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Montag, 13.11.2017

Amulett bringt Familie zusammen

Archäologen fanden das Schmuckstück im ehemaligen Vernichtungslager Sobibor. Dann machten sie die weltweit verstreute Familie eines ermordeten jüdischen Mädchens aus Frankfurt ausfindig.

Eine Nachbildung des Anhängers von Karolina Cohn.
Eine Nachbildung des Anhängers von Karolina Cohn.

© dpa/Arne Dedert

Frankfurt/Main. Als sie die rosa Rose neben den glänzenden Stolpersteinen ablegt, hält Mandy Eisemann ihren vierjährigen Sohn Levi noch ein bisschen fester im Arm. Sie kann die Tränen nicht mehr zurückhalten, als sie vorsichtig über den Stein mit der Aufschrift „Karolina Cohn“ streicht. Karolina, ein Frankfurter Mädchen, geboren im selben Jahr wie Anne Frank, könnte heute 88 Jahre alt sein - wenn sie den Holocaust überlebt hätte.

Bis zu diesem Frühjahr hatte Mandy Eisemann aus dem US-Bundesstaat Maryland nie diesen Namen gehört. Damals erhielt sie einen Anruf von dem israelischen Ahnenforscher Chaim Motzen - einen Anruf, der sie nun nach Frankfurt zum ehemaligen Wohnhaus der Familie Cohn führte.

„Er erzählte von dem Amulett, von Sobibor. Der Name sagte mir damals gar nichts“, erinnert sie sich. Erst im Laufe des langen Gesprächs verstand sie: Ihr Großvater war ein Bruder von Karolinas Mutter. Er überlebte als einziger der Geschwister den Holocaust. Ihre Großtante Else hingegen war zusammen mit ihrem Mann Richard und den Töchtern Karolina und Gitta am 11. November 1941 von Frankfurt ins Ghetto von Minsk deportiert worden.

Hier hätte sich ihre Spur für immer verloren, hätte nicht der israelische Archäologe Yoram Haimi im vergangenen Jahr ein Amulett mit Karolinas Geburtsdatum und dem Ortsnamen Frankfurt am Main gefunden. Nachforschungen ergaben: Am 3. Juli 1929 wurde in Frankfurt nur ein jüdisches Mädchen geboren - Karolina Cohn.

Haimi ist seit zehn Jahren in Sobibor und führt dort zusammen mit seinem polnischen Kollegen Wojciech Mazurek Grabungen durch. Der Fund - und die namentliche Identifizierung des Mädchens - war eine kleine Sensation. Sobibor war ein deutsches Vernichtungslager im besetzten Polen, die Opfer wurden nicht namentlich erfasst.

„Wir hoffen immer, dass wir den Opfern die Namen zurückgeben können“, sagt Archäologe Mazurek. „Aber bis jetzt konnten wir nur fünf Namen identifizieren.“ Das sind fünf der bis zu 250 000 in Sobibor ermordeten Menschen - wobei nicht klar ist, ob Karolina in Sobibor ermordet wurde oder im Ghetto ums Leben kam.

Die Spur von Frankfurt nach Sobibor, sie sollte nicht mit all den Fragezeichen enden. Ahnenforscher Motzen, selbst Enkel von Holocaust-Überlebenden, machte sich auf die Suche nach Cousins, Cousinen, entfernten Angehörigen. Er fand mehr als 100 - in den USA und in Israel, in Italien, Großbritannien, sogar in Japan. Manche von ihnen wussten nicht einmal, dass sie jüdische Wurzeln hatten.

Barry Eisemann, Mandys Vater, aus Arlington im US-Bundesstaat Virginia ist als direkter Neffe von Else Cohn einer der nächsten noch lebenden Verwandten von Karolina. „Mein Vater hat nie von seiner Familie erzählt - und ich habe mich nicht getraut, ihn zu fragen“, gibt der 72-Jährige zu.

Der Anruf von Chaim Motzen bot die Chance, die verschüttet geglaubte Familiengeschichte doch noch zu entdecken. „Ich habe zu Mandy gesagt: Pack‘ Deine Sachen, wir fahren da hin“, lächelt der hagere Mann mit den schütteren grauen Haaren und nimmt seine Tochter liebevoll in den Arm. „Das ist alles schon sehr aufwühlend und emotional.“

„Plötzlich sind wir so eine große Familie“, sagt Mandy Eisemann. Die losen Fäden, die sie bisher kannten, wurden plötzlich zu einem großen Netzwerk. Sie hat ihre drei Kinder mitgenommen nach Frankfurt. „Vielleicht verstehen sie all das heute noch nicht so richtig“, sagt sie mit Blick auf den kleinen Levi. „Aber es ist Teil ihrer Identität, und eines Tages werden sie erkennen, wie wichtig dieser Tag war.“ (dpa)

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