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Samstag, 07.10.2017

Arbeit am Verstorbenen

Medizinische Sektionsassistenten finden heraus, woran jemand gestorben ist. Deutschlandweit gibt es nur zwei Ausbildungsstellen.

Von Teresa Nauber

Der Weg zur Obduktion ist tägliche Arbeitsaufgabe: Lucie Fechner absolviert an der Berliner Charité eine Ausbildung zur Sektionsassistentin. Foto: dpa/Alexander Heinl
Der Weg zur Obduktion ist tägliche Arbeitsaufgabe: Lucie Fechner absolviert an der Berliner Charité eine Ausbildung zur Sektionsassistentin. Foto: dpa/Alexander Heinl

© dpa-tmn

Es gibt diesen Moment, wenn die Säge auf die Schädelplatte eines Menschen trifft: ein kreischendes, surrendes Geräusch. Das muss man schon aushalten können, wenn man eine solche Arbeit wie Lucie Fechner wählt. Die 24-Jährige präpariert Leichen. Sie steht kurz vor dem Abschluss ihrer Ausbildung zur medizinischen Sektionsassistentin.

Wenn ein Mensch stirbt, ist es manchmal notwendig, genau nachzusehen, woran es lag. Nicht nur nach einem Verbrechen, sondern auch im Krankenhaus. War entweder der Verstorbene oder sind seine Angehörigen einverstanden, wird die Leiche in den Sektionssaal des pathologischen Instituts gebracht und dort von einem Sektionsassistenten in Empfang genommen. 200 bis 300 mal pro Jahr geschieht das in der Pathologie der Berliner Charité, wo Lucie Fechner ihre Ausbildung absolviert.

Die junge Frau bereitet dann alles für die sogenannte Sektion vor. Sie öffnet den Körper des Toten mit einem Skalpell und legt zum Beispiel das Organ, das untersucht werden soll, Stück für Stück frei. Haut, Fett, darüberliegende Strukturen nimmt sie vorsichtig heraus, bis sie da angekommen ist, wo die vermutete Todesursache liegt. „Das kann zum Beispiel ein Thrombus – also eine Verkalkung – in einem Gefäß sein“, sagt Fechner. Rund fünf Stunden dauert so eine Sektion.

„Sektionsassistenten machen aber noch viel mehr“, so Anistan Sebastiampillai, der die neuen Assistenten an der Charité ausbildet. Sie betreuen die Angehörigen der Verstorbenen, sie dokumentieren, was der Facharzt gesehen hat, sie tragen die Verantwortung für den Sektionssaal, und sie bereiten die Leichen nach einer Sektion für den Bestatter vor.

„Man muss sehr schnell umschalten können“, sagt Sebastiampillai. In einem Moment hat man noch eine Lunge vor sich, die fachgerecht für die Lehre aufbereitet werden muss, im nächsten Moment stehen Angehörige vor der Tür, die sich von einem geliebten Menschen verabschieden möchten. „Da ist Fingerspitzengefühl gefragt, das man den Azubis nicht beibringen kann. Sie müssen das ein Stück weit mitbringen.“

Wenn Sebastiampillai Kandidaten für die einjährige Ausbildung auswählt, achtet er deshalb vor allem auf ihre soziale Kompetenz. 200 Bewerbungen erreichen ihn im Schnitt. Neben der Berliner Uniklinik gibt es deutschlandweit nur noch eine weitere Schule, die Sektionsassistenten ausbildet: das Walter-Gropius-Berufskolleg in Bochum. Dort werden allerdings sogenannten Präparationstechnische Assistenten für Medizin, Biologie oder Geowissenschaften ausgebildet. Dort dauert die Ausbildung auch nicht nur zwölf Monate, sondern drei Jahre. Mitbringen müssen die Kandidaten in Bochum einen mittleren Schulabschluss, für die Ausbildung in Berlin genügt ein Hauptschulabschluss.

Sebastiampillai lädt 50 Kandidaten zum Probearbeiten ein. Er drückt ihnen ein Skalpell in die Hand und lässt sie an einem Organ arbeiten. „Ich sehe schnell, ob jemand handwerklich geschickt ist.“ Noch wichtiger sei aber, dass der Anwärter respektvoll mit dem Präparat umgeht. „Wir arbeiten an Menschen“, sagt der Ausbildungsleiter. „Dass sie tot sind, spielt keine Rolle. Es bleiben Menschen, denen wir mit Respekt begegnen.“

In Sachsen arbeiten nach Angaben der Arbeitsagentur derzeit rund 50 Personen in der biologischen Präparation – darunter ein kleiner Teil als Sektionsassistent. „In den vergangenen Jahren blieb die Beschäftigungssituation in diesem Beruf recht stabil“, so Agentursprecher Frank Vollgold. Weil es sich um einen äußerst seltenen Beruf handelt, sind die Arbeitslosenzahlen sehr gering. Was Interessierte wissen sollten: Die Ausbildung bei Sebastiampillai ist kostenpflichtig. Außerdem müssen die Lehrlinge sowohl an der Charité als auch am Walter-Gropius-Berufskolleg die Zeit ohne Einkommen überbrücken.

Fechner, die drei Jahre Berufserfahrung als medizinische Fachangestellte hat, entschied sich unter anderem deshalb für die kompakte Ausbildung in Berlin. Die Ausbildungskosten und Geld zum Leben hatte sie vorher angespart. Nach ihrer Ausbildung werden Medizinische Sektionsassistenten in anatomischen, pathologischen und rechtsmedizinischen Instituten angestellt, erklärt Susanne Eikemeier von der Bundesagentur für Arbeit. Die gibt es zum Beispiel an Unikliniken, Krankenhäusern oder Laboren. Auch Gewebebanken beschäftigen die Absolventen. Im medizinischen Bereich liegt das Einstiegsgehalt meist bei rund 2 400 Euro brutto, sagt Sebastiampillai. In leitender Funktion sind es rund 2 600 Euro. Probleme, seine Lehrlinge unterzubringen, hat der Ausbildungsleiter so gut wie nie. Weil es nur so wenige Ausbildungsplätze gibt, sind die Absolventen gefragt. (dpa)

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