzig sowie Nünchritz. Insgesamt 14 Stationen bis Dienstagabend – mehr geht nun wirklich nicht. In wenigen Minuten wird Steinmeier davon erzählen, dass er geradewegs aus dem benachbarten Chemiewerk kommt, wo er sich angeregt mit Mitarbeitern und Auszubildenden unterhalten habe.

Nun also Großenhain. Eine halbe Stunde später als erwartet, treffen er und Ministerpräsident Stanislaw Tillich ein. Die gut 200 geladenen Gäste aus ganz Sachsen haben sich derweil mit leckerem Süppchen und Getränken in Geduld geübt. Keine Frage, das gastronomische Team des Schlosses ist erprobt und nicht zuletzt nach einem Empfang Tillichs im August nicht umsonst für diesen Abend ausgewählt worden.

„Dass es mal zu Verspätungen kommen kann, ist doch klar“, sagt eine Frau, die aus Zittau angereist ist und nickt verständnisvoll. Einen Bundespräsidenten bekommen die Feuerwehrleute, Vereinsmitglieder, Flüchtlingshelfer und sonst ehrenamtlich Tätigen schließlich nicht alle Tage zu sehen. Und dann ist es so weit: Um kurz nach 20 Uhr ist er endlich da! Großenhain, die Stadt im Grünen, häufig von ihren namhaften Schwestern Radebeul oder Meißen mit malerischen Weinhängen und jahrhundertelanger Porzellankunst ins Abseits der Aufmerksamkeit gedrängt, hat tatsächlich das Rennen gemacht. An diesem Abend bietet sie alles, was Frank-Walter Steinmeier nach mehrstündiger Rundreise braucht: einen ruhigen Aufenthalt an einem beschaulichen Ort.

Und das er das ist, wird in den nächsten Minuten eindrucksvoll klar. Im Beisein von Landrat Arndt Steinbach und Oberbürgermeister Dr. Sven Mißbach erzählt Steinmeier entspannt von seinem angefüllten Tag. Sympathisch ist das, was er über die Sachsen zu berichten weiß. Die Worte ehrlich, klar und schnörkellos. Viele Anwesende nicken, finden sich wieder – der Funke zu dem Mann, der sonst nur über den Fernseher ins Wohnzimmer kommt, ist übergesprungen.

Dankbar sei er für die vielen Begegnungen, sagt der Bundespräsident. Mit ehrenamtlich engagierten Menschen, den ganz normalen Arbeitern aus den Betrieben und all jenen, die nicht nur in Dauerverärgerung in der Sofaecke sitzen, sondern auch etwas tun, damit es besser werde im Land. Denn natürlich gebe es genügend Probleme, gerade in den ländlichen Gebieten, die eben nicht zu den großen Ballungsräumen zählten.

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Wo erst der Betrieb dichtmache, danach die Postfiliale, die Grundschulklasse verkleinert wird, die Wartezimmer hoffnungslos überfüllt seien und als nächstes der Regionalzug seltener fahre. Eine Situation, die für die Politik zuweilen ungemütlich werde und sich nicht zuletzt in den Wahlergebnissen niedergeschlagen habe. „Deshalb reden Sie mit mir! Ohne Schwarzmalerei und Rosa-Rot-Zeichnungen“, ermunterte Steinmeier und – meint es ernst. Ginge es nach dem Protokoll der Staatskanzlei, hätte der höchste Mann im Land nach anderthalb Stunden Feierabend.

Doch weit gefehlt. Er und seine Frau mischen sich unter die Menge. Unterhalten sich angeregt mit der Pulsnitzer Bürgermeisterin Barbara Lüke, deren Senioreneinrichtung in der Stadt mangels Fachkräftemangel nicht öffnen konnte. Sie plaudern mit Feuerwehrleuten, die beklagen, dass ihnen auf dem Dorf der Nachwuchs ausgeht, weil die jungen Leute wegziehen. Gerlinde Franke, Migrationsbeauftragte des Landkreises Meißen, hält nicht hinterm Berg, dass die Betreuung psychisch kranker oder traumatisierter Flüchtlinge nicht nur auf den Schultern der Ehrenämtler liegen könne, sondern vor allem eine Aufgabe des Bundes sei.

Schlechte Verkehrsanbindungen, die Tücken der demografischen Entwicklung oder die Hürden der medizinischen Versorgung. Die Sachsen zeigen, dass sie nicht auf den Mund gefallen sind und Frank-Walter Steinmeier beweist in Großenhain, dass das Beste durchaus zum Schluss kommen kann. Im Kulturschloss nimmt sich der Bundespräsident richtig viel Zeit. Und tut damit das, was er selbst in seiner Rede ermunterte zu tun: In Deutschland müsse wieder mehr zugehört werden. Gleich nun, in welcher politischen Farbe erzählt werde.