• Einstellungen
Freitag, 12.01.2018

Ärger um Kita-Standort am Weinberg

Der Landkreis hat Bedenken, eine Winzerin führt triftige Gründe gegen einen Bau an. Dabei wählt sie eine Formulierung, die für neue Diskussionen sorgt

Von Marcus Herrmann

Auf dem Gelände vor dem Weinberg möchte die Stadtentwicklungsgesellschaft ein neues Kitagebäude nebst Außenanlagen bauen. Dagegen regt sich nun Widerstand. Die Stadtratsfraktionen wird das Thema nun wohl öfter beschäftigen.
Auf dem Gelände vor dem Weinberg möchte die Stadtentwicklungsgesellschaft ein neues Kitagebäude nebst Außenanlagen bauen. Dagegen regt sich nun Widerstand. Die Stadtratsfraktionen wird das Thema nun wohl öfter beschäftigen.

© Claudia Hübschmann

Meißen. Die Stadt benötigt dringend mehr Kitaplätze. Auch mit den bereits genehmigten neuen Vorhaben auf dem Kalkberg und neben den Elblandkliniken bleibt eine Versorgungslücke. Wie im vergangenen Jahr bekannt wurde, will die Stadtentwicklungsgesellschaft Seeg als Bauherr tätig werden, eine Eichrichtung mit 36 Krippen- und 60 Kindergartenplätzen bauen. Damit käme Meißen der Deckung des Kitaplatz-Bedarfs näher. Derzeit fehlen in der Stadt 221 Krippen- und 134 Kindergartenplätze.

Als geeignetes Grundstück favorisiert die Verwaltung das Gelände der ehemaligen Rollschuhbahn an der Dresdner Straße, unterhalb der Weinberge des Weinguts Mariaberg. Als aussichtsreichster Betreiber kommt vor allem die Volkssolidarität infrage. Details müssen noch geklärt werden. Man wolle die Kita gern im rechtselbischen Meißen ansiedeln, damit eine Konzentration auf einer Elbseite und in einem bestimmten Stadtgebiet vermieden werde, s agte Oberbürgermeister Olaf Raschke (parteilos) im vergangenen Jahr wiederholt.

Vollschutzkleidung nichts für Kinder

Was die Meißner Stadträte allerdings nicht erfuhren, kommt nun in einem Schreiben der Steillagenwinzerin Anja Fritz gebündelt zur Sprache. Darin appelliert die Chefin des Weinguts Mariaberg an die Räte, sich für einen anderen Standort auszusprechen. Schließlich solle das Kita-Areal direkt unterhalb der Weinberge errichtet werden, wo konventioneller Weinanbau betrieben wird, also auch chemische Stoffe wie Pflanzenschutzmittel zum Einsatz kommen. „Wir betreiben hier Steillagenweinbau. Da der Weinberg vier Meter über dem Kita-Grundstück beginnt, kann eine Abdrift nicht ausgeschlossen werden“, sagt Fritz.

Kaum weniger schwer wiegen weitere Argumente gegen den Standort. So verursache der Einsatz von Motorspritzen bei der Düngung der Weinberge sehr viel Lärm. Zwischen April und September komme es von 7 bis 22 Uhr mehrfach dazu, was seitens des Umweltamtes im Sinne des Bestandsschutzes auch genehmigt sei.

„Mitarbeiter im Weinberg sind zudem häufig in Vollschutzanzügen unterwegs. Ich habe Bauchschmerzen bei dem Gedanken an Kinder, die sich dann fragen, was in der direkten Nachbarschaft los ist. Schon jetzt sind Familien mit Kindern oft irritiert, wenn sie uns so sehen, fragen, ob von uns eine Gefahr ausgeht“, so Fritz, die auch mehrere Ferienwohnungen in Niederspaar betreibt. Zu wenige Parkplätze und ein zu kleines Außenareal des Kindergartens führt sie unter anderem als weitere Gründe an, den Standort besser zu verwerfen.

