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Samstag, 14.04.2018

Auf dem Goldenen Steig

Von Andreas Pfitzner

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Hat sein Hobby zum Beruf gemacht: Dalibor Hiric arbeitet als Wanderführer. Fotos: Andreas Pfitzner (3)
Hat sein Hobby zum Beruf gemacht: Dalibor Hiric arbeitet als Wanderführer. Fotos: Andreas Pfitzner (3)
Ins Stadtzentrum von Prachatice gelangt man auch durch das untere Tor, das Piseker Tor. Es stammt aus dem 16.Jahrhundert und gehörte zur ehemaligen mittelalterlichen Befestigung der Stadt.Foto: Jihoceska cetrala cestovniho ruchu
Ins Stadtzentrum von Prachatice gelangt man auch durch das untere Tor, das Piseker Tor. Es stammt aus dem 16. Jahrhundert und gehörte zur ehemaligen mittelalterlichen Befestigung der Stadt.Foto: Jihoceska cetrala cestovniho ruchu

Wildwasser? Weit gefehlt. Ihrem verwegenen Ruf zum Trotz plätschert die Vydra wie ein Bächlein dahin. Zwar soll es schon stürmischere Tage gegeben haben. Aber der Regen mache sich rar in jüngster Vergangenheit, sagt Wanderführer Dalibor Hiric. Der 56-Jährige kennt die Gegend wie seine Westentasche. Seit 20 Jahren führt er Besucher durch den Böhmerwald im Südwesten Tschechiens. Die Grenze zu Bayern ist nur zehn Kilometer entfernt.

Mehr als eine halbe Million Menschen besuchen jedes Jahr den Nationalpark. Die Natur wirkt hier sehr ursprünglich. Dichte Wälder lassen spärlich besiedelte Gegenden noch verlassener erscheinen. Mancherorts scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Und tatsächlich sollen Wälder noch den Zustand wie vor mehreren Hundert Jahren haben. Urwälder eben. Die Ruhe ist Balsam für die Wanderseele. Wir sind auf dem Lehrpfad unterwegs, der von Antygl zur Berghütte Turnerova Chata führt. Große Flechten an den Ästen zeugen von dem hohen Feuchtigkeitsgehalt in der klaren Luft. „Die Natur erholt sich ganz allein“, sagt Hiric. Selbst die gelegentliche Borkenkäferplage nehmen die Einheimischen relativ gelassen. „Betroffene Bäume werden gefällt, die Rinde samt Käfern entfernt und aus dem Wald gebracht. Die Bäume aber bleiben liegen, denn sie sind die Quelle für neues Wachstum.“ Es ist ein natürlicher Zyklus, der im Böhmerwald innerhalb von etwa 30 Jahren neue Fichten und Tannen wachsen lässt.

Nur wenige Kilometer entfernt treffen wir auf den Pilgerweg Via Nova. Nicht ganz durchgängig, verläuft er zwischen St. Wolfgang in Österreich über Passau bis ins tschechische Pribram. Einige Tausend Wanderer sind hier pro Jahr unterwegs, nicht vergleichbar mit dem Jakobsweg. Auf einem kurzen Abschnitt des Pilgerweges, von Kvilda in Richtung Horska Kvilda, gelangen wir ins dortige Besucherzentrum und das Hirschgehege. Im neun Hektar großen Gelände haben die Tiere genügend Platz, um sich vor den Besuchern zu verstecken. Wer aber Geduld mitbringt und obendrein etwas Glück hat, bekommt trotzdem einige zu Gesicht. Nur David und Kate lassen sich partout nicht blicken. Die beiden Luchse leben seit August 2016 hier.

40 Kilometer weiter ostwärts, in den Wäldern um Prachatice, kommen uns plötzlich unzählige Pferde entgegen. Sie sind schwer beladen mit je drei Zentnern Salz und werden begleitet von Männern, die sich Säumer nennen. Aber nein, die Szene spielt sich nur in unseren Köpfen ab. Dalibor Hiric erzählt uns, wie es war, als das „weiße Gold“im Mittelalter auf diese Weise von Passau nach Prachatice gelangte. Drei Tage brauchte der Tross für die 75 Kilometer lange Tour, auf der sich die Säumer oft Angriffen von Wegelagerern erwehren mussten.

Das kostbare Salz verhalf zu Reichtum, weshalb der wichtige mitteleuropäische Handelsweg seinerzeit als Goldener Steig bekannt wurde. Ab dem 14. Jahrhundert teilten sich die Wege, und es bildeten sich drei Hauptzweige des Steigs: jeweils von Passau nach Prachatice, Vimperk und Kasperske Hory. Noch heute kann man in den Wäldern an vielen Stellen die Spuren der Handelszüge erkennen: Sechs Meter tiefe und zwei Meter breite Hohlwege sind deren Überbleibsel. Markierte Wanderwege verlaufen meist parallel zu den alten Trassen, beispielsweise von Ceske Zleby bis Prachatice auf einer Länge von 29 Kilometern.

An zwei Tagen im Juni wird alljährlich das Fest des Goldenen Steigs in Prachatice gefeiert, mit historischem Umzug und einer Säumerkarawane. Für die Unterhaltung der Gäste sorgen Komödianten und Musikanten. Heute ist der Goldene Steig Geschichte, aber es gibt nach wie vor kein Leben ohne Salz. Nur golden ist der Handel damit nicht mehr.

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