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Samstag, 13.01.2018

Bauern blasen zur ganz großen Jagd

Kaum gibt es mehr Geld für Milch, da fällt der Preis für Schweinefleisch. Nun droht auch noch die Afrikanische Schweinepest.

Von Georg Moeritz

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Gefährlich oder gefährdet? Wildschweine können Krankheiten auf Hausschweine übertragen, Bauern wollen schießen.
Gefährlich oder gefährdet? Wildschweine können Krankheiten auf Hausschweine übertragen, Bauern wollen schießen.

© dpa/Gregor Fischer

Dresden. Joachim Häntsch hat 750 Kühe im Stall und 400 Zuchtsauen. Für die Kuhmilch hat er nach zwei schlechten Jahren zuletzt wieder kostendeckende Preise bekommen. Doch für seine 8 000 Ferkel pro Jahr schwanken die Preise noch stärker: Mal gab es nur 30 Euro, kurze Zeit 60, jetzt rund 40 Euro pro Tier. Häntsch befürchtet weiter fallende Preise, falls die Afrikanische Schweinepest nach Deutschland kommt. Die Krankheit ist bei Wildschweinen in Tschechien und Polen aufgetreten, und Häntschs Berthelsdorfer Agrargenossenschaft bei Herrnhut im Kreis Görlitz ist nicht weit von der Grenze entfernt.

„Unsere Schweine sind in Sicherheit“, sagt Häntsch. Ställe in Deutschland seien meistens gut gesichert, anders als kleine Hofhaltungen in Polen. Dennoch könne die Schweinepest sich über Wildschweine nach Sachsen ausbreiten. Dann müsse womöglich sein Schweinefleisch gekennzeichnet werden, als Ware aus einer gefährdeten Region. „Unsere Ferkel will dann keiner mehr haben“, sorgt sich Häntsch. Zwar hat er eine Betriebsausfallversicherung, aber wohin im Ernstfall mit dem vielen Fleisch? Große Schlachthöfe in Sachsen gibt es nicht mehr, Weißenfels in Sachsen-Anhalt und Altenburg in Thüringen sind die nächsten Adressen.

Leinenzwang als Bürgerpflicht

Sachsens Bauernverband forderte am Donnerstag vorbeugend, die Kennzeichnungspflicht für Schweinefleisch aus betroffenen Gebieten aufzuheben. Bauernpräsident Wolfgang Vogel verlangte zudem, Wildschweine zur Vorbeugung kräftig zu bejagen und die Jäger zu bezahlen. 80 Prozent der Wildschweine müssten erlegt werden, schätzungsweise 50 000 Tiere, um in Sachsen auf „normale“ Mengen zu kommen. Schon erhalten Jäger nur noch 60 Cent statt bis zu 2,50 Euro pro Kilo Wildschwein, Gaststätten verkünden Sonderangebote.

Noch eine Forderung des Bauernpräsidenten: Leinenpflicht für Hundebesitzer im Wald. Das könne helfen, die Übertragung der Seuche in Richtung Schweineställe zu verhindern. „Erste Bürgerpflicht ist Leinenpflicht. Wer das nicht macht, muss radikal bestraft werden“, sagte der Bauernpräsident. Allerdings forderte er auf der Pressekonferenz auch routinemäßig, das Kontrollsystem für die Landwirtschaft müsse „deutlich entschlackt werden“. Voriges Jahr war viel über Unkrautvernichtungsmittel diskutiert worden. Vogel sagte. Pflanzenschutz auf dem Feld gebe es „nicht in Massen, sondern in Maßen“.

Der Bauernpräsident rechnet damit, dass in diesem Jahr stärker über die Subventionen für die Landwirte diskutiert wird. Er möchte sie nicht Subventionen nennen, sondern „

Geld für öffentliche Leistungen“. Voriges Jahr gab es pro Hektar mindestens 280 Euro aus EU-Kassen, dieses Jahr 286 Euro. Ob es nach dem Brexit weniger Geld gibt, steht für Vogel noch nicht fest. Jedenfalls wappnet er sich schon gegen die Forderung, Großbetrieben weniger Geld pro Hektar zu geben. Vor der neuen EU-Förderperiode ab 2020 liegen Verhandlungen. 2019 wird der Deutsche Bauerntag in Sachsen stattfinden, kündigte Vogel an.

Milchpreise fallen wieder

Ähnlich wie bei Sauen gibt es auch bei Milchkühen inzwischen einen Schweinezyklus: Steigt der Preis, erhöhen die Landwirte die Produktion, bis der Preis wieder fällt. Bauernpräsident Vogel, selbst Milchkuhhalter, forderte seine Kollegen zu mehr Disziplin auf: „Wir haben wieder zu viel Milch“. Voriges Jahr hätten die Sachsen es geschafft, die Produktion zu verringern. In den alten Ländern dagegen sei das Soll „übererfüllt“ worden. Zu Jahresanfang ist der Preis für rohe Milch gefallen, die Bauern bekommen 33 Cent nach 36,5 Cent im Dezember. Häntsch sieht die „neue Milchkrise“ zu früh kommen, die Verluste vom vorigen Mal seien noch nicht ausgeglichen. Vogel hofft, dass mehr Landwirte den künftigen Preis über Börsen und Molkereiverträge absichern. Müller-Milch biete das seit Kurzem an. Freilich gehöre dazu auch das Risiko, steigende Preise zu verpassen.

