• Einstellungen
Samstag, 02.09.2017

Arbeit am Gast

Hotelfachleute brauchen Menschenkenntnis. Rund 30 Prozent der 20 000 Azubis sind Abiturienten. Es gibt noch Ausbildungsplätze – auch in Sachsen.

Von Verena Wolff

Sommelier Lars Hentschel (l.) weiht Henry Grote in die Kunst der Weinproben ein. Der angehende Hotelfachmann lernt im noblen „Atlantic“ in Hamburg. Foto: dpa/Markus Scholz
Sommelier Lars Hentschel (l.) weiht Henry Grote in die Kunst der Weinproben ein. Der angehende Hotelfachmann lernt im noblen „Atlantic“ in Hamburg. Foto: dpa/Markus Scholz

© dpa-tmn

Henry Grote hat die Augen überall. Ist die Serviette richtig gefaltet? Liegt das Silberbesteck an der korrekten Stelle? Braucht ein Gast Hilfe? Der 22-Jährige wird Hotelfachmann, er ist in seinem letzten Lehrjahr im Hamburger Traditionshotel „Atlantic“, das vom Kempinski-Konzern gemanagt wird.

„Mir macht es Spaß, mich um die Gäste zu kümmern“, sagt der gebürtige Westfale. Nach dem Abitur ging er ein Jahr nach Florida und arbeitete dort im Disney-Park Epcot. Das war die ideale Vorbereitung auf seinen heutigen Job: „Wir sind immer auf der Suche nach Charakteren für unser Haus, Persönlichkeiten mit Ecken und Kanten“, sagt Sophia Funk, Personalchefin des „Atlantic“. Angehende Hotelfachleute könnten sich wie Henry Grote durchaus erst einmal aufmachen, um die Welt zu bereisen oder ein soziales Jahr einzulegen und sich danach bewerben. „Denn so erlernt man die Fähigkeiten, mit Menschen umzugehen und für Menschen da zu sein“, sagt Funk. Und gesucht würden gute Fachleute mit Praxiserfahrung überall. Knapp 4 000 arbeiten in Sachsen in dem Beruf. Laut Arbeitsagentur sind die Beschäftigungszahlen in den vergangenen Jahren leicht gestiegen. Allerdings gab es Ende Juli auch über 140 freie Stellen.

Für sächsische Hoteliers werde es seit einigen Jahren immer schwieriger, Fachpersonal zu finden, sagt Lars Fiehler, Sprecher der IHK Dresden. Wegen der anhaltend guten Lage am Arbeits- und Ausbildungsmarkt wählten viele Jugendliche andere Berufe, „insbesondere mit Hinblick auf Dauer und Planbarkeit von Arbeitszeiten, geringeren saisonalen Einflüssen und der Bezahlung“, so Fiehler.

Letztere ist, wie Zahlen des Deutschen Industrie- und Handelskammertages belegen, mittelmäßig: durchschnittlich 672 Euro pro Monat verdienen Auszubildende demnach in den alten Bundesländern im ersten Jahr, in den neuen Bundesländern 572 Euro. Im dritten Jahr sind es 862 beziehungsweise 728 Euro. Im „Atlantic“ beginnen die Lehrlinge mit 710 Euro, im letzten Lehrjahr gibt es 900 Euro.

Im Freistaat verdienen Auszubildende zum Hotelfachmann laut Dehoga Hotel- und Gaststättenverband Sachsen im ersten Lehrjahr 640, im zweiten 710 und im dritten 790 Euro. Verpflegung bekommen sie oft in ihrem Hotel, auch gibt es Mitarbeiterunterkünfte. „Sonst wäre es gerade in den großen Städten und den beliebten Urlaubsorten schwierig“, so Sandra Warden, Geschäftsführerin beim Bundesverband des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes. 36 Monate dauert es bis zum Facharbeiter. Nach Angaben der IHK haben zum Beginn des neuen Ausbildungsjahres im Raum Dresden rund 140 junge Menschen einen Ausbildungsvertrag unterschrieben, in den Kammerbezirken Chemnitz und Leipzig jeweils rund 70.

Im Hotel muss jeder Lehrling alles machen, was anfällt – sowohl im operativen als auch im administrativen Bereich. Grote arbeitet am liebsten direkt „am Gast“, wie das in der Branche heißt. Trotzdem hat er „auf der Etage“ auch Betten gemacht und Zimmer geputzt. Zudem gehörte es zu seinen Aufgaben, in der Frühstücksküche das Essen zuzubereiten, in der Warenwirtschaft zu arbeiten, bei der Planung von Konferenzen zu helfen und bei Banketten zu bedienen. Vertrieb, Marketing, Veranstaltungsverkauf, der Empfang und der Gästeservice standen auf seiner Liste. Und einen Monat lang war er in Frankfurt in zwei anderen Kempinski-Hotels. Das sei ein Vorteil, wenn Auszubildende bei einem internationalen Unternehmen oder einem Kettenhotel arbeiten, sagt Warden. Dennoch sei die eine Ausbildung nicht zwangsläufig besser als die andere: „Es gibt inhabergeführte Hotels, in denen die Lehrlinge fast schon zur Familie gehören und eine hervorragende Schule durchlaufen.“

Urlaubs- oder Businesshotel, ein Haus, das viele Veranstaltungen ausrichtet oder eines, das sich ganz auf Familien konzentriert: Ausbildungsmöglichkeiten gibt es überall, aber Hotel und Auszubildende sollten zusammenpassen. Ein bestimmter Schulabschluss ist zwar nicht vorgeschrieben. Es reichen Hauptschulabschluss oder mittlere Reife. Doch rund 30 Prozent der 20 000 Auszubildenden im Hotelfach sind Abiturienten. Trotzdem: Es komme viel mehr auf die Soft Skills an als auf Deutsch- und Mathenoten, sagt Warden. „Aufgeschlossenheit, Zuverlässigkeit, Flexibilität, Organisationstalent, sprachliche Fähigkeiten, Mobilität – das sind alles Dinge, die wichtig sind.“ Laut Rita Fleischer von der IHK Leipzig herrscht auf dem Ausbildungsmarkt zu Beginn des Lehrjahres eine starke Fluktuation. Wer also noch einen Platz sucht, für den könnte sich ein Blick auf die Lehrstellenbörse der IHK lohnen. (dpa/mit rnw)

Desktopversion des Artikels