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Dienstag, 17.04.2018

„Am Fenster“ war ein Zufallsprodukt

Von Katrin Demczenko

Toni Krahl, die Stimme der Kultband „City“, unterhielt das Publikum im Speicher Nr.1 mit Geschichten aus seinem Leben und unsterblichen „City“-Hits.Foto: Katrin Demczenko
Toni Krahl, die Stimme der Kultband „City“, unterhielt das Publikum im Speicher Nr. 1 mit Geschichten aus seinem Leben und unsterblichen „City“-Hits. Foto: Katrin Demczenko

Hoyerswerda. Eine Reise in Geschichte und Gegenwart des Ost-Rock unternahmen am Sonntagabend die Besucher des ausverkauften Hoyerswerdaer Diners Speicher No. 1. Toni Krahl, der Sänger der Kultband „City“, erzählte in einer musikalischen Lesung Geschichten aus seinem Leben, die er in seiner Autobiografie „Toni Krahls Rock Legenden“ niedergeschrieben hat.

Die erste Geschichte spielte im Jahr 1968, als Toni Krahl als Abiturient, der auch Mitglied einer Schülerband war, die Niederschlagung des Prager Frühlings kritisierte. Die DDR steckte ihn dafür in den Knast und der einzige Weg hinaus hieß: „Bewährung in der Produktion“. Rockmusiker zu werden war keine vorgesehene Karriere-Möglichkeit, erzählte Toni Krahl.

Dass er diesen Weg dennoch gehen konnte, wollte der Zufall, weil die Berliner Band „City“ im Jahr 1975 einen Sänger suchte und er sich meldete. Er kam mit seiner Reibeisenstimme an, und die Musiker wurden schnell zu einer führenden Gruppe der DDR-Rockmusik. Schon ihr erstes Album mit dem Titelsong „Am Fenster“ erreichte 1977 nicht nur viele Fans im Osten, sondern erschien auch in der BRD. „Es war mehr als nur ein Türöffner“, so Toni Krahl, denn dieser Erfolg ermöglichte eine erste Tournee durch die Bundesrepublik.

Das Lied selbst sei eher ein Zufallsprodukt gewesen, erfuhr das Publikum im Spreicher Nr. 1. Eines Tages, so erzählte Toni Krahl, spielte Bassist Georgi Gogow im Probenraum Geige. „Keiner von uns wusste, dass er das Instrument an einem Konservatorium in Bulgarien erlernt hatte, und umso mehr faszinierte uns die Melodie.“ Aus dieser Improvisation entstand der Titel, ein Gedicht der Lyrikerin Hildegard Maria Rauchfuß passte perfekt dazu – und so erhielten die Band „City“ und der DDR-Rock einen der größten Hits.

Klar hätten die Musiker nach bejubelten Auftritten im Westen bleiben können, erzählte Toni Krahl, aber auf seine Heimat in Ost-Berlin und die Familie wollte er nicht verzichten. So sei die Gruppe eben immer wieder nach Hause gekommen. Je länger „City“ in der DDR Musik gemacht hat, desto mehr nutzte die Band ihre Möglichkeit, den Menschen in ihren Texten Wahrheiten sagen zu können. Das Album Casablanca kritisierte 1987 sehr offen die fehlende Freiheit im Land. Zuerst erschien die LP, aber als die DDR-Oberen den brisanten Inhalt begriffen, verschwand sie vom Markt. „Wir waren gerade in der BRD auf Tour, als wir es erfuhren“, erinnerte sich Toni Krahl. Und diesem Unheil konnte nur ein geharnischter Anruf im Kulturministerium abhelfen. „Wir bleiben im Westen, wenn die Platte nicht wieder erscheint“, drohte er – und der LP-Verkauf ging weiter.

Schon 1986 begann mit dem Projekt Gitarreros eine Zusammenarbeit von DDR-Bands wie „City“, „Silly“, „Karat“ und anderen, die Titel neu arrangierten und in allen Bezirken spielten, erzählte Toni Krahl. 1990/91 betrieben er und sein Bandkollege Fritz Puppel die erste unabhängige DDR-Schallplattenfirma „K&P Musik“, wo vor allem Ostkollegen ihre Musik veröffentlichen konnten. „City“ produzierte damals selbst die LP „Keine Angst“ und bis heute tritt die Ostrock-Kultband erfolgreich auf.

Am 19. Mai sind „City“, „Karat“, „Maschine“ Dieter Birr und Matthias Reim als „Rocklegenden“ auf der Hutbergbühne Kamenz zu erleben, ließ Toni Krahl bei dieser Gelegenheit wissen – nachdem er für die Besucher im Speicher No. 1 auch einige der unsterblichen „City“-Hits gesungen hatte.