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Montag, 13.11.2017

Arm trotz Job

Fast jeder Zehnte Werktätige in Deutschland ist von Armut bedroht. Vor allem zwei Gruppen von Angestellten sind betroffen.

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© dpa

Berlin. Die Armutsgefährdung von Beschäftigten in Deutschland ist in den vergangenen zehn Jahren deutlich angestiegen, zuletzt aber etwas gesunken. Aktuell ist fast jeder zehnte Erwerbstätige armutsgefährdet. Das geht aus aktuellen Daten des Europäischen Statistikamts Eurostat hervor, auf die die Linken im Bundestag aufmerksam gemacht haben.

Waren im Jahr 2006 noch 5,5 Prozent der Erwerbstätigen von Armut bedroht, sind es im vergangenen Jahr 9,5 Prozent gewesen. Im Jahr davor waren es 9,7, 2014 noch 9,9 Prozent.

Als armutsgefährdet gilt, wer einschließlich staatlicher Transfers weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens erzielt. Bereits im Sommer hatte die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung in einer Studie auf das verbreitete Armutsrisiko auch unter Beschäftigten hingewiesen. Die Studienautoren kamen zu dem Fazit, dass der Zusammenhang zwischen Beschäftigungswachstum und Armut komplizierter als gemeinhin angenommen sei.

Ein Hintergrund ist, dass das Beschäftigungswachstum in Deutschland auch auf dem Anwachsen der Teilzeitstellen und anderer atypischer Beschäftigungsverhältnisse beruht. Laut Eurostat ist bei Teilzeit- und befristet Beschäftigten das Armutsrisiko deutlich höher. Im vergangenen Jahr waren 15,2 Prozent der Teilzeitbeschäftigten von Armut bedroht. Bei befristet Beschäftigten liegt die Armutsgefährdung bei 20,5 Prozent.

Auch innerhalb dieser Gruppen lag die Armutsgefährdung allerdings vor Jahren noch niedriger, bei Menschen mit Befristungen etwa 2005 erst bei 8,6 Prozent. Und auch bei Vollzeitbeschäftigten stieg die Armutsgefährdung in Deutschland von 3,5 Prozent im Jahr 2005 auf 6,5 Prozent in 2016.

Die stellvertretende Vorsitzende der Linksfraktion, Sabine Zimmermann, hatte auf die Trends aufmerksam gemacht. „Nach wie vor sind viel zu viele Menschen in Deutschland arm trotz Arbeit“, sagte sie. Der Mindestlohn müsse erhöht, Leiharbeit und sachgrundlose Befristungen sollten abgeschafft werden. (dpa)

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Leser-Kommentare

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Insgesamt 10 Kommentare

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  1. Beutesachse

    Etwas mehr Qualifikationsschutz bei älteren Arbeitslosen und weniger Altersdiskriminierung am Arbeitsmarkt würden schon mal helfen...

  2. Berg

    Grund für diese Entwicklung ist auch, dass dieses "mittlere Einkommen" ständig steigt, so dass auch die 60% davon immer höher werden. Mit anderen Worten: die immer mehr werdenden Reichen sind die Berechnungsgrundlage für Armut der niedrigen Einkommen. Und es werden ja auch die absoluten Zahlen/Einkommen nie genannt, sondern nur die Prozente, um dem Ganzen einen negativen Anstrich zu verpassen. Außerdem ist fast jeder in Entwicklung und durchläuft am Anfang der Berufstätigkeit erst einmal eine Zeit mit niedrigem Einkommen, bevor die ersten Karrierestufen erklommen werden. Und wenn das jeden Zehnten betrifft, dann ist das ein normaler Anteil. Diese entwickeln sich und sind nächstes Jahr schon raus aus der Armut. ;-(

  3. SI

    @Berg: Sie wissen schon, dass hierfür das Medianeinkommen als Berechnungsgrundlage dient? Dabei handelt es sich nicht um den Durchschnitt! Wenn nämlich die 50% oberhalb des Medianeinkommens mehr verdienen, darunter aber alles beim Alten bleibt, verschiebt sich das Medianeinkommen nicht nach oben. Deshalb wird es auch für diese Berechnung als Grundlage genommen, da es aussagekräftiger als das Durchschnittseinkommen ist. Im übrigen würde auch eine AfD, die hier bei den SZ-Kommentatoren so beliebt ist, nichts zur Verbesserung der Lage beitragen. Im Gegenteil, würden die Punkte aus deren Programm umgesetzt, sähe es noch finsterer aus. Da lob ich mir doch die Forderungen der Linken.

  4. xy

    Irgendwie vermisse ich in diesem Artikel einen konkreten Wert für das angesprochene mittlere Einkommen.

  5. bernoi

    Und es betrifft vor allem auch Berufe mit einer hohen Verantwortung und Fürsorge, die benötigt werden, also im Rettungswesen, Gesundheitswesen (Pflege und Behindertenbetreuung) ...ich selbst habe mir einen Beruf ausgesucht der mich glücklich macht Behinderte zu betreuen und zu pflegen, aber aufgrund von Abgaben und Wohnungsmiete, Versicherungen bleibt nicht mehr viel Luft für große Sprünge, achso ich hab vergessen zu sagen, dass ich auch auf vieles verzichte weil ich noch in eine private Rentenvorsorge einspare, damit meine Altersarmut ab Rente mit 75 etwas weniger arm aussieht, sonst hätte ich trotz 60 Jahre Arbeit nur etwas mehr als Hartz4 Satz...naja, ich wollte eben kein Immobilienmakler oder Rechtsanwalt werden, selber schuld, also muss man mit Geringverdienst auskommen und nicht jammmern

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