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Mittwoch, 15.11.2017

Am Brett aus Liebe – online fürs Konto

Schachkönig Magnus Carlsen zieht beim Auftritt in Hamburg kleine und große Fans in seinen Bann. Anschließend umzingelt ihn die Zahnspangenfraktion.

Von Andreas Frank

Er geht beim klassischen Spiel liebevoll mit den Figuren um – anders als bei virtuellen Partien dank seiner App oder gegen Computer.
Er geht beim klassischen Spiel liebevoll mit den Figuren um – anders als bei virtuellen Partien dank seiner App oder gegen Computer.

© dpa

Als sich die schwere Tür des Green Rooms quälend langsam einen Spalt weit öffnete und Magnus Carlsen vorsichtig herauslugte, war das für mehr als ein Dutzend weiblicher Schach-Teenies wie ein höheres Zeichen. Mit silbernen Spangen auf den Zähnen und bewaffnet mit Kugelschreibern und rosa Notizblöcken weitete sich die Belagerung des Weltmeisters zu einer Umzingelung aus.

Beim Showauftritt mit 13 Simultanpartien herrschte noch fast andächtige Ruhe im hanseatisch-gediegenen Hotel Atlantic. Damit war es anschließend ruckzuck vorbei. So unscheinbar der kleine Norweger mit Konfirmandenanzug und Nerdbrille daherkam, so enthusiastisch feierte die Brett-Community den Champion der 64 Felder.

Der gerade mal 26-jährige Skandinavier fegte die Amateure binnen einer halben Stunde Bedenkzeit von den Brettern. Sie bekamen hautnah zu spüren, wie chirurgisch-präzise der als bisher bester Schachspieler der Geschichte geltende Carlsen seine Gegner analysiert und anschließend förmlich seziert. „Nur physisches Schach ist wirklich tiefes Schach. Ein wahrer Wettstreit der Ideen“, heißt sein Credo.

Das hält den Multimillionär nicht davon ab, auch online eine Menge Geld zu verdienen – mit lukrativen Spielen gegen Computer, aber auch dank seiner neuen App. Da können Amateure gegen ihn antreten – wahlweise beispielsweise auch auf dem Level Carlsens als Fünfjähriger. Für Anfänger ist wahrscheinlich das bereits eine zu hohe Hürde.

Dennoch: Eine echte Liebe hat sich bei Carlsen offenbar nur zur traditionellen haptischen Variante mit Holzfiguren entwickelt. „Bei Computern fehlt mir das psychologische Moment. Maschinen kann ich nicht überraschen oder erschrecken“, betont er. Das gelingt ihm bei seinen Gegnern aus Fleisch und Blut regelmäßig.

Ab und zu schafft Carlsen es sogar trotz oder gerade wegen menschlicher Schwächen. „Müdigkeit am Brett nach einer zu kurzen Nacht macht mich hin und wieder besonders kreativ“, erklärte der Basketball-Fan, der seit 2013 den WM-Titel hält. „Wenn ich – aus welchen Gründen auch immer – nicht meiner Intuition folge, mache ich ein schlechtes Spiel.“

Seine seltenen Niederlagen nimmt er äußerlich gelassen hin – zumindest am Brett. Anders kann es bei Onlinespielen zur Ablenkung vom beinahe täglichen Training aussehen. „Da habe ich schon mal den Controller der Playstation zerstört“, meinte Carlsen mit einem fast zärtlichen Blick auf König, Dame, Läufer, Springer und Turm. Ihnen kann Carlsen einen solchen Wutausbruch niemals zumuten. (sid)

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