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Donnerstag, 02.11.2017

Auf dem Sprung nach ganz oben

Tom Kleinschmidt gehört zu den besten Skateboardern des Landes. Jetzt will er endlich Deutscher Meister werden.

Von Henry Berndt

Das Board scheint an seinen Füßen zu kleben. Dafür muss Tom Kleinschmidt viel trainieren. Weil er die Skatehalle in Reick nicht mehr nutzen darf, weicht er auf Tiefgaragen aus. Bis er verjagt wird.
Das Board scheint an seinen Füßen zu kleben. Dafür muss Tom Kleinschmidt viel trainieren. Weil er die Skatehalle in Reick nicht mehr nutzen darf, weicht er auf Tiefgaragen aus. Bis er verjagt wird.

© Sven Ellger

Die Demonstration fällt ins Wasser. Pünktlich zum Start in den November hängen die Wolken tief über dem Skatepark an der Lingnerallee im Dresdner Zentrum. Alles ist nass, überall sind Pfützen. „Da geht gar nichts“, sagt Tom Kleinschmidt und packt sein Skateboard nur kurz zum Zeigen aus. Wer den 28-Jährigen in Aktion erleben will, der muss schon auf Youtube nach seinem Namen suchen. Dort ist zum Beispiel sein „Super Double Kink“ zu finden, ein Trick, bei dem man auf dem Board ein Treppengeländer mit Knick herunterrutscht – möglichst ohne sich dabei die Knochen zu brechen.

„Mir ist glücklicherweise noch nie was Ernsthaftes passiert“, sagt Tom. Mal abgesehen von einigen Bänderrissen in der Schulter, ausgeschlagenen Zähnen und den üblichen „Umknickern“, die mit lädierten Sprunggelenken endeten. Dieser junge Mann vom Typ „Sonnyboy“ könnte an einem anderen Ort und mit anderen Klamotten auch gut einen Surfer abgeben. Allerdings hat sein Brett vier Rollen.

Seit er er elf war, steht Tom auf Skateboards. Sein Nachbar hatte damals so ein Ding. „Und dann habe ich meine Eltern so lange krass genervt, bis ich auch eins bekommen habe.“ Anfangs übte er nur den „Ollie“, den klassischen Anfängersprung. Doch einmal gepackt von der Faszination des Brettes, hatte er bald schon ganz andere Kunststücke drauf.

17 Jahre später gehört Tom Kleinschmidt zu den besten Skateboardern Deutschlands. An diesem Wochenende will der gebürtige Pirnaer, der inzwischen in der Dresdner Neustadt wohnt, beim Finale der Deutschen Meisterschaft endlich den Titel holen. Dreimal ist er schon Vize-Meister geworden, zweimal Dritter.

Fernziel Olympia

Seit acht Jahren findet das Finale auf dem Gelände des Europaparks in Rust bei Freiburg statt. Seit diesem Jahr gibt es hier eine neue hochmoderne Multifunktionsarena. Von solchen Bedingungen kann Tom daheim in Dresden nur träumen. „Die Stadt macht gar nichts mehr“, sagt er frustriert und bittet darum, dass das auch in der Zeitung stehen soll. Der Skatepark an der Lingnerallee, erst 2006 eröffnet und damals 450 000 Euro teuer, verfalle mehr und mehr und sei an vielen Stellen geradezu gefährlich. Dabei zeigt Tom auf die teils fingerbreiten Spalten zwischen den Betonplatten. „Wer da drin hängen bleibt, der hat keine Chance“, sagt er. Schlimmer noch trifft die mehr als 100 aktiven Skateboarder in Dresden die Schließung ihrer Halle in Reick, die sie bisher im Winter nutzten. Die Förderung ist ausgelaufen. Damit gibt es bis auf Weiteres im Winter in Dresden keine Möglichkeit zum Skaten mehr. Zumindest keine legale. „Ein Armutszeugnis für die Stadt“, sagt Tom.

Wenn das Wetter mitspielt, steht er jeden Tag auf dem Board. Oft fährt er mit Freunden nach Usti nad Labem oder Teplice, wo die richtig guten Parks sind. Auch Großenhain und Leipzig rocken. Er muss dranbleiben, um weiter mit den Besten mithalten zu können. Kaum einen Wettbewerb im In- und Ausland lässt er aus – manchmal zum Missfallen seiner Professoren an der HTW. Wenn er mal zu Hause ist, studiert er Geoinformation und Vermessung. Vorher hat er zwei Jahre im Skate-Shop nahe dem Rathaus gearbeitet. „Das war ein wenig unüberlegt. Da musste ich immer dann arbeiten, wenn die anderen skaten waren.“ Wenn das kein guter Grund für einen Neuanfang als Student ist!

Würde Tom in den USA leben, dann könnte er womöglich sogar allein vom Skateboarden leben. „Wir sind dagegen in diesem Bereich noch ein Entwicklungsland“, sagt er. Zeitweise zahlten ihm Sponsoren immerhin kleine Gehälter, jetzt bekommt er noch ein paar Euro für Werbedrehs – und für sein Material. Davon braucht er nämlich reichlich: Ein Skateboard im Wert von 80 Euro hält im besten Fall mal ein paar Tage und muss dann ersetzt werden. Dasselbe gilt für die Schuhe, deren Sohlen bei den Tricks heftig abgenutzt werden. „Auf unserem Niveau ist es wichtig, dass das Board in der gleichen Situation immer genau dasselbe macht“, erklärt er. Aber kein Problem, mehrmals in der Woche bekommt er von seinem Ausrüster kostenlos Nachschub zugeschickt.

Beide – Tom und der Ausrüster – freuen sich schon mächtig auf das Jahr 2020. Dann wird Skateboarding in Tokio zum ersten Mal eine olympische Sportart sein. Tom hat gute Aussichten, in der Disziplin „Street“ für Deutschland antreten zu dürfen. Für dauerhafte Motivation ist demnach reichlich gesorgt. Am Wochenende soll aber nun erst einmal dieser verflixte deutsche Meistertitel her.

Tom Kleinschmidt in einem Video (2013) vom Dresdner Filmemacher Sebastian Linda:

Tom Kleinschmidt in einem Youtube-Video aus dem Jahr 2012:

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