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Freitag, 21.04.2017 Aus dem Gerichtssaal

Auf dem Weg nach unten

Mit 68 hat Rentner Jürgen G. begonnen, seinen Alkohol zu stehlen. Mit 71 und der sechsten Verurteilung muss er in Haft – doch kann er das überhaupt?

Von Alexander Schneider

© Nikolai Schmidt

Dresden. Einen Beruf hat der Mann nie gelernt. Jahrzehntelang hat er sich als Lagerarbeiter durchgeschlagen. Auch nach einer kurzen Arbeitslosigkeit in den Wendejahren hat er wieder einen Job in seinem Bereich gefunden. Mit 60 ist er in Rente gegangen. Ein fast normales Arbeiterleben, könnte man denken. Doch Jürgen G. ist alkoholabhängig. Und das macht die Sache schwierig – jedenfalls für diejenigen, die sich mit ihm auseinandersetzen müssen.

Der Alkohol frisst die Rente auf. Als er seine Miete nicht mehr zahlen kann, fliegt der Witwer aus seiner Wohnung. Seitdem ist der Mann auch ein Fall für die Justiz, gefangen im magischen Dreieck zwischen Ladendiebstahl, Hausfriedensbruch und Schwarzfahren. Er stiehlt Schnaps und Lebensmittel, auch mal Elektronik, Schmuck und Kleidung in Geschäften. Seit 2014 wurde er schon fünfmal verurteilt. Erst kleinere Geldstrafen, dann größere, zuletzt im Oktober 2016 gab es eine Freiheitsstrafe von acht Monaten auf Bewährung – wegen Diebstahls mit Waffen in vier Fällen, Diebstahls in weiteren 18 Fällen und vier Schwarzfahrten in Straßenbahnen.

Überraschend entlassen

Jürgen G., so scheint es, ist damit nicht zu beeindrucken. Er hat mehrere Geldstrafen nicht bezahlt, sondern im Gefängnis abgesessen. Zuletzt im März vergangenen Jahres. Doch nach zwei Wochen wurde er überraschend entlassen. G. ist haftunfähig. Das macht es nun nicht leichter für die Justiz, einen Weg zu finden, dem Rentner klarzumachen, dass es so nicht weitergehen kann. Am Donnerstag hatte er wieder einen Prozess am Amtsgericht Dresden.

Nun hat sich der 71-Jährige auch als Bewährungsbrecher hervorgetan. Er hat vor und nach seinem letzten Prozess munter weitergestohlen. Drei Anklagen verlas die Staatsanwältin nun: neun Diebstähle und drei Schwarzfahrten zwischen Juli und Dezember 2016 – eine vierte Anklage mit aktuelleren Taten stellte das Gericht im Hinblick auf die neue Verurteilung ein.

Wie schon in früheren Prozessen räumt G. alle Vorwürfe ein, so schnell, dass Richter Markus Maier bezweifelt, ob der Angeklagte überhaupt verstanden hat, was er tat. Zögerlich dagegen gesteht der Rentner sein Alkoholproblem. Zehn Bier am Tag und eine Flasche Schnaps. Das schafft er nicht mit seiner Rente von 1 000 Euro. 600 Euro zahlt er an sein Übergangswohnheim, 400 Euro bleiben zum Leben. Schlimmer wohl ist, dass der Mann nichts gegen sein Trinkproblem unternimmt. Suchtberatung und Therapien lehnt er entschieden ab.

Richter Maier verurteilte den Rentner zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von einem Jahr, in der auch die acht Monate vom Herbst enthalten sind. Bewährung gab es nicht. Ob und wann G. nun wieder ins Gefängnis muss, ist eine Frage, mit der sich nun die Vollstreckungsabteilung der Staatsanwaltschaft herumschlagen muss.

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