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Mittwoch, 13.09.2017

Ärzte an den Grenzen

Obwohl es fast überall genug Mediziner im Landkreis gibt, herrscht Unzufriedenheit – beim Doktor und beim Patienten.

Von Daniela Pfeiffer

Das Arztehepaar Heidrun Breden-Crocoll und Markus Crocoll in ihrer Gemeinschaftspraxis in Görlitz.
Das Arztehepaar Heidrun Breden-Crocoll und Markus Crocoll in ihrer Gemeinschaftspraxis in Görlitz.

© pawel sosnowski/80studio.net

Aufnahmestopp bis Oktober. „Eigentlich sind wir die Ausweichpraxis für Zuzügler, die keinen Hausarzt finden, sozusagen der Geheimtipp“, sagt Dr. Heidrun Breden-Crocoll. Aber nun ist auch ihre Praxis auf der Görlitzer Augustastraße erst mal so voll, dass nichts mehr geht.

Heidrun Breden-Crocoll ist Allgemeinmedizinerin, bietet zusätzlich Naturheilverfahren an. Ihr Mann, Dr. Markus Crocoll, ist Facharzt für Innere Medizin und Diabetologe, arbeitet ebenfalls als Hausarzt, seit er vom St. Carolus-Krankenhaus in die Praxis seiner Frau kam. Beide sind gerne Arzt, aber trotzdem mit der Situation nicht zufrieden. „Unsere Schwestern draußen müssen so einiges von Patienten abfangen“, sagt sie. Hauptkritikpunkt: Zu lange Wartezeiten. Auf einen Termin in der Regel bis zu vier Wochen. Und wer dann im Wartezimmer sitzt, muss mitunter auch Zeit einplanen. Denn wenn möglich, nehmen sich die beiden Ärzte Zeit für die Patienten. „Leider wissen das nicht alle Patienten zu schätzen“, so Heidrun Breden-Crocoll . Trotz der Ökonomisierung der Medizin gestehe sie sich das zu. Aber dieses Problem sieht sie deutlich, vor allem im Krankenhaus: Es gehe nur noch ums Wirtschaftliche. „Früher war der Chefarzt der Chef, heute ist es der Verwaltungsdirektor“, sagt die 53-Jährige. „Damit haben sich die Kriterien geändert. Ein guter Arzt ist nicht mehr, wer guter Mediziner ist, sondern wer es schafft, möglichst viele Patienten schnell durchzuschleusen.“ Sie seien froh, da in der eigenen Praxis mehr Spielraum zu haben. Obwohl sie vielen Reglementierungen unterworfen seien – ob Arzneimittelbudget oder Begrenzung bei Physiotherapie. Vom Papierkram zu schweigen. Der Dokumentationsaufwand sei hoch, im Zweifelsfall müsse man sich als Arzt ja rechtfertigen. Aber auch das sei im Krankenhaus noch viel schlimmer. „Mein Mann hat mitunter sehr aufwendige Patienten, was das Schriftliche betrifft. Er sitzt auch manchmal am Wochenende da.“ Unter der Woche geht der Arbeitstag oft von 8 bis 20 Uhr. Aber was tun, damit Ärzte wie Patienten zufriedener werden? Antworten zu geben versucht das Ärztenetzwerk Ostsachsen. „Im Landkreis sind in der hausärztlichen Versorgung ohne Frage auch unterversorgte Bereiche zu finden“, sagt Hans-Joachim Tauch, der Netzmanager der Ärzte-Netz Ostsachsen GbR. Es gebe durchaus Bemühungen seitens der Politik, durch Förderprogramme dem negativen Trend gegenzuwirken, etwa durch monatlichen finanziellen Zuschuss an Studenten, die einem späteren Einsatz im ländlichen Raum zustimmen oder durch ein Startkapital für die Errichtung einer Niederlassung. Aber das sind keine schnellen Lösungen. Vor allem nicht bei Fachärzten, die nach der eigentlichen Ausbildung noch längere Zeit stationär arbeiten müssen, bevor sie sich niederlassen könnten.

Dass die Situation für die niedergelassenen Ärzte ebenso unbefriedigend ist, räumt Tauch ein. Das Ärztenetzwerk selbst tue schon einiges, um der angespannten Situation entgegen zu wirken. So haben sich die teilnehmenden Ärzte verpflichtet, fachübergreifend zusammenzuarbeiten, etwa wenn es die Abstimmung zu bestimmten Patienten gehe, um Medikamentencheck oder Terminkoordinierung. Hier will auch die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen (KVS) helfen. Wer Hilfe bei der Suche nach einem Facharzt braucht, kann ein spezielles Servicetelefon anrufen. Vor allem, wer eine ganz dringende Überweisung zum Facharzt hat und keinen findet, kann sich an die KVS wenden.

Unzufriedenheit auf beiden Seiten beobachtet auch die KVS. Dabei zeigen die aktuellen Zahlen gar nicht mal so ein schlechtes Bild. Bei den meisten Fachrichtungen steht in den Tabellen, die der Landesausschuss der Ärzte und Krankenkassen herausgibt, ein Ü. Es steht für Überversorgung. So gibt es im Landkreis unter anderem 174 Hausärzte, 21 Augenärzte, 28 Gynäkologen oder 22 Kinderärzte. Lediglich im Raum Weißwasser fehlen Hausärzte. Für drei Praxen, die dieses Jahr schlossen, fehlen noch Nachfolger. Viele Patienten verstehen nicht, warum die Ärzte, die da sind, nicht zur Aufnahme weiterer Patienten verpflichtet würden. „Aber ein Arzt kann frei entscheiden, ob er eine Behandlung übernimmt“, so Katharina Bachmann-Bux von der KVS. Die Resonanz auf Werbeversuche sei schlecht, Umfragen hätten ergeben, dass viele Jungärzte eine Praxis im ländlichen Raum nicht attraktiv finden.

Heidrun Breden-Crocoll jedenfalls hat ihre Entscheidung, nach Görlitz zu kommen, nie bereut. „Ich verstehe nicht, was an der Region hier so schrecklich sein soll“, sagt sie. „Ich kann nur jeden ermutigen, sich hier niederzulassen.“

www.kvs-sachsen.de