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Mittwoch, 12.04.2017

Angriff auf den Fußball

Die Detonationen von Dortmund waren ein gezielter Anschlag. Fußball gespielt wird trotzdem.

„Keine Bombe kriegt uns klein! BVB wird ewig sein“ ist an einem Dortmunder Zaun zu lesen.
„Keine Bombe kriegt uns klein! BVB wird ewig sein“ ist an einem Dortmunder Zaun zu lesen.

© dpa

Karlsruhe. Die Wittbräucker Straße schlängelt sich durch den Dortmunder Süden, der die schöne Seite des Ruhrpotts zeigt. Einige Lichtungen geben den Blick auf den Hengsteysee ins idyllische Ruhrtal frei, die Wälder und Felder bilden den Kontrast zu den Teilen der Stadt, in der noch die Vergangenheit von Kohle und Stahl, von Staub und Dreck zu erahnen ist.

Explosionen am Mannschaftsbus von Borussia Dortmund

Bei Dortmundern ist die Wittbräucker Straße als „Fressmeile“ bekannt. Einige der besten Restaurants sind hier zu finden, auch das „Vivre“. Die Werbung verspricht „exklusive Speisen in Spitzenqualität“. Wer an diesem Mittwoch auf „Zweierlei vom Thüringer Duroc“ oder „Tortellini vom Hokkaido“ hofft, muss sich zumindest gedulden. „Die Öffnungszeit haben wir von 16 Uhr auf 18 Uhr verschoben. Aber wir wissen nicht, ob das zu halten ist“, sagt eine Mitarbeiterin.

Das Vivre ist das Restaurant des Hotels „l’Arrivée“, einem der am Mittwoch am besten bewachten Orte Deutschlands. Die Polizisten stehen mit Maschinenpistolen an den Sperren auf der Wittbräucker Straße. Sie ist im Abschnitt vor dem Hotel weiträumig gesperrt. Journalisten werden von Einsatzwagen in die Nähe der Einfahrt gebracht, in der am Dienstag um 19.15 Uhr drei Sprengsätze explodiert sind. „Das hat dermaßen geknallt, dass das ganze Haus gewackelt hat. Ich bin vor Schreck vom Toilettentopf gefallen“, sagt Elvira Drees, die in der Wittbräucker Straße wohnt. Sie sei nochmal kurz am Hotel vorbeigekommen, weil sie „für die Mannschaft eine Kanne Kaffee gekocht hat“. Die Spieler hätten sich gefreut.

„Es war ein gezielter Angriff auf den Mannschaftsbus des BVB“, sagt Dortmunds Polizeipräsident Gregor Lange noch in der Nacht, „deshalb haben wir auch sofort eine Vollalarmierung ausgelöst.“

An Fußball noch am selben Abend ist zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr zu denken. Gut eine Stunde nach der Explosion wird das Viertelfinale der Champions League zwischen Borussia Dortmund und AS Monaco offiziell abgesagt und auf Mittwoch verschoben. „Wir werden alles Menschenmögliche tun, um das Spiel sicher ablaufen zu lassen“, so der Polizeipräsident, „es wird einen Großeinsatz geben.“

Solidarität für den BVB

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Der Sprecher der Bundesregierung, Steffen Seibert, wünschte dem bei der Detonation von drei Sprengsätzen verletzten BVB-Spieler Marc Bartra rasche Genesung. „Gute Besserung, MarcBartra“, schrieb Seibert am Dienstagabend bei Twitter. „Große Reaktion der Monaco-Fans. Heute Abend stehen alle zum BVB.“

Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) dringt auf rasche Aufklärung. „Meine Gedanken sind bei der Mannschaft“, wurde der CDU-Politiker am Dienstagabend über den Twitter-Account seines Ministeriums zitiert. „Jetzt gilt es die Hintergründe aufzuklären. Ich hoffe, dass morgen wieder der Fußball im Mittelpunkt steht.“

Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) sprach auf Twitter von einer „schockierenden Nachricht“. Auch Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) drückte ihre Anteilnahme aus.

Solidarität kam auch vom AS Monaco, gegen den der BVB am Dienstagabend in Dortmund in der Champions League spielen sollte. Das Team drückte in einer Mitteilung seine volle Unterstützung für die Dortmunder aus.

Viele Bundesliga-Rivalen bekundeten ihre Unterstützung. „In solchen Momenten hält man im Revier fest zusammen“, schrieb der FC Schalke 04 auf Twitter. Schalke-Kapitän Benedikt Höwedes betonte: „Getrennt in den Farben, vereint gegen Gewalt! Alles Gute, MarcBartra und dem gesamten Team des BVB! Ich hoffe, es geht euch gut!“

Tabellenführer FC Bayern München twitterte: „Alles Gute, MarcBartra und dem gesamten BVB!.“ Von Bayer Leverkusen hieß es: „Geschockt von den Nachrichten aus Dortmund! Wir wünschen dem BVB und MarcBartra alles erdenklich Gute!.“ Ähnlich äußerten sich 1899 Hoffenheim und der VfL Wolfsburg via Twitter. „Wir denken an euch“, schrieb der VfB Stuttgart.

Auch international erfuhr der BVB Solidarität. „Wir denken an diesem Abend an alle unsere Freunde beim BVB“, twitterte der Liverpool FC. Bei den Engländern sitzt der frühere Dortmund-Coach Jürgen Klopp auf der Trainerbank.