„Ich bin froh, dass diese Dinge dank Frau Fritz jetzt mal zur Sprache kommen. Denn die gewichtigen Gegenargumente wurden uns in den bisherigen Ausschüssen durch den Oberbürgermeister und die Verwaltung nie kommuniziert“, sagt der CDU-Fraktionsvorsitzende Falk Werner Orgus. Zwar entschieden nicht die Stadträte, wo was gebaut wird. Aber man gebe Empfehlungen und könne wichtige Argumente für oder gegen Standorte abwägen. „Darum findet unsere Fraktion die transparente Vorgehensweise von Frau Fritz super, außer eine Formulierung“, sagt Orgus.

Damit spielt er auf das Wort „krebserregend“ an, das Anja Fritz in ihrem Schreiben bezogen auf die Spritzmittel verwendet hatte. Inzwischen hat sie ihre Aussage relativiert, das auch bei einem Vor-Ort-Termin mit Bauherren und potenziellen Betreibern klargestellt. Man verwende keine nachweisbar krebserregenden Mittel. Diese Formulierung sei falsch gewählt gewesen, sagt sie. Langfristige Beeinträchtigungen für die Gesundheit könne jedoch kein konventioneller Weinanbauer kategorisch ausschließen.

Die Reaktionen darauf fallen zum Teil deutlich aus. So sagt Stadtrat Wolfgang Tücks, Vorsitzender der Fraktion ULM/FDP, der SZ: „Der Einsatz von krebserregenden Substanzen ist in Deutschland verboten. Wenn Frau Fritz dennoch solche Mittel einsetzt, gefährdet sie damit die Gesundheit der Menschen, die sich in der Nähe des Weinberges aufhalten.“

Betriebsschließung angedroht

In einer ersten Reaktion gegenüber Frau Fritz hatte OB Olaf Raschke nach SZ-Informationen laut über eine mögliche Schließung des Betriebs nachgedacht. Offiziell heißt es seitens der Stadt: „In einem konstruktiven Gespräch des OB‘s gemeinsam mit der Seeg-Geschäftsführung, Frau Fritz und den künftigen Betreibern, wurden unterschiedliche Anliegen und Vorstellungen aller Beteiligten noch einmal konkret angesprochen. Hinsichtlich der landschaftlichen Gestaltung, der Lärmsituation und der möglichen Zufahrtsregelung gibt es noch einigen Klärungsbedarf.“

Anja Fritz fürchtet derweil, an den Pranger gestellt zu werden. Schließlich setze sie keine anderen Spritzmittel ein als andere konventionell arbeitende Winzer. Außerdem sei sie seit Jahren bemüht durch Vorträge und Weinwanderungen, das Anbaugebiet bekannter zu machen.

Die Androhung der Betriebskündigung durch das Stadtoberhaupt habe sie geschockt. CDU-Chef Falk-Werner Orgus merkt dazu an: „Herr Raschke sollte lieber die engagierten Meißner Weinbaubetriebe schützen und nicht so unsinnige Drohungen aussprechen. Nach 14 Jahren sollte er langsam wissen, dass die Stadt hier gar keine rechtliche Handhabe besitzt.“ Die hat jedoch das Meißner Landratsamt.

Sprecherin Kerstin Thöns bestätigt die Bauvoranfrage der Seeg. „In der Stellungnahme des Kreisumweltamtes werden Bedenken zum Baustandort aufgrund der Nähe zu den Rebflächen geäußert“, sagt sie. Das sei aber nur eine Empfehlung. Da es noch keinen Bauantrag gebe, müsse die Seeg entscheiden, ob der Bauplatz für die Kita weiterhin favorisiert wird. Für die Spritzmittel sei das Landesamt für Geologie, Umwelt und Landwirtschaft zuständig. Mit dem Wort „krebserregend“ sollte bezogen auf den Insektizid-Skandal vor zwei Jahren vorsichtig umgegangen werden.

Stadtrat Heiko Schulze (Grüne/Freie Bürger) kann sich derweil gut vorstellen, dass nach einem neuen Standort für die Kita gesucht werde. „So schön der Ort wäre, die neuen Erkenntnisse können sicherlich zu einem Umdenken führen.“

Desktopversion des Artikels