• Einstellungen
Montag, 20.03.2017

Attraktion mit Riesenzähnen

Seit rund fünf Jahren leben Nutrias westlich von Löbau. Durch das Füttern sind die Tiere zahm und hören auf Zuruf.

Von Constanze Junghanß

Bild 1 von 3

Die Löbauer Nutrias verspeisen am liebsten Äpfel und Brotkanten.
Die Löbauer Nutrias verspeisen am liebsten Äpfel und Brotkanten.

© Toralf Weigel

Das ist auch hier zu sehen.
Das ist auch hier zu sehen.

© Constanze Junghanß

 Man muss nur einmal pfeifen und schon kommen die Tiere neugierig angeschwommen
Man muss nur einmal pfeifen und schon kommen die Tiere neugierig angeschwommen

© Constanze Junghanß

Löbau. Jörg Holtzsch hat nicht schlecht gestaunt. Als der Unternehmer vor zwei Wochen an dem kleinen Teich nahe Löbau mit seinem Transporter vorbei fuhr, kletterten drei putzige Gesellen aus dem Wasser. „Im allerersten Moment dachte ich, hier leben kleine Biber“, erzählt er von seinem Erlebnis. Das Schauspiel wollte sich der Neukircher genauer ansehen. Und fuhr dann die kommenden Tage auf dem Rückweg von der Arbeit wieder am Teich vorbei. Der erste Gedanke an eine Biberhochburg löste sich allerdings schnell in Luft auf. Denn es sind Nutrias, die im von Bäumen umgebenden Weiher bei Nechen ihr idyllisches Biotop gefunden haben. Und sie sind kein bisschen scheu. Das bestätigen auch die Anwohner im Dorf. Um die Nutrias zu schützen, möchten die Einheimischen anonym bleiben und auch nicht den ganz genauen Lebensraum der Tiere preisgeben. Zu groß ist die Angst, jemand könnte auf den Gedanken kommen, den zahmen Gesellen Schaden zuzufügen. Sie hören sogar auf die Menschen, die zu Besuch kommen.

„Wir bringen den Nutrias Futter mit, wenn wir mit den Enkeln spazieren sind“, erzählt eine Anwohnerin. Besonders Äpfel und Möhren stehen hoch im Kurs. Die Frau ist nicht die Einzige aus dem Dorf, die Naschereien vorbei bringt. Kartoffelstücke und Brotkanten liegen an der geheimen Futterstelle. Sobald man pfeift und ruft – ein freundliches Hallo reicht aus – kommen die Nutrias angeschwommen, steigen aus dem Wasser und schauen erwartungsvoll, ob eine Leckerei spendiert wird.

Das Wasser kräuselt. Ein paar Eichenblätter bewegen sich wie von Geisterhand: Dann taucht ein erster dunkelrotbraun befellter Kopf auf, der die Blätter abschüttelt. Orangegelbe, lange Zähne blitzen. Die Schwimmhäute zwischen den schwarzen Zehen erinnern entfernt an Entenfüße. Seit vier bis fünf Jahren gebe es die zur Familie der Stachelratten gehörenden Tiere nun schon bei Nechen. Ob sie angesiedelt wurden oder allein den Weg in die Ortschaft fanden, weiß niemand so genau. Bis vor etwa drei Jahren kümmerte sich der Löbauer Anglerverein um den Teich. Schon 2015 wies dessen Präsident Frank Schulze auf das Anfütterungsproblem hin. Das sei eine Umweltverschmutzung und die Nutrias würden die Uferwände untergraben. Letzteres sieht auch der Naturschutzbund (Nabu) so. Die Art sei weit verbreitet und könnte Lebensräume wie Uferbiotope und dort lebende Arten schädigen. Der Löbauer Anglerverein hat den Teich inzwischen abgegeben. Unter wessen Obhut das Gewässer nun steht, weiß der Anglerverband „Elbflorenz“ Dresden. „Der Teich bei Löbau wird von der AVD Angel-Service GmbH Dresden betrieben.“ Dort ist der Chef telefonisch nicht erreichbar. Lehrling Lucas Piesold sagt aber: „Im Fischbestand richten Nutrias eigentlich keinen Schaden an. Sie sind Vegetarier.“

Ursprünglich stammen Nutrias aus Südamerika und sind mit den Meerschweinchen verwandt. Allerdings sind sie bedeutend größer: Bis zu 65 Zentimeter sind sie lang. Dazu kommt der wenig behaarte Schwanz von etwa 40 Zentimetern. Auf die Waage bringen Nutrias um die zehn Kilogramm Gewicht. Ursprünglich galt die auch als „Sumpfbiber“ bezeichnete Tierart als Pelzlieferant. Ab 1926 wurden sie dafür in Deutschland gezüchtet. Einige Tiere konnten aus den Farmen entfliehen und suchten sich den Weg in die Freiheit. Der Bestand hat sich seitdem in der Wildnis ausgebreitet. Auch in der Nähe von Löbau, in Kittlitz, soll es zu DDR-Zeiten eine solche Farm gegeben haben. Vonseiten des Nabu heißt es: „Nutrias unterliegen keinem internationalen Schutzstatus.“ Im Sächsischen Jagdgesetz ist keine Schonzeit für Nutrias angegeben. „Manche Menschen essen ja auch das Fleisch dieser Tiere“, weiß eine Anwohnerin. Und tatsächlich findet man im Internet Angebote von Wildvermarktern selbst in Sachsen, die neben Rot-, Schwarz- und Muffelwild Nutrias anbieten. Das Kilo Fleisch kostet im Durchschnitt 23 Euro und gilt bei manchen als Spezialität. Die Nutrias von Löbau allerdings sollen nicht im Kochtopf landen. Wie viele es genau sind, darüber gibt es unterschiedliche Aussagen. Momentan zeigen sich drei Tiere, die auf Zuruf ans Ufer kommen. Beobachtet wurden aber auch schon zwei Alttiere mit vier Jungen.

Desktopversion des Artikels