Der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), Thomas Bach, teilte mit: „Heute stehen alle Sportfans vereint hinter BVB.“

BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke berichtete: „Die ganze Mannschaft ist in einer gewissen Schockstarre. Wir müssen versuchen, das in irgendeiner Weise zu kanalisieren. Das wird nicht einfach, wir müssen morgen spielen. Solche Bilder bekommst du nicht aus dem Kopf raus.“

Wer die Sprengsätze gezündet hat und warum, dazu sei es zu früh, um etwas zu sagen. Ein paar Stunden später übernimmt der Generalbundesanwalt die Ermittlungen. Sprecherin Frauke Köhler tritt am Mittwochnachmittag vor die Presse: „Aufgrund der Tatmodalitäten ist von einem terroristischen Anschlag auszugehen. Wir halten einen islamistischen Hintergrund für möglich.“

Darauf deuteten drei wortgleiche Bekennerschreiben hin, die schnell nach den Detonationen gefunden werden. Sie beginnen so: „Im Namen Allahs, des Gnädigen, des Barmherzigen.“ Gefordert werden darin, „Tornados aus Syrien“ abzuziehen und: „Ramstein Air Base muss geschlossen werden.“ Ramstein ist ein Dorf in Rheinland-Pfalz. Die Luftwaffe der Vereinigten Staaten soll von dort aus den Drohnenkrieg in Syrien steuern. Vielleicht, so mutmaßen Ermittler, soll mit den Schreiben auch eine falsche Spur gelegt werden.

Die Bundesanwaltschaft hat Wohnungen durchsuchen lassen und zwei Verdächtige „aus dem islamistischen Spektrum“ im Visier. Einer davon sei vorläufig festgenommen worden, ob Haftbefehl erlassen werde, müsse geprüft werden, sagt Frauke Köhler. Sie gibt Details zu den Sprengsätzen preis: „Sie waren mit Metallstiften bestückt. Einer der Stifte hat sich in eine Kopflehne des Busses gebohrt. Insofern können wir von Glück reden, dass nicht mehr passiert ist.“

Aus der ganzen Welt gibt es Solidaritätsbekundungen für Borussia Dortmund. Bundeskanzlerin Angela Merkel telefoniert am Mittwochmorgen mit Hans-Joachim Watzke, dem Geschäftsführer des BVB, und lobt das Verhalten der Vereine, der Polizei und der Fans beim besonnenen Abgang aus dem Stadion. Die Kanzlerin lässt sich zitieren: „Das ist eine widerwärtige Tat.“

Rechts hinten im Mannschaftsbus hat Marc Bartra gesessen. Der Verteidiger ist einer von zwei Verletzten, die der Anschlag gefordert hat. Ein Polizist auf einem Motorrad, das den Bus – wie üblich – zum Stadion eskortieren sollte, hat ein Knalltrauma erlitten. Er sei dienstunfähig, schreibt die Polizei. Auch Bartra wird seinen Beruf in den nächsten Wochen nicht ausüben können. „Bruch der Speiche im rechten Handgelenk und diverse Fremdkörpereinsprengungen“, teilt der BVB als Diagnose mit. „Wir haben gehört, dass die Operation gut verlaufen ist“, sagt Vereinspräsident Reinhard Rauball.

Die Kollegen von Bartra treffen sich am Mittwochmorgen, um sich auf eines der wichtigsten Spiele der Saison vorzubereiten. Die Chance ist da, unter die besten vier Mannschaften Europas zu kommen. Aber wie soll sich jemand darauf konzentrieren, wenn ihm kurz zuvor Nägel am Kopf vorbeigeflogen sind?

Ein knapper Tag liegt zwischen dem Anschlag und dem Anstoß. Anders sei es nicht gegangen. Sportlicher Erfolg bringt Terminnot. Die nächsten Wochen sind gepflastert in den Ligen und Pokalwettbewerben. Als Geschäftsführer Watzke am Mittwoch um 9.50 Uhr auf das Trainingsgelände im Stadtteil Brackel rollt, stehen schon fünf Einsatzwagen der Polizei vor dem Zaun. Die Botschaft des Bosses teilt der BVB über die sozialen Medien mit: „Ich habe gerade in der Kabine an die Mannschaft appelliert, der Gesellschaft zu zeigen, dass wir vor dem Terror nicht einknicken.“

Am Mittag bittet Trainer Thomas Tuchel seine Profis für eine halbe Stunde auf den Platz. „Anschwitzen“ heißt das neuerdings. Manche Spieler verlassen das Gelände danach mit dem eigenen Wagen. Noch ein paar Stunden bis zum Anpfiff eines denkwürdigen Spiels.

Lucas, Abderamane, Kevin und Charaf wären um diese Zeit schon längst wieder zu Hause in Paris gewesen. Zwei der vier Jungs hätten arbeiten müssen. Sie sitzen aber um 12 Uhr bei Stefan Kilmer am Frühstückstisch. Der Dortmunder hat, wie viele andere auch, Betten für Auswärtsfans angeboten, die nach der Spielabsage eine Bleibe gesucht haben. Die Aktion läuft bei Twitter unter dem Hashtag #bedforawayfans und zeigt, was der Fußball auch kann.

„Eine halbe Stunde nach meinem Angebot waren die vier hier“, sagt Kilmer. Kevin, 23 Jahre alt, ist ein Fan von Monaco, Charaf, 20, unterstützt den BVB. Die beiden anderen sind mitgefahren, weil sie Spaß daran haben, mit ihren Freunden Fußball zu sehen. Diese eine Fahrt wird ihnen lange in Erinnerung bleiben. Am Abend nach dem verlorenen Spiel haben sie in Köln noch einen Termin beim Fernsehen. Zwischen all den Terrorexperten, die nun schon wieder im Zusammenhang mit Fußball auf den Plan gerufen worden sind, geben sie ein gutes Bild ab.