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Samstag, 09.09.2017

Beruf: Blogger

Die Dresdnerin Luise Morgeneyer ist in sozialen Medien ein Star – und verdient damit ihren Lebensunterhalt.

Von Katrin Saft

Über 83000 Follower: Bloggerin Kleinstadtcarrie, alias Luise Morgeneyer, am Dienstag vor Unternehmern in Dresden.Foto: Marcus Sonntag
Über 83 000 Follower: Bloggerin Kleinstadtcarrie, alias Luise Morgeneyer, am Dienstag vor Unternehmern in Dresden. Foto: Marcus Sonntag

Mit 15 Jahren hat sie angefangen, ihre Gedanken und Gefühle ins Netz zu stellen. Ihren ersten Blog schrieb sie im Kinderzimmer – übers Verliebtsein, über Klamotten, Kosmetik und Stress mit den Erwachsenen. Heute, acht Jahre später, ist Luise Morgeneyer Kleinstadtcarrie. Allein auf Insta-gram hat sie 83 000 Follower, auf Facebook über 11 000 Abonnenten. „Ich offenbare mich auf allen Kanälen“, sagt sie. Sie teilt ihr Leben, postet selbst nachts aus dem Bett oder früh im Bad, wenn sie sich über einen Pickel ärgert. „Seit Februar bin ich Bloggerin im Vollzeitjob“, sagt Luise, die sich jetzt nur noch Morgen nennt.

Auf einem Unternehmerseminar der Kommunikationsagentur Oberüber Karger in Dresden verriet die 23-Jährige, wie sich damit Geld verdienen lässt: als Influencer. Der englische Begriff stammt von „to influence“ – beeinflussen – und ist ein noch junger Trend im Online-Marketing. Weil klassische Werbung nicht mehr ausreichend zieht, nutzen Unternehmen das Vertrauen von Meinungsmachern mit einer großen Community wie Kleinstadtcarrie. Diese verpacken ihre Werbebotschaften zielgruppengenau in freundliche Beschreibungen und Empfehlungen. Das wirkt authentisch, von Mensch zu Mensch. Das positive Image des Influencers soll sich auf das Produkt übertragen und zum Kauf animieren. Zum Beispiel, wenn die blonde Kleinstadtcarrie auf Youtube ungezwungen darüber spricht, mit welchem Mascara sie ihre wunderschönen langen Wimpern formt.

Morgeneyer, die in Dresden Medien- und Politikwissenschaften studiert hat und ihre Bachelorarbeit über Selbstdarstellung im Social Web schrieb, wird inzwischen von großen Marken wie L'Oreal gebucht. „Meine bisher erfolgreichste Kooperation war mit Durex“, sagt sie selbstbewusst. Für den Kondomhersteller sinnierte sie öffentlich über den weiblichen Orgasmus. „Influencer Marketing wird sich in den kommenden Jahren zu einer etablierten Disziplin im Marketing-Mix entwickeln“, ist Oberüber Karger-Geschäftsführerin Ulrike Lerchl überzeugt. Schon heute gibt es Agenturen, die Firmen gezielt Influencer vermitteln. Allerdings ist rechtlich umstritten, wie persönlich daherkommende Produktplatzierungen zu kennzeichnen sind. Viele Influencer halten den Hinweis #ad für ausreichend. Doch nicht jeder weiß, dass der Hashtag Advertisement heißt, zu Deutsch Anzeige. Nach einem vor wenigen Tagen veröffentlichten Urteil des Oberlandesgerichts Celle im Fall eines Influencers, der einen Rossmann-Rabatt postete, muss der kommerzielle Zweck auf den ersten Blick erkennbar sein. Das sei beim Kürzel #ad, das als einer von sechs Hashtags unter dem Text stand, nicht gegeben gewesen.

Kleinstadtcarrie schreibt auf ihrem Blog gerade über ein zauberhaftes Mädchenwochenende in Dresden. Sie empfiehlt Hotels, Restaurants, den mathematisch-physikalischen Salon und ihr „Lieblingseinkaufszentrum“, die Altmarktgalerie, wo sie schon ihren ersten Freund kennengelernt habe. Dazu erklärt sie ganz praxisnah, wie man mit Bus und Bahn hinkommt. Wer es bis zum Textende schafft, findet den Hinweis: „Dieser Beitrag entstand in freundlicher Zusammenarbeit mit den DVB, den Staatlichen Kunstsammlungen und der Altmarktgalerie.“ Will heißen: Alles nur bezahlt.

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