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Samstag, 14.04.2018

Beruf Servicefahrer

Der Lkw-Führerschein gehört zur Ausbildung. Doch im Unterschied zu Truckern schlafen Beschäftigte im Hotel und verdienen mehr.

Von Inga Dreyer

Lehrling Andreas Bernacisko hat alles geprüft, ehe die saubere Wäsche zum Kunden geht. Scheu vor Menschen dürfen Servicefahrer nicht haben. | Foto: dpa/Peter Steffen
Lehrling Andreas Bernacisko hat alles geprüft, ehe die saubere Wäsche zum Kunden geht. Scheu vor Menschen dürfen Servicefahrer nicht haben. | Foto: dpa/Peter Steffen

Den ganzen Tag drinnen zu sitzen, das ist nichts für Andreas Bernacisko. Er ist gern unterwegs und kommt mit Menschen ins Gespräch. Die Ausbildung als Servicefahrer, die es seit 2005 gibt, bietet beides: Einerseits geht es darum, Waren pünktlich auszuliefern. Andererseits haben Servicefahrer die Aufgabe, Kundenkontakte auf- und auszubauen. Bernaciskos Arbeitgeber ist der MEWA Textil-Service in Hameln. Das Unternehmen mit Hauptsitz in Wiesbaden liefert Berufskleidung, Putztücher, Handtuchrollen und Fußmatten an Unternehmen, wäscht und pflegt diese.

Aufgabe der Servicefahrer ist es, einmal pro Woche dreckige Textilien abzuholen und saubere auszuliefern. „Da kann eine enge Kundenbindung entstehen“, sagt Jens Edler, Ausbilder und Leiter der Fuhrparklogistik in Hameln. Die Servicefahrer haben zwar einen engen Zeitplan, aber die Zeit reicht, um mit den Kunden ins Gespräch zu kommen.

In den ersten Monaten seiner zweijährigen Ausbildung hat Bernacisko unter anderem die Putztuchhalle, den Bekleidungsbereich und die Werkstatt kennengelernt. Nun fiebert er seinem zweiten Ausbildungsjahr entgegen: Dann wird der 24-Jährige seinen Lkw-Führerschein machen und kann allein fahren. Schon die Auszubildenden lernen Touren zu planen, Waren zu prüfen, Fahrzeuge sicher zu beladen und Lieferscheine sowie Reklamationen anzunehmen. Da die Ausbildung nicht so theorieintensiv ist, sei sie auch für eher praktisch begabte Schüler geeignet, sagt Johanna Telieps vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB).

„Draußen ist kein Tag wie der andere“, sagt Edler. Manchmal geraten Servicefahrer an unzufriedene Kunden. „Dann ist der Servicefahrer der, der es als Erstes abbekommt. Wichtig ist dann, dass man das nicht persönlich auf sich bezieht.“ Solche Herausforderungen zu meistern, gehört genauso dazu wie der Spaß am Fahren.

Aber Kilometer zu schrubben ist nicht alles. „Derjenige, der eigentlich nur Lust hat zu fahren, sollte Berufskraftfahrer werden“, sagt Edler. Bei Servicefahrern seien die Touren in der Regel kürzer als bei Kraftfahrern. „Der Trucker wohnt quasi in seinem Fahrzeug“, sagt Edler. Ein Servicefahrer bei MEWA sei nur ein bis zwei Tage unterwegs und werde nachts im Hotel untergebracht. „Damit er auch am zweiten Tag sauber, rasiert und vernünftig wieder vor den Kunden stehen kann.“

Auch die Bezahlung der Servicefahrer sei besser, betont Edler. Laut Arbeitsagentur Sachsen liegt das mittlere Einkommen für Servicefahrer bei etwa 1 650 Euro im Monat. In der Ausbildung gibt es je nach Bundesland zwischen 619 und 675 Euro im ersten und 688 bis 745 Euro im zweiten Lehrjahr. Angeboten wurden der Arbeitsagentur im vergangenen Jahr zwölf Ausbildungsstellen für den Beruf. Dafür, so Sprecher Frank Vollgold, hätte es nur zwei Bewerber gegeben. Das sei der Trend in Sachsen: „Jedes Jahr werden zwischen 10 und 20 Ausbildungsstellen gemeldet, für die es nur weniger als drei Interessenten gibt.“ Deutschlandweit sind es nach BIBB-Angaben 2016 60 neu abgeschlossene Ausbildungsverträge gewesen. Tendenz sinkend. 2008 waren es noch 213.

Johanna Telieps vermutet, dass das mit der Konkurrenz durch andere Ausbildungswege zu tun hat. So gebe es schneller zu absolvierende Qualifikationsangebote an der IHK. Denn die Beschäftigungszahlen sehen anders aus: Mehr als 6.600 Servicefahrer arbeiten in Sachsen – laut Vollgold 300 mehr als noch vor einem Jahr. „Allein in den vergangenen vier Jahren sind 1.800 zusätzliche Arbeitsplätze entstanden.“ Jeder Vierte würde im Bereich Lagerei, Post- und Kurierdienste arbeiten – in einer Männerdomäne. Denn nur jeder siebente Servicefahrer in Sachsen sei eine Frau, so Vollgold. „Größere, international aktive Systemlogistiker, die nur geringe Löhne zahlen wollen, suchen ihre Mitarbeiter eher im ungelernten Bereich“, sagt Reinhard Kuhn, Geschäftsführer von Optimal Kurier in Freiberg am Neckar. Er ist Mitglied des Bundesverbands der Kurier-Express-Post-Dienste und engagiert sich dafür, dass Arbeitsbedingungen verbessert und Mitarbeiter besser qualifiziert werden.

„Die Branche hat keinen guten Ruf“, sagt Kuhn. Bei Kurier-, Express- und Post-Diensten seien jedoch Spezialisten gefragt. In den vergangenen zehn Jahren sei durch die rasante Entwicklung des Online-Handels die Anzahl der Einzelsendungen gestiegen. Der klassische Speditionsbetrieb sei darauf nicht ausgerichtet.

Zudem müssten Fahrer mit Scanner, Smartphone und digitalisierten Systemen umgehen können. Fachkräfte sollten daher flexibel bleiben und sich weiterentwickeln – allein schon, falls irgendwann ein selbstfahrender Lkw ihnen ihren eigenen Job bedroht. (dpa/rnw)

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