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Samstag, 12.08.2017 15 Jahre nach dem Jahrhunderthochwasser

Als der Regen nicht mehr aufhörte

Vor 15 Jahren stand die Stadt unter Wasser. Gegenüber der Elbeflut kam Großenhain aber immer noch gut weg.

Von Kathrin Krüger-Mlaouhia

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Die riesigen Wollspindeln – ein Kunstwerk auf der Großenhainer Landesgartenschau – lieferten im Hochwasser ein bizarres Spiegelbild.
Die riesigen Wollspindeln – ein Kunstwerk auf der Großenhainer Landesgartenschau – lieferten im Hochwasser ein bizarres Spiegelbild.

© Archiv/Klaus-Dieter Brühl

Am Osteingang der Gartenschau wurden die Sommerblumen zu Wasserpflanzen. Besucher kamen trotzdem.
Am Osteingang der Gartenschau wurden die Sommerblumen zu Wasserpflanzen. Besucher kamen trotzdem.

© Archiv/Klaus-Dieter Brühl

Maik Häßlich, heute Stadtwehrleiter, damals Gartenschaumitarbeiter, holte Treibholz aus dem Neugraben.
Maik Häßlich, heute Stadtwehrleiter, damals Gartenschaumitarbeiter, holte Treibholz aus dem Neugraben.

© Archiv/Klaus-Dieter Brühl

Viele packten mit an, um den Damm am Naturerlebnisbad zu stabilisieren. Das Bad sollte nicht überfluten.
Viele packten mit an, um den Damm am Naturerlebnisbad zu stabilisieren. Das Bad sollte nicht überfluten.

© Archiv/Klaus-Dieter Brühl

Großenhain. Es war der 12. August 2002, ein Montag. Die Sächsische Zeitung fotografierte Besucher der Landesgartenschau mit Schirmen und fragte: „Heißt es in Großenhain bald Land unter?“ Genau so sollte es kommen – denn der Dauerregen hörte damals nicht auf. Die Landwirte waren die Ersten, denen es wirklich an den Kragen ging. Die Ackerfrüchte wurden auf dem Halm immer nasser, die Maschinen kamen nicht mehr aufs Feld – die Ernte war futsch.

Auch der Gartenschau blieben die Besucher aus. Noch war Staumeister Matthias Jähnig in Radeburg optimistisch, die angekündigten Regenmassen im Speicherbecken fassen zu können. Doch Laga-Geschäftsführer Matthias Schmieder fürchtete schon: „Kommt wirklich eine Hochwasserwelle, dann wird aus den Parkflächen ein See.“ Genauso kam es auch. Einen Tag später hatte sich die Große Röder wie Elbe und Jahna in einen reißenden Strom verwandelt. Aus dem Röderneugraben musste Treibholz entfernt werden, damit sich das Wasser nicht staut. Der Pegel in Radeburg lag höher als 1986 beim großen Silvesterhochwasser. Das war damals der Vergleich.

Dass es eine „Jahrhundertflut“ werden würde, war in Großenhain am 13. August dennoch nicht abzusehen – in Dresden, Meißen bzw. Riesa schon. In Pirna/Sebnitz bezahlte ein Feuerwehrmann seinen Einsatz mit dem Leben, es gab 25 Vermisste. An der Röder wurden aber auch Sandsäcke gestapelt. Der Neugraben drohte gerade im Gartenschaugelände überzulaufen. Der durchgeweichte Damm musste stabilisiert werden. Jeder Tropfen zuviel könnte ihm den Rest geben.

Bauhof- und Gartenschaumitarbeiter sowie die Feuerwehr gaben ihr Bestes. Schon seit Mittwochmittag drückte das Wasser unaufhörlich an mehreren Stellen durch. Am schlimmsten direkt am Regenerationsteich des Naturbades. Die Stadtväter bangten um eines ihrer schönsten Aushängeschilder. Hinweise wurden laut, dass zusätzliche Wassermassen aus unkontrolliert geöffneten Regenwasserflutern großer Unternehmen Richtung Dresden kamen. „Nach den Verursachern wird fieberhaft gefahndet“, hieß es am 14. August. Das Regierungspräsidium hatte sich eingeschaltet.

Der Osteingang der Gartenschau musste gesperrt werden. Die Wasserlandschaft im Laga-Gelände zog aber auch wieder mehr Besucher an. Nach dem Tiefpunkt mit nur 46 verkauften Karten ging es wieder aufwärts: Die Gäste wollten die entstandene Situation sehen und fotografieren. Deshalb wurde die Schau auch nicht geschlossen – der gesamte westliche Bereich mit dem Tal der Gräser war ja weitgehend unbeteiligt. Zum halben Preis wurden nun Besucher gelockt. Doch die nächste Hallenschau war nicht zu realisieren – da die Gärtner ihre Pflanzen nicht anliefern konnten.

„Wir werden sicher nicht Plusminus null aus dieser Katastrophe herauskommen“, sagte der damalige Oberbürgermeister Burkhard Müller. Die Stadt sah ihr erwartetes Ergebnis der Besucherzahlen gefährdet. Es sollte am Ende nicht so kommen. Schon am 15. August konnten die Aufräumarbeiten auf dem Gartenschaugelände beginnen, die Schäden wurden mit „geringer als erwartet“ angegeben. Das Wasser in der Flutrinne war stark zurückgegangen, alle Straßen- und Wegsperren konnten weitgehend aufgehoben werden. Ab 16. August war man wieder im Normalmodus. Doch auch Wohnhäuser wie die Albertmühle hatte das Hochwasser getroffen.

Noch am Abend zuvor wurden am Remonteplatz allerdings von 1000 Großenhainern Sandsäcke gefüllt. Sie waren für den Elbdamm in Nünchritz bestimmt. In kurzer Zeit waren 100 000 Säcke voll. Dennoch musste der Damm am Morgen des 16. August aufgegeben werden. Die Sandsäcke konnten die Fluten nicht halten.

Bis 20. August sollten alle Schulen im damaligen Kreis Riesa-Großenhain geschlossen bleiben. Fußball- und Gartenschauveranstaltungen wurden abgesagt. Vom Hochwasser betroffenen Landwirten wurde erlaubt, Stilllegungs- als Futterflächen zu nutzen. Bei einem Arbeitseinsatz am 17. August wurde der Sandsackwall am Neugraben wieder abgebaut, Blumenkübel und Ausstellungsstücke eingesammelt. Jetzt kam es auf Solidarität mit denen an der Elbe an, die alles verloren hatten. Spendenkonten wurden eingerichtet, Sachspenden ausgeteilt. Doch Großenhain war mit einem blauen Auge davongekommen.