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Donnerstag, 20.04.2017

Alte Maschine in neuem Zuhause

Am Wochenende ist Dampftreff in Wilsdruff – mit einem weiteren Schmuckstück. Eine wichtige Zutat fehlt aber.

Von Annett Heyse

Hermann Lucas vom Sächsischen Dampfmaschinenverein und seine Mitstreiter machen in Wilsdruff wieder Dampf. In den ehemaligen Produktionsräumen der Möbelfabrik Müller sind mehrere Dampfmaschinen in Funktion zu erleben. Dazu gibt es ein kleines Rahmenprogramm und einen Imbiss.
Hermann Lucas vom Sächsischen Dampfmaschinenverein und seine Mitstreiter machen in Wilsdruff wieder Dampf. In den ehemaligen Produktionsräumen der Möbelfabrik Müller sind mehrere Dampfmaschinen in Funktion zu erleben. Dazu gibt es ein kleines Rahmenprogramm und einen Imbiss.

© Andreas Weihs

Wilsdruff. Es riecht nach Metall, Öl und Dampf. „Schön, nicht wahr?“, fragt Hermann Lucas und schaut etwas nervös zur Tür, durch die feuchte Luft ins Gebäude kommt. Feuchte Luft – das mögen sie hier überhaupt nicht. Am besten sei kühles, trockenes Klima, damit sich kein Kondenswasser auf ihren Schmuckstücken bildet. Denn die können rosten. Und Rost ist das Letzte, was sie hier gebrauchen können. Hier, das ist die ehemalige Möbelfabrik Müller in Wilsdruff. Wo früher Holz zu Abwaschtischen und Buffetschränken verarbeitet wurde, steht mittlerweile eine der größten Dampfmaschinen-Sammlungen Sachsens.

Und sie wird immer umfangreicher. Hermann Lucas führt in den Hauptraum des Sächsischen Dampfmaschinenvereins. Dort schrauben zwei seiner Mitstreiter an einer Einzylinder-Kolbendampfmaschine. „Ein paar Restarbeiten haben wir noch, aber bis zum 22. April ist hier alles fertig“, sagt Hermann Lucas. Dann ist wieder Dampftreff in Wilsdruff. Erstmals wird dabei auch das 60 PS starke Exemplar im Einsatz sein, vor dem er gerade steht.

Gebaut 1907 von Starke & Hoffmann in Schlesien, stand sie ihr Arbeitsleben lang in der Papierfabrik Medingen unweit von Dresden. Erst 1987 wurde die Dampfmaschine außer Dienst genommen. Anfang der Neunzigerjahre zog der Koloss in die Lausitz um und kam dann ins Kraftwerk Hirschfelde, wo er Teil einer Museumsschau wurde. Als das Kraftwerk wegen seines schlechten baulichen Zustands einen Teil der Sammlung schließen musste, sicherten sich die Wilsdruffer die 60-PS-Maschine und setzten sie 2015 um.

„Das heißt, wir haben sie teilweise zerlegt, nach Wilsdruff gebracht und hier wieder zusammengebaut“, schildert Hermann Lucas. Damit sie überhaupt sicher stehen konnte, mussten eine Grube ausgehoben und neue Fundamente gegossen werden. Gut anderthalb Jahre dauerte es vom Umzug bis zu dem Moment, wo sie nun erstmals dem Publikum in Wilsdruff vorgeführt werden kann.

Die Starke & Hoffmann-Maschine ergänzt eine Sammlung, die man inzwischen als sehr umfangreich bezeichnen kann. Mittlerweile stehen hier auch stationäre sowie eine fahrbare Lokomobile, eine Dampfturbine und ein Sägegatter.

Dampfmaschinen ohne Dampf

Vor 17 Jahren begann alles ganz bescheiden. Einige Enthusiasten hatten in der Möbelfabrik ein Relikt aus einer längst vergangenen Industrieepoche entdeckt: eine Dampfmaschine von Vogel & Schlegel. Sie wurde um 1904 in Wilsdruff in der Möbelfabrik aufgebaut. In einem separaten Raum stehend und über das Heizhaus mit Dampf beliefert, trieb sie über zahlreiche Transmissionsriemen die Holzbearbeitungsmaschinen an. Später wurde die Dampfmaschine mit einem Generator gekoppelt, der Strom für die Möbelfabrik produzierte.

Der 2002 gegründete Verein kümmerte sich fortan um die Dampfmaschine und organisiert den Dampftreff im April sowie den Tag des offenen Denkmals in der Fabrik im September. Und die Männer um Fabrik-Erbin Heiderose Müller holten weitere Maschinen nach Wilsdruff. Zur Schau gehört auch eine alte Wäschemangel. „Wer will, kann am Wochenende gerne seine Wäsche zum Rollen mitbringen, wir erledigen das gerne“, wirbt Heiderose Müller.

Wer bei so viel großer Technik den Überblick verliert, kann sich zum Dampftreff aber auch die Modellschau ansehen. Mehr als 40 Modellbauer wollen in der zweiten Etage der Fabrik ihre Miniatur-Dampfanlagen zeigen.

Zudem hat der Verein eine Dauerleihgabe von einem Bastler aus Grimma bekommen. Der inzwischen verstorbene Mann hatte eine Pumpstation zur Wasserversorgung im Muldental nachgebaut – komplett funktionstüchtig. „Die kann man sogar befüllen, heizen und dann in Gang setzen“, erklärt Hermann Lucas. Weil das aber sehr aufwendig sei, treibe man das Modell über Strom an.

Auch die echten Dampfmaschinen werden am Wochenende ohne Dampf auskommen müssen. Der TÜV war kürzlich da und hat Schäden am Heizkessel festgestellt. Nichts Schlimmes, versichert Heiderose Müller, eher ein üblicher Verschleiß. „Aber wir müssen den Kessel reparieren, was in einigen Tagen kaum zu schaffen ist.“ In Bewegung werden alle Maschinen trotzdem sein – per Pressluft.

Der Dampftreff findet am 22. und 23. April von 10 bis 17 Uhr in der Fabrikstraße Wilsdruff statt. Erstmals nach der Winterpause wieder geöffnet ist zudem der Lokschuppen in der Freiberger Straße. Dort ist die Dauerausstellung zur Eisenbahngeschichte im Wilsdruffer Land zu sehen.

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