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Donnerstag, 12.10.2017

Blind gegen gehörlos: Ist das fair?

Schachspieler mit Behinderung pflegen zur WM in Dresden besondere Kommunikation.

Von Jochen Mayer

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Zwei blinde Schachspieler bei der Dresdner WM: Piotr Dukaczewski (l.) und Marcin Chojnowski (r.) hilft Volunteer Kar Yan Wong. Die beiden Polen traten aber auch gegen Gehörlose und Körperbehinderte an.
Zwei blinde Schachspieler bei der Dresdner WM: Piotr Dukaczewski (l.) und Marcin Chojnowski (r.) hilft Volunteer Kar Yan Wong. Die beiden Polen traten aber auch gegen Gehörlose und Körperbehinderte an.

© kairospress

Ungleiche Paare messen sich seit vergangenem Freitag in Dresden. Im Hotel Wyndham Garden sitzen sich Körperbehinderte, Blinde und Gehörlose an Schachbrettern gegenüber, ermitteln einen gemeinsamen Weltmeister. Andere Sportarten haben ganze Kataloge an verschiedenen Schadensklassen. Im Schach gibt es zwar auch drei internationale Verbände für Menschen mit Behinderung, aber die küren nun schon zum dritten Mal in Dresden ihren Gesamt-Weltmeister. Separat läuft noch eine Frauen- und Mannschaftswertung mit 15 Teams.

Ist es aber fair, Blinde gegen Gehörlose antreten zu lassen? Yvonne Ledfuß hat mit diesem Modus kein Problem. „Die geistige Anstrengung kann jeder erbringen, trotz einer Behinderung“, sagt die WM-Turnierleiterin, die als Rechtsanwältin arbeitet. „Deshalb sind auch keine speziellen Schadensklassen beim Brettspiel nötig.“

Ein Blick auf die WM-Teilnehmer lässt ahnen, welche Schicksalsschläge die Akteure verkraften mussten. Ein russischer Spieler lebt nur mit Kopf und Körperrumpf. Wenn er im Rollstuhl am Brett sitzt, ist nur sein Kopf zu sehen. Vor zwei Jahren spielte einer liegend im Krankenbett. „Trotzdem spürt man im Saal bei WM-Partien immer eine entspannte Atmosphäre“, sagt die Mitorganisatorin, die sogar eine „gewisse Fröhlichkeit unter den Spielern“ registriert, „weil alle ein ähnliches Schicksal haben. Daraus resultiert wohl ihre Spielfreude. Schach ist in diesem Falle wohl auch eine Art Lebenshilfe. Für manche dürfte es der einzige Sport sein, den sie ausüben können, die einzige Gelegenheit, sich mit anderen zu messen.“

Das so unterschiedliche Miteinander funktioniert: Blinde können ein spezielles Schachbrett ertasten, die schwarzen und weißen Felder sind erhaben oder abgesenkt, die Figuren stecken im Brett. Die Züge werden angesagt, ein Assistent setzt dann die entsprechende Figur. „In welcher Sprache die Ansagen erfolgen, bestimmen die Spieler. Wir versuchen es dann hinzubekommen“, erklärt Yvonne Ledfuß. „Nicht immer kommen wir mit Englisch weiter, oft ist Russisch von den Spielern gefragt. Unsere Volunteers sind flexibel.“ Vor Sprachbarrieren stehen die Gehörlosen. Sie können in Dresden auf Gebärdendolmetscher vertrauen. Diese Schach-WM zeigt, wie Kommunikation funktionieren kann.

Die Reaktionen der 71 WM-Teilnehmer – von denen die Spieler aus Kasachstan, Indien und der Mongolei die weiteste Reise hatten – sind erneut positiv. „Besonders die Arbeit der aufmerksamen Volunteers, der Helfer, wird sehr gelobt“, sagt Yvonne Ledfuß. Das Organisationsbüro ging auch auf Wünsche der Spieler ein, richtete am Mittwoch einen freien Tag ein, „der wurde ausdrücklich gewünscht, um sich ausruhen zu können“. Das dürfte die Ruhe vor dem Sturm sein. Am Donnerstag wird die letzte Runde gespielt, am Freitag werden die Weltmeister beim Schachherbst gekürt.

Dies passierte bisher nur in Dresden. Nach der Schacholympiade 2008 in der deutschen Metropole des königlichen Spiels wurde die Idee geboren, in Anlehnung an die Paralympics ein Schach-Championat für Menschen mit Behinderung zu schaffen. 2011 galten die World Games als Probeturnier, 2013 erlebte Dresden die erste WM – dann aller zwei Jahre wieder. Für die ersten drei WM-Turniere hatte die Stadt den festen Zuschlag vom Schach-Weltverband FIDE bekommen.

Über die nächste WM-Auflage wird gerade im türkischen Antalya beim FIDE-Kongress gesprochen. Mit dabei ist Dirk Jordan, Turnierchef der Dresdner Schach-Events. Seine Mitstreiterin Yvonne Ledfuß geht davon aus, dass er nicht schon mit einem Zuschlag für die nächste WM zurückkommen wird, aber sie ist sich sicher, dass sich Dresden wieder bewerben will. Fest steht bereits, dass im kommenden Frühsommer wie 2016 die Mannschafts-WM der Senioren in Radebeul ausgetragen wird. Das Elbtal bleibt eine gute globale Schach-Adresse.

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Leser-Kommentare

Insgesamt 1 Kommentar

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  1. besucher92

    Im Jahr 2017 und zu Zeiten der UN-BRK sollte nicht die Frage sein, ob blind gegen gehörlos fair ist, sondern warum es einer Sonderveranstaltung für Menschen mit Behinderung bedarf? Gerade Schach kann - so zeigt es ja der Artikel - jeder spielen. Der eine benötigt vielleicht Hilfe beim Setzen der Figuren, der andere einen Dolmetscher - das hat auf das Spiel doch aber gar keinen Einfluss. Also hinterfragen sie doch beim nächsten Mal bitte nicht, ob die eine Behinderung der anderen gegenüber benachteiligt ist, sondern wann endlich alle gemeinsam Schach spielen. Oder hat da etwa jemand Angst, gegen einen Autisten zu verlieren?

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