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Samstag, 12.08.2017

Aufstand der Augustusberger

Darf der Kunststoff-Riese Schaumaplast anbauen, fürchten Anwohner um ihre Gesundheit. Stadträte räumen die eigene Unwissenheit zum Teil ein.

Von Marcus Herrmann

Gerhard und Erika Hesse sind wie viele andere Anwohner auch gegen den geplanten Anbau der Firma Schaumaplast. Dieser soll direkt auf der Wiese gegenüber ihres Wohnhauses errichtet werden. Der Ausstoß schädlicher Stoffe sei so programmiert. Schaumaplast bestreitet das.
Gerhard und Erika Hesse sind wie viele andere Anwohner auch gegen den geplanten Anbau der Firma Schaumaplast. Dieser soll direkt auf der Wiese gegenüber ihres Wohnhauses errichtet werden. Der Ausstoß schädlicher Stoffe sei so programmiert. Schaumaplast bestreitet das.

© Claudia Hübschmann

Nossen. Eigentlich müsste man sofort wegziehen. Doch dafür habe die Familie nicht 50 Jahre Arbeit in das Grundstück am Augustusberg in Nossen gesteckt. Das sagt Anwohnerin Erika Hesse. Der seit 1995 in Nossen ansässige Verpackungs-Hersteller Schaumaplast produziert und recycelt in unmittelbarer Umgebung. „Seit einiger Zeit können wir wegen des Gestanks nicht mehr lüften“, sagt die Ruheständlerin. Und auch das eigene Gemüse im Garten esse in der Umgebung von Schaumaplast kein Grundstückbesitzer, der noch bei Trost sei.

Nun ist es für die Anwohner nicht neu, dass Mitarbeiter von Schaumaplast ganz in der Nähe arbeiten und dabei vermeintlich gesundheitsschädliche Stoffe entstehen. „Wir haben seit Jahren mehrmals bei den Behörden angefragt. Aber das Problem wird nicht ernst genommen. Das Umweltamt findet keinen Ansatz. Das nenne ich grob fahrlässig“, sagt ein anderer Anwohner sogar. Neu ist aber, dass der Stadtrat kürzlich dem Verkauf eines weiteren Grundstückes im Gewerbegebiet Augustusberg an die Firma Schaumaplast zugestimmt hat.

Diese darf sich – Stand jetzt – also erweitern. Erfahren mussten dies die Anwohner in einer beiläufigen Notiz im Amtsblatt. Welche Entrüstung das bei vielen auslöste, zeigt sich in der Stadtratssitzung am vergangenen Donnerstagabend. Etwa 30 Leute, die nahe des Gewerbegebiets wohnen, sind gekommen. Und verschaffen sich Gehör. Emotional entfährt es einer jungen Mutter mit Brille und dunklen Haaren in der Einwohnerfragestunde: „Wie können sie zulassen, dass krebserregende Stoffe, Gestank und noch mehr Lärm das Leben junger Familien dermaßen negativ beeinflussen?“

Weitere energische Wortmeldungen folgen, auch ohne das Gerald Rabe (CDU), der an diesem Tag den erkrankten Bürgermeister vertritt, dazu das Wort erteilt. Teilweise überschlägt sich die Diskussion. „Es gibt im Wohngebiet einen viel zu geringen Abstand zwischen den Häusern und Schaumaplast. Wo Stoffe wie Styrol, Pentan und Dampfmittel nachweislich ausgestoßen werden und es nachweislich seit Jahren keine Filteranlagen gibt, stimmen sie tatsächlich auch noch für eine Erweiterung“, wirft ein weiterer Bürger den Stadträten vor. Zwar versucht Rabe, hier zu beschwichtigen:

Der Beschluss sehe nur den Bau einer Lagerhalle vor. Außerdem müsse Schaumaplast erst einen Bauantrag einreichen, über den dann wiederum gesondert abgestimmt werde. Beruhigen kann das die Anwohner jedoch nicht. „Selbst wenn es nur eine Lagerhalle wird, muss man sich doch fragen, was für Stoffe dort gelagert und welche Dämpfe dabei freigegeben werden“, sagt eine von ihnen. Eine weitere schimpft in Richtung Stadtrat: „Kommen sie doch mal zu uns nach Augustusberg, holen sie tief Luft und atmen ein. Danach würden sie sich anders entscheiden.“ Dieses Mal, sagt ein Herr mit dunklen Haaren, der sich von seinem Platz erhebt, werde es auf jeden Fall ein juristisches Vorgehen gegen den Verkauf des Grundstücks geben.

Und die Stadträte? Sie folgen den Ausführungen der Augustusberger zum Teil staunend. Einige räumen ein, aufgrund nicht ausreichender Informationen seitens der Verwaltung nichts von Problemen gewusst zu haben. Bestürzt fragt etwa Johannes Piontek (Freie Wähler) nach, wie die Bürger so sicher sein können, dass Gefahr durch den Kunststoff-Produzenten drohe. Antworten kann zum Beispiel Gerhard Hesse, Ehemann von Erika Hesse geben. Er hat bis 2013 für Schaumaplast gearbeitet. „Während des Betriebs wird das Nervengift Pentan freigesetzt und in die Umgebung abgegeben, da Schaumaplast über keine Filter verfügt. Pentan ist schwerer als Luft, bleibt daher in Bodennähe, wo wir es mit der Atemluft aufnehmen“, so der ehemalige Mitarbeiter.

Mit den Sorgen der Anwohner konfrontiert, antwortet Schaumaplast-Geschäftsführer Bernhard Hauck am Freitagnachmittag ausführlich. Schaumaplast sei von den Vorwürfen betroffen. Die Ausbaupläne in Nossen seien notwendig, um die dortigen Arbeitsplätze langfristig zu sichern. „Der Grundstückserwerb soll zunächst dazu dienen eine Lagerhalle für Fertigprodukte zu errichten. Zudem sollen in einer weiteren kleineren Halle eine Konfektionierung unserer Produkte und das Zuschneiden erfolgen“, so Hauck. Beschwerden einzelner Anwohner sei seit 2013 nachgegangen und durch das Kreisumweltamt umfassende Prüfungen und Ausbreitungsrechnungen durchgeführt worden.

„Bei allen Untersuchungen konnten keine erhöhten Immissionswerte festgestellt werden.“ Bei Schaumaplast werde lediglich fertiges Rohgranulat verarbeitet. Dieses werde fertig bezogen und weiterverarbeitet. „Flammschutzmittel werden nicht zugesetzt. Letztlich betont Hauck, an einer objektiven Diskussion interessiert zu sein. Eine solche Diskussion mit allen Beteiligten stellt auch Stadtrat Rabe den Anwohnern in Aussicht. Sobald es möglich sei. Vielleicht beim nächsten Stadtrat im September?

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