„Wir brauchen Spekulanten“, sagte Vogel.

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Leser-Kommentare

Insgesamt 5 Kommentare

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  1. Peter

    Fast alle Schweine in Deutschland werden ständig in geschlossenen Ställen gehalten u. sind nie im Freien. Da das Afrikanische Schweinepest-Virus nur durch direkten Tierkontakt übertragen wird, ist es äußerst unwahrscheinlich, dass ein Wildschwein das Virus in einen Stall einschleppt. Es ist viel wahrscheinlicher, dass die Viren durch menschliche Aktivitäten verbreitet werden: Durch die zahlreichen oft über 100 km weiten Tiertransporte, durch weggeworfene schweinefleischhaltige Lebensmittel (welche bis zu 6 Monate infektiös bleiben) o. durch Schlachtabfälle von Schweinen die manchen Tierfuttern zugesetzt werden. Die Wildschweinpopulation ist vor allem deshalb so groß, weil sie von Jägern gefüttert werden. In der Natur würde ein Teil der Wildschweine im Winter o. in Jahren, wo es wenig Baumfrüchte gibt, verhungern. Und Wölfe, welche eine hohe Population von Wildschweinen wieder auf ein normales Maß reduzieren könnten, werden teilweise von Jägern illegal getötet.

  2. massai

    Welche "öffentliche Leistung", wie sie der Bauernpräsident gern genannt haben möchte, erbringt die konventionelle Landwirtschaft denn? Artensterben und Schadstoffbelastungen, wie z. B. hohe Nitratbelastungen im Grundwasser, die den Verbraucher noch richtig Geld kosten werden, wenn die Wasserwerke zusätzliche Filterstufen benötigen, sind kaum auszugleichende Schäden. Dafür müsste diese konventionelle Landwirtschaft eher noch bezahlen, als dafür noch Subventionen zu erhalten.

  3. NichtStichhaltig

    Sicherlich müßten die Wildtiere in Sachsen besser gemanagt werden. Z.B. über ein flächendeckendes Futtergrippennetz, in denen gute Lebensmittel hygienisch durch Beauftragte dorthin geschafft werden und die Tiere somit sauberes Futter aus einem sehr stabilen Draht-Korb mit Strohunterlage fressen. Diese Futtergrippen sollten auch zur Gabe von Entwurmungsmitteln und Impfködern benutzt werden. Jener noch abzuschießende Wolf, der wenig beharrt war und zwei Hunde attacktierte machte einen ausgehungerten, wenig beharrten und kranken Eindruck. Radioaktiv verseuchte Wildschweine oder Wurmbefall könnten dem Tier stark zugesetzt haben. Wenn das Dickicht immer mehr beseitigt wird, ziehen sich die Wildschweine in die letzten geschützten Areale zurück, wo die Krankheitsübertragungsrate aufgrund der erhöhten Wildschweindichte am größten ist. Der Ausbreitungsweg Ratten, Füchse,Waschbären, Marder, Mäuse, die am verendeten Aas nagen und in die Schweineställe eindringen, wurden bisher nicht beleuchtet.

  4. NichtStichhaltig

    Die Ställe müßten also selbst für Mäuse nicht mehr zugänglich sein. Die Stallanlagen sollten mit Pallisaden aus Wildschutzzäunen, Bambus und Zuckerrohr,Brennnesseln abgeriegelt sein, wobei vorher zu überprüfen wäre, ob das Zuckerrohr nicht noch die Wildschweine anzieht. Die Ställe müßten erst einmal tierschutzgerecht und sehr gut durchlüftet sein. Die Reinigung der Ställe und Hausschweine müßte tadellos sein. Das Immunsystem der Hausschweine müßte vollkommen intakt sein. Für die o.g. Investitionen müßte das Geld investiert und nicht in Jagdprämien! Die Wölfe sind für den Seuchenschutz von herausragender Bedeutung und müssen ihrerseits vor Wurmbefall geschützt werden.

  5. FehleranalyseMachen

    Wenigstens jetzt könnte die deutsche Forschung einen Impfstoff gegen die Afrikanische Schweinepest entwickeln. Besteht etwa die Angst, dass ein Impfstoff den Erreger eher in eine für Menschen gefährliche Variante mutieren läßt? Die Ställe weisen sicherlich schwere hygienische Mängel auf. Das Geld wäre in die Mangelbeseitigung besser investiert, denn es gibt noch genug andere Schweinekrankheiten, welche durch schlechte Haltung verursacht sind und gleich mit abgestellt werden könnten für relativ wenig Geld. Würden die Bauern die gesamte Schweinehaltungs-und Logistikkette sauber halten können und eine 5 km Sperrzone um die Schweinestallanlagen (stark verschärfte Bejagung, Fallen vor den Haltungsanlagen für Ungeziefer, Wildschweine, Raubtiere) errichten, wäre der Bekämpfung der Afrikanischen Schweinegrippe und anderen Tierseuchen besser gedient! Sparzwang und Seuchenschutz vertragen sich nicht, die Fleischpreise müssen steigen. Wachhunde vor den Ställen könnten d. Wildschweine verjagen.